Die Idee eines gleichsam über dem Parteiengezänk schwebenden naturfrommen Konservatismus hat es in der bundesrepublikanischen Parteiengeschichte schon einmal gegeben: bei den Grünen der ersten Stunde. Konrad Adam hält es bis heute für einen historischen Fehler Helmut Kohls, dem grünen Konservatismus kein Obdach geboten und stattdessen für eine Modernisierung der CDU votiert zu haben, in der radikale Traditionalisten wie Herbert Gruhl keinen Platz mehr hatten. Auch bei den Grünen kam der konservative Antimodernismus, der sich von Heideggers Kritik an der Technik und der "Vernutzung" der Natur herschreibt, nicht lange unter. Jahrzehntelang trug der grüne Konservatismus kein Parteiabzeichen. Jetzt wird seine radikale Agenda des ursprungshaft Natürlichen und Eigentlichen in der AfD wieder aufgegriffen. Nur vom "gesunden Menschenverstand" möchte der hellhörige Adam nichts hören. Das erinnere ihn zu sehr ans "gesunde Volksempfinden" und damit an das aktuell größte Problem seiner Partei, die dem irdischen Parteienzank keineswegs entkommen ist: Sie muss sich den rechten Pöbel mit aller Entschiedenheit vom Leib halten, wenn sie überleben will.

Alexander Gauland sitzt zwei Tage später in Potsdam beim Italiener in der Nähe des Heiligen Sees. Die Villen von Wolfgang Joop und Günther Jauch, auch das Grab von Frank Schirrmacher sind nicht weit. Gerade hat er als Alterspräsident den Brandenburgischen Landtag eröffnet, in dem die AfD neuerdings elf Sitze hat. Gauland ist 73 Jahre alt, von denen er mehr als 40 in der CDU verbracht hat. Er war Leiter der Hessischen Staatskanzlei. Martin Walser hat ihn in seinem Roman Finks Krieg in der Figur des Staatssekretärs Tronkenburg porträtiert. Später war er jahrelang der Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Jetzt ist er der Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg und kann sein geplantes Buch über Bismarck vorerst nicht mehr schreiben.

Die Brandenburgischen Landtagsabgeordneten haben nicht schlecht gestaunt, als Gauland in seiner Eröffnungsrede im Landtag ausführlich Edmund Burke zitiert hat, den britischen Staatsphilosophen des 18. Jahrhunderts, der eine romantische Vorliebe hatte für die großen aristokratischen Familien, die alten englischen Landhäuser, die altehrwürdigen britischen Traditionen. Doch kann man sich vorstellen, dass der aufgeräumte, hochgebildete ältere Herr, der mir im tadellosen Tweed in Potsdam gegenübersitzt, sich nicht ungern in der Rolle eines Burke von Brandenburg sähe. Auch wenn der "preußisch-deutsche Konservatismus" zugrunde gegangen und nicht wieder heraufzurufen sei, wie Gauland in seiner Anleitung zum Konservativsein vermutlich nicht ohne Bedauern vermerkt hat.

Als absehbar wurde, wie hyperpragmatisch und modern die CDU unter der Kanzlerin geworden ist, hat Gauland gemeinsam mit Konrad Adam, Christean Wagner und anderen den "Berliner Kreis" gegründet, ein konservatives Netzwerk innerhalb der CDU, das den Christdemokraten den gesellschaftlichen Ordnungsverlust vorhielt, der mit der Liberalisierung der Partei einherging. Gern zitiert Gauland das Wort des Verfassungsrichters Böckenförde, nach dem die moderne Industriegesellschaft von Bedingungen abhängig sei, die sie nicht selbst schaffen könne. Und es behagt ihm überhaupt nicht, dass die globalisierte Industriekultur den Ruin solcher Bedingungen immer weiter betreibt. Wenn die AfD eine über das unmittelbar Politische hinausgehende Mission hat, dann besteht sie darin, die "spirituelle Leere", wie der Parteienforscher Franz Walter die Hinterlassenschaft der modernisierten CDU genannt hat, zu füllen und dem unbehausten Wirtschaftssubjekt wieder die Geborgenheit von Kultur, Familie, Heimat und Geschichte zurückzubringen.

Wie macht man das? Genügt es, Deutschland hier und da wieder ein bisschen unflexibler, altmodischer und gemütlicher zu machen? Mit ein bisschen weniger Englisch bei der Deutschen Bundesbahn, ein bisschen mehr Violinenkonzerten im Deutschlandfunk und ein bisschen weniger Scheidungskindern im deutschen Mittelstand? Oder sollte man das Problem gleich bei der Wurzel packen und, sagen wir mal ganz salopp – richtig kapitalismuskritisch werden? Tiefes Durchatmen. Konrad Adam hatte diese Frage umstandslos mit Ja beantwortet. Alexander Gauland zögert und denkt womöglich an den Ärger, den er sich mit so einem Wort bei seinen Parteigenossen Olaf Henkel und Bernd Lucke einhandelt. Ja, es stimme, die Globalisierung zerstöre Werte, die wir seit Jahrhunderten kennen, sagt er schließlich. Eine Lösung habe er dafür auch nicht. Man könne nur versuchen, mit nationaler Abschottung die Gefahren der Globalisierung einzuhegen. Doch spiele das Thema Kultur- und Geschichtsverlust in der Parteispitze bisher eigentlich keine große Rolle. Wenn er den Namen Bismarck erwähne, habe Lucke das Gefühl, das sei irgend so ein Reaktionär von ganz dahinten. Gaulands Interessensschwerpunkt in der Partei liegt ohnehin in der Außenpolitik, die er sich weniger amerikanisch dominiert und gemeinsam mit Russland wünscht. In Brandenburg kam das gut an. 20.000 Wählerstimmen von den Linken hat Gauland dafür bekommen.

Dieser massive Stimmenfang der AfD bei den Linken ist durchaus rätselhaft. Bietet die Partei nicht auch eine Art Anleitung zum Fremdenhass? Und sind die Linken nicht die eigentlichen Propheten der Willkommenskultur? Aber was Gauland über Ausländer in Deutschland sagt, ist gnadenlos: "Wir sagen klar und deutlich, dass wir manche Menschen in Deutschland nicht haben wollen. Und wenn Islamisten und Jesiden bei uns ihre Bürgerkriege fortsetzen, sind die falschen Menschen bei uns. Manche sagen, das sei nicht christlich. Aber die Staatsräson kann nicht christlich sein. Als Privatmann kann ich jeden aufnehmen. Aber als Staat geht das nicht." Sind es solche Sätze, die Schäuble meint, wenn er die AfD eine Schande für Deutschland nennt? Gauland lacht das böse Wort weg: "Bei der CDU weiß man nie, vor wem sie sich gerade mehr fürchtet, vor dem Zeitgeist oder vor ihren eigenen Anhängern."

Wenig später treffe ich in Karlsruhe in einer ausgestorbenen Hotelbar Marc Jongen, den jüngsten der Parteiintellektuellen der AfD. Der 46-jährige promovierte Philosoph ist Mitarbeiter von Peter Sloterdijk an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung. Seine Doktorarbeit befasste sich mit Nichtvergessenheit. Tradition und Wahrheit im transhistorischen Äon. Den Titel findet er inzwischen selber ein bisschen hochtrabend. Aber so sei er nun mal: Das Pathos des metaphysischen Wahrheitsbegriffs sitze ihm schon immer im Nacken. Als Student hat er drei berauschende Monate in Indien verbracht und danach ein Buch über das Wesen spiritueller Erkenntnis verfasst, in dem er schrieb: "Der spirituelle Standpunkt ist der einzige, von dem aus ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise der Menschheitsentwicklung sich zeigen kann, der einzige, von dem aus eine grundlegende Erneuerung unseres Wissens, unserer Kultur und Gesellschaft – nämlich im Sinne der Wiederherstellung des Uralten – möglich ist." Das war vor sechzehn Jahren.

Vor ein paar Monaten hat Jongen in der Zeitschrift Cicero ein "AfD Manifest" publiziert. Darin verlangt er, dass da, "wo der Amoklauf der Moderne sein ›Krise‹ genanntes Zerstörungswerk schon vollendet hat, tradierungswürdige Zustände neu geschaffen werden müssen". Er denke dabei, sagt er beim Kräutertee in Karlsruhe, zwar nicht an die konservative Revolution der zwanziger Jahre, die Zustände, in denen es sich wieder zu leben lohnte, "heroisch herbeibomben" wollte. Aber durchaus an eine grundsätzliche Transformation des Bewusstseins, ja, warum nicht sogar an eine konservative Avantgarde der bürgerlichen Mitte, die heute die eigentlich revolutionäre Klasse sei. Konrad Adam hat über so viel Revolutionsromantik nur den Kopf geschüttelt: "Erst schaffen, was erhaltenswert ist, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?"

Man sieht mit bloßem Auge: Die drei Vordenker der AfD sind sich gar nicht einig darin, woran das Land genesen soll. Womit soll das Wertevakuum gestopft, womit die "spirituelle Leere" des durchliberalisierten Landes gefüllt werden? Mit Burke, mit Bismarck, mit den alten Griechen? Oder soll eine "bürgerliche Revolution", angeführt von einem höflichen Philosophen aus Karlsruhe, die ersehnte Alternative für Deutschland bringen?

Auch wenn das alternative Deutschland der drei Parteiweisen so alltagsuntauglich zu sein scheint wie ein kratzender Anzug aus den fünfziger Jahren, muss man zugeben: Selten war die Stimmung für eine konservative Sinnsuche so günstig wie jetzt. Denn das, was sie in Aussicht stellt – Bindungen, Dauer, Sicherheit –, hat im Moment niemand im Angebot. Die nächste Sitzung der Programmkommission ist im November.