Die Franzosen sind die neuen Prügelknaben Europas. Die Wirtschaft? Zu teuer. Die Politik? Verlottert. Die Gesellschaft? Erstarrt. Frankreich ist der nächste Kandidat für den europäischen Rettungsschirm – dieser Eindruck wird gerade in der deutschen Debatte häufig erweckt. Dem Ruf des Landes ist es dabei nicht zuträglich, dass die Regierung in Paris nun schon wieder gegen die europäischen Budgetregeln verstößt und zugleich die Deutschen auffordert, mehr Geld auszugeben.

Tatsächlich hat Frankreich ganz erhebliche Probleme: Der Staatsapparat ist aufgebläht, der Arbeitsmarkt verkrustet, und die Franzosen wenden sich radikalen Kräften zu, weil sie den Glauben daran verlieren, dass die etablierten Parteien die Wende zum Besseren hinbekommen. Und doch hat das Bild eines Landes im freien Fall mit der Realität nicht sehr viel zu tun. In vielerlei Hinsicht ist Frankreich sogar besser für die Zukunft gerüstet als Deutschland.

Beispiel Demografie: Die Franzosen bekommen deutlich mehr Kinder als die Deutschen, weshalb die Alterung der Gesellschaft wesentlich langsamer voranschreitet. Nach Schätzungen der EU werden im Jahr 2060 etwa 33 Prozent der Bundesbürger älter als 65 Jahre sein, in Frankreich liegt der Anteil der Alten bei unter 27 Prozent. Die Franzosen müssen bei der Rente also nicht so stark kürzen wie die Deutschen – und wenn es ungefähr so weitergeht wie bisher, dann wird in zwanzig Jahren Frankreich und nicht Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas sein.

Beispiel Schulden: Der französische Staat gibt erheblich mehr Geld aus als der deutsche, aber auch weil er deutlich mehr investiert. Das stützt jetzt die schwache Konjunktur und zahlt sich vor allem auch langfristig aus. Die großzügige Kinderbetreuung beispielsweise ist zunächst einmal kostspielig, aber sie hält die Bevölkerung stabil und wird in Zukunft die Sozialsysteme entlasten. Die Liste ließe sich fortsetzen: Frankreich hat mehr internationale Großunternehmen als Deutschland, die Produktivitätsentwicklung kann sich sehen lassen, und auch das Wirtschaftswachstum fiel in den vergangenen 15 Jahren im Schnitt höher aus als in Deutschland.

In gewisser Weise sind die Franzosen heute in der Position, in der die Deutschen vor zehn Jahren waren. Damals war Deutschland angeblich nicht zu retten, heute wird dasselbe von Frankreich behauptet. Damals galt die Agenda 2010 nicht als Jahrhundertreform, sondern bestenfalls als Reförmchen, das die Probleme des Landes nie und nimmer lösen werde. Und damals hat der deutsche Finanzminister ebenso gegen die Defizitregeln verstoßen, wie es sein französischer Kollege heute tut.

Es gibt eben nicht nur einen Zyklus der Wirtschaft selbst, sondern auch einen Zyklus des Blicks darauf: Wer gerade oben ist, der ist angeblich auf dem richtigen Weg. Und wer unten ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Wenn sich die Herde erst einmal in Bewegung gesetzt hat, dann rennen alle in dieselbe Richtung.

Deshalb ist es nicht sonderlich überraschend, dass die Reformen der französischen Regierung von den meisten deutschen Ökonomen als völlig unzureichend bewertet wurden. Es ist aber auch nicht sonderlich aussagekräftig. Tatsächlich haben die Franzosen einiges getan, um ihre Firmen wettbewerbsfähiger zu machen. Das hat diese Woche sogar die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs festgestellt, die nicht für ihre Nähe zu den französischen Sozialisten bekannt ist.

Aber schließlich tat sich im Fall Deutschland auch das Staatsoberhaupt schwer, die Dinge richtig einzuschätzen. Als Horst Köhler 2005 in einer Ansprache warnte, "die Zukunft unserer Kinder" stehe auf dem Spiel, war Deutschland bereits aus dem Gröbsten raus. Von da an ging’s bergauf.

Siehe auch Wirtschaft, S. 20: Sollte Deutschland mehr investieren?