ZEIT: War diese Migration von Armut getrieben?

Holenstein: Wirtschaftliche Gründe spielten immer eine Rolle, aber das musste nicht unbedingt Armut sein. Das Bild von der Emigration aus der Not ist sehr stark geprägt von einer Idee, dass eigentlich die bäuerliche Sesshaftigkeit das anständige, richtige Leben ist.

ZEIT: Gehen wir eine andere historische Schneise zurück: zur Geburtsstunde der Schweizer Souveränität bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden von 1648.

Holenstein: Die Erzählung will, dass der Basler Bürgermeister Wettstein dem römisch-deutschen Kaiser die rechtlich anerkannte Unabhängigkeit der Schweiz abverhandelte. Ursprünglich hatte Wettstein dieses Ziel aber gar nicht vor Augen. Ihm ging es darum, dass die Basler Kaufleute in Zukunft nicht mehr vor Reichsgerichten behelligt werden sollen. In Münster wurde er recht schnell vom französischen Gesandten zur Seite genommen, und der flüsterte ihm ein, er solle doch versuchen, die Kantone aus dem Reich herauszulösen. Frankreich erkannte die Chance, die Eidgenossenschaft umso stärker an sich zu binden. Louis XIV. machte denn auch aus dem Land eine Art französisches Protektorat. Die Souveränität der Schweiz war also im Interesse einer anderen Großmacht.

ZEIT: Was machte die Schweiz so attraktiv für die Mächte in der frühen Neuzeit?

Holenstein: Die geopolitische Lage ist absolut entscheidend. In Wales oder in der Bretagne wäre keine Schweiz entstanden. Das Land liegt mitten in Europa, zwischen den großen Blöcken. Und es liegt im zentralen Alpenabschnitt, wo mit dem Großen St. Bernhard, dem Simplon, dem Gotthard und den Bündner Pässen die großen Übergänge zwischen Nord- und Südeuropa liegen. Im 16. und 17. Jahrhundert gehörte die Schweiz zum spanischen Mächtekreis. Und die spanische Monarchie war über halb Europa verteilt – wie aber konnte der spanische König seine Truppen verschieben? In den Soldverträgen mit den Kantonen war das Durchmarschrecht für fremde Truppen ein zentraler Teil. Und wenn man spanische Truppen relativ sicher aus Mailand über den Gotthard nach Flandern und in die Niederlande bringen konnte, weil dort der holländische Befreiungskrieg tobte, machte dies die Schweiz zu einem höchst attraktiven und interessanten Partner. Aber auch zu einem riskanten Player, weil die Großmächte fürchten mussten, über eidgenössisches Gebiet von einer anderen Großmacht angegriffen zu werden.

ZEIT: Wieso aber ließen die Großmächte das Land über Jahrhunderte in Ruhe, bis die französische Armee 1798 in die Eidgenossenschaft einmarschierte?

Holenstein: Man könnte von einer sogenannten indirect rule der Großmächte sprechen. Unter den Ratsherren gab es kaum einen, der nicht am Geldtropf von Habsburg, Frankreich, Spanien oder gleich allen zusammen hing. Wenn eine Macht versucht hätte, diesen Raum unter ihre exklusive Kontrolle zu bringen, wäre das für sie mit einem hohen Aufwand verbunden gewesen. Sie hätte das Land mit sehr vielen Truppen besetzen und befestigen müssen. Trotzdem hätte sie keine letzte Sicherheit gehabt. Die Situation änderte sich aber komplett mit dem unerwarteten Sieg der französischen Republik im ersten Koalitionskrieg von 1797.

ZEIT: Wie reagierte die Schweiz darauf?

Holenstein: Die französische Armee baute seit dem Herbst 1797 einen so mächtigen Druck gegenüber der Eidgenossenschaft auf, dass zwischen Januar und März 1798 die alten Regimes implodierten. Aber an einem bestimmten Punkt sagten die Franzosen: Halt! Denn die Revolutionen in der Schweiz liefen teilweise in Richtungen, die ihnen überhaupt nicht passten. Sie wollten nicht, dass wieder zahlreiche kleine Landsgemeinde-Demokratien entstanden, sie wollten eine repräsentative Demokratie.

ZEIT: Das Vorhaben scheiterte.

Holenstein: 1802 merkte der Erste Konsul Bonaparte, dass die Schweiz mit einem zentralistischen Einheitsstaat nicht zu beruhigen war – letztlich ging es auch ihm wie schon den früheren Königen um die Alpenpässe. Also unternahm er das sensationelle Experiment mit der Consultat. Er zitierte die Crème de la Crème der eidgenössischen Politik nach Paris und steckte die Schweizer Spitzenpolitiker für ein paar Monate in ein Verfassungslaboratorium. Der Mediator Bonaparte wurde so etwas wie ein zweiter Gründer der Eidgenossenschaft, weil er den Föderalismus wiederherstellte.

ZEIT: Nach der Neutralität und der Souveränität wurde also auch die dritte Maxime des späteren Bundesstaats der Schweiz von außen aufgedrängt?

Holenstein: Genau. Bonaparte sagte den Schweizern: Ich habe die Verhältnisse in eurem Land studiert, ich weiß, was ihr braucht. Ihr seid so ein komplexer Haufen mit so vielen Unterschieden und so vielen Interessengegensätzen. Für euch funktioniert nur der Föderalismus.

ZEIT: Die Schweiz ist also ein Sonderfall?

Holenstein: Ja. Man muss sich aber auch vergegenwärtigen, dass die Schweizer Republik im 19. Jahrhundert völlig quer stand zu den restaurativen, reaktionären Tendenzen in einem Europa der Monarchien. Zumindest in einigen Kantonen herrschte zudem eine sehr liberale Grundstimmung und Gesellschaftsordnung.

ZEIT: Wieso tut sich dann die moderne Geschichtsschreibung so schwer, diesen Sonderfall zu akzeptieren?

Holenstein: Es sind halt bestimmte politische Strömungen, die auf diesem Sonderfallstatus beharren und sagen: Wir sind anders als die anderen. Dieses Denken bedient isolationistische bis teilweise xenophobe Bestrebungen. Aber auch Strömungen innerhalb des geschichtswissenschaftlichen Diskurses spielen eine Rolle. Einerseits war nach dem Zweiten Weltkrieg die Ablehnung des Sonderfalls eine Reaktion auf die geistige Landesverteidigung. Andererseits wollte man Anschluss kriegen an wichtige Entwicklungen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Grundlegende soziale und ökonomische Phänomene, die für die europäische Geschichte wichtig waren, wie die industrielle oder die demografische Revolution, das Problem des Pauperismus, die Arbeiterbewegung, kannte man auch in der Schweiz.

ZEIT: Wie würden Sie selbst den Sonderfall Schweiz definieren?

Holenstein: Die Schweiz ist ein Land, das über die Jahrhunderte hinweg in der Lage war, aus Einsicht in seine begrenzten Möglichkeiten und in seine begrenzte Macht, sich mit dem Umfeld so zu arrangieren, dass es letztlich gleichwohl politisch selbstständig geblieben ist. Die Westschweizer Journalistin Joëlle Kuntz nannte das in ihrem Buch Le génie de la dépendance , die Kunst der Abhängigkeit.

ZEIT: Die Schweiz wusste also immer um ihre eigene Verletzlichkeit?

Holenstein: Genau. Und diese Einsicht droht heute verloren zu gehen. Im heutigen europapolitischen Diskurs in der Schweiz gibt es Kreise, die dazu neigen, das Souveränitäts- und Neutralitätsdenken zu verabsolutieren und zu einer zeitlosen Maxime in Bezug auf die Geschichte zu stilisieren. Dadurch gerät die Schweiz in Gefahr, die Macht und die Kräfte des Kleinstaates maßlos zu überschätzen. Mit Argumenten, die auf die Geschichte Rekurs nehmen, wird ein Bild der Schweizer Vergangenheit transportiert, das krass an einem tieferen Verständnis für die condition d’être des Landes vorbeigeht. Dass nämlich der Kleinstaat immer wieder gezwungen war und bleiben wird, Abstriche an seiner Souveränität und Neutralität zu machen, um überhaupt überleben zu können.

ZEIT: Eine solche Einsicht ist unangenehm und kratzt am Stolz eines jeden Hurrapatrioten.

Holenstein: Stolz ist keine analytische Kategorie, erst recht keine wissenschaftliche. Das ist eine politische Kategorie. Trotzdem: Man könnte auch einen Stolz auf das génie de la dépendance entwickeln. Wie ein Land es eben schaffte, immer wieder mit diesen Abhängigkeiten kreativ umzugehen.