Entwicklung und Gesundheit für alle – die Bill & Melinda Gates Foundation aus Seattle will die Welt verbessern. Dabei gilt die Organisation des Microsoft-Gründers Bill Gates und seiner Frau Melinda als größte private Stiftung der Welt. Mit rund 41 Milliarden Dollar entspricht ihr Kapital fast der jährlichen Wirtschaftsleistung von Ghana.

Rund 3,6 Milliarden Dollar hat die Stiftung allein im vergangenen Jahr ausgeschüttet, unter anderem um Krankheiten wie Malaria und Aids zu bekämpfen. Doch diese Großzügigkeit hat einen Nachteil: So wird die Weltgesundheitsorganisation WHO von Gates’ Stiftungsinitiativen geradezu erdrückt – während ihr gleichzeitig die Mittel fehlen, um die Verbreitung des Ebola-Erregers wirksam zu bekämpfen. Öffentlich kaum bekannt ist nämlich, dass rund 80 Prozent des Budgets der WHO auf freiwillige Zahlungen und Spenden zurückgehen. Diese Mittel sind zweckgebunden, sie dürfen also nur entsprechend den Vorgaben der jeweiligen Geber eingesetzt werden. Und der Mann, auf dessen Wille es in einem kaum zu überschätzenden Maße ankommt, heißt Bill Gates.

Die Gates-Stiftung lässt der WHO inzwischen mehr Geld zukommen als die gesamten Vereinigten Staaten. Im vergangenen Geschäftsjahr waren es allein 300 Millionen Dollar. Ihr Geld will das Stifterpaar allerdings nur für bestimmte Programme verwendet wissen – und Ebola stand bis vor Kurzem nicht auf ihrer Liste. Erst im September kündigte Bill Gates medienwirksam an, auch 50 Millionen Dollar für die Bekämpfung von Ebola spenden zu wollen. Da wütete die Seuche schon längst in mehreren Ländern.

Der Microsoft-Gründer spielt eine enorme Rolle bei der WHO. Zweimal schon durfte er die Eröffnungsrede bei der Hauptversammlung halten, auch seine Frau durfte dort schon auftreten. Dabei nehmen bei diesen Konferenzen ansonsten nur Experten und Regierungsvertreter teil. Der Aufstieg von Großspendern wie dem Ehepaar Gates hat vor allem damit zu tun, dass die 194 Mitgliedsstaaten der WHO seit den neunziger Jahren ihre Beiträge für das allgemeine Budget der Organisation stetig zurückgefahren haben. Besonders deutlich wurde das zuletzt beim Etat für Notfälle wie der aktuellen Ebola-Epidemie. Er wurde in kurzer Zeit mehr als halbiert: von 469 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2012/13 auf 228 Millionen Dollar für das Jahr 2014/15.

Wäre Gates mit seiner Spende einfach nur eingesprungen, wäre das nicht weiter schlimm. Doch selbst seine Gaben können die gekürzten Mittel nicht vollständig ersetzen. Zudem sind sie – wie meist bei privaten Initiativen – an strenge Auflagen oder gar spezifische Krankheiten gebunden. Linsey McGoey, Soziologieprofessorin an der University of Essex, hat sich mit den Nebenwirkungen dieser Form von Wohltätigkeit beschäftigt. "Die Spenden lenken von den Schwächen des Gesundheitssystems ab, das durch die wohltätigen Gaben nicht nur nicht verbessert, sondern oft noch behindert wird", sagt sie. Gates’ Initiativen sollen unter anderem weltweit Polio ausrotten sowie HIV, Tuberkulose und Malaria bekämpfen. Für McGoey und andere Kritiker steht fest: Diese moderne Form der Wohltätigkeit hat die internationale öffentliche Gesundheitspolitik in eine Ansammlung unkoordinierter Einzelprojekte verwandelt, die sich den Wünschen der Geldgeber unterordnen muss. Eine Sprecherin der Stiftung weist diesen Vorwurf allerdings zurück: "Wir stellen mit drei Milliarden jährlich nur einen geringen Anteil der weltweiten Ausgaben für Entwicklung und Gesundheit in Höhe von 140 Milliarden Dollar dar und konzentrieren deshalb unsere Ressourcen auf Aufgabengebiete, wo wir glauben, die größtmögliche Wirkung erzielen zu können."

So wie Gates mit dem Betriebssystem Microsoft Windows einst die Welt der Computer verändert hat, beeinflusst er mit seiner Stiftung die Welt der Wohltätigkeit. Er zählt zu den Pionieren des "Philanthrocapitalism", einer Art Wohltätigkeitskapitalismus, der nach unternehmerischen Grundsätzen funktioniert. Seine Programme und Projekte haben genaue Zielvorgaben, sie müssen einer Kosten-Nutzen-Analyse standhalten und vor allem messbare Resultate vorweisen. Der Gewinn wird nicht in Dollar gerechnet, sondern in der Zahl verhinderter Todesfälle oder der Ausrottung von Krankheiten. Gates selbst benutzt Begriffe aus der Geschäftswelt, um seine gemeinnützigen Aktivitäten zu beschreiben: "Unser Beitrag zur Gesellschaft soll die größtmögliche Wirkung haben, und wir suchen nach Investmentmöglichkeiten, die maximale Rendite zu erzielen", schrieb er in einem Gastbeitrag für das Magazin Wired.

Impfungen passen perfekt in dieses Konzept. Und auch Organisationen wie Gavi, die von der Gates-Stiftung gefördert werden. Gavi wurde 2000 als Global Alliance for Vaccines and Immunization gegründet, unter anderem fördert sie Impfkampagnen gegen Kinderlähmung. Seit ihrer Gründung habe Gavi geholfen, 440 Millionen Kinder zu impfen, heißt es auf der Webseite der Organisation. Gesundheitsexperten loben die Initiative, weil sie die Kindersterblichkeit gesenkt habe. Doch es gibt auch Kritik.

So macht sich Gavi für eine Impfung mit Pentavalent stark. Der Impfstoff soll Kleinkinder zugleich vor Diphterie, Tetanus, Keuchhusten sowie vor Hepatitis B und Hib schützen – einem Bakterium, das Meningitis und Lungenentzündung auslöst. Doch die Impfung ist umstritten: Nach einer Reihe von Todesfällen setzten Sri Lanka, Bhutan und Vietnam die Gabe von Pentavalent zunächst aus, nahmen sie nach Beratungen mit der WHO (die Pentavalent empfiehlt) jedoch wieder auf. In Indien zweifeln Mediziner wie Gopal Dabade von der unabhängigen Ärzte-Initiative All India Drug Network am Sinn des neuartigen Kombischutzes. Eines seiner Argumente: Gegen Hepatitis B sollte man Kinder idealerweise direkt nach der Geburt impfen, Pentavalent darf allerdings erst später verabreicht werden. Zudem sei der neue Impfstoff teurer als der bisherige Schutz durch einzelne Impfungen, sagt Dabade. Gegen das Hib-Bakterium sei eine breite Impfkampagne in Indien darüberhinaus gar nicht nötig, argumentiert Jacob Puliyel. Er leitet die kinderärztliche Abteilung des St. Stephens Hospital in Delhi und ist ein bekannter Kritiker von Gavi. Ein Sprecher der Organisation erklärt, keiner der Todesfälle sei auf die Impfung zurückzuführen. Pentavalent biete allerdings viele Vorteile gegenüber Einzelimpfungen. So seien nur drei statt der üblichen neun Injektionen notwendig, um vor fünf Krankheiten zu schützen. Zudem senke die Kombi-Impfung den Aufwand in der Kühlkette sowie beim Transport und belaste die Umwelt weniger. Die Kosten für die Impfung, die in den USA noch vor nicht allzu langer Zeit etwa 30 Dollar betragen habe, habe Gavi durch Verhandlungen mit den Herstellern auf durchschnittlich 2,04 Dollar pro Dosis reduzieren können.

Maximierung des Spendenkapitals

Um die Aufnahme von Pentavalent in das indische Impfprogramm zu beschleunigen, subventioniert Gavi zunächst die Impfung und hat dafür bis zu 265 Millionen Dollar bereitgestellt. Von 2016 an übernimmt die indische Regierung die Kosten, was Puliyel kritisiert. Die tatsächliche Belastung für das öffentliche Gesundheitssystem stelle sich erst heraus, nachdem die Subventionen ausliefen. Doch zu dem Zeitpunkt gehöre die Impfung längst zum Standard, warnte der Kinderarzt im Februar in einem Zeitschriftenbeitrag.

Andere Kritiker verweisen auf potenzielle Interessenskonflikte bei Gavi. Im Verwaltungsrat sitzen nicht nur Regierungsvertreter verschiedener Länder, sondern auch ein Entsandter der Gates-Stiftung, eine Hedgefonds-Managerin, jemand von der Investmentbank Goldman Sachs sowie ein Partner des Consulting-Konzerns BDO, zu dessen Kunden auch Pharmakonzerne gehören. Auch die Rolle von Adar Poonawalla in dem Gremium ist umstritten. Er ist Spross eines indischen Milliardärsclans, zu dessen Imperium das Serum Institute gehört, einer der führenden Impfstoffhersteller und Anbieter von Pentavalent. Ebenfalls im Verwaltungsrat sitzt Olivier Charmeil, Chef von Sanofi Pasteur, der Impfsparte von Sanofi. Dem Pharmakonzern gehört unter anderem der indische Hersteller Shanta Biotechnics, zu dessen wichtigsten Produkten ebenfalls Pentavalent zählt. Auf das Thema angesprochen, erklärt Gavi, Verwaltungsratsmitglieder würden potenzielle Interessenskonflikte jährlich offenlegen und sich bei möglichen Interessenskonflikten aus sämtlichen Beratungen und Entscheidungen zurückziehen.

Streit gab es auch um eine andere, von der Gates-Stiftung maßgeblich mit gesponserten Initiative. Dabei ging es um eine Anwendungsstudie zur HPV-Impfung, die vor Gebärmutterhalskrebs schützen soll. In 2009 wurden mehreren Tausend Schülerinnen in Indien das Merck-Produkt Gardasil sowie Cervarix von Glaxo Smith Kline verabreicht. Zahlreiche Mädchen wurden später krank, sieben starben. Die Studie war von der Organisation Path durchgeführt worden, die ihrer eigenen Webseite zufolge "Innovation vorantreibt, um Leben zu retten". Path nennt die Bill & Melinda Gates-Stiftung einen ihrer wichtigsten Partner seit 1998.

Kalpana Mehta, eine in Gesundheitsfragen engagierte Aktivistin der indischen Frauenbewegung, bekämpft solche Medikamententests, seit sie 2009 erstmals von den Todesfällen gehört hat. "Ihre Rechte wurden verletzt", sagt sie über die damals geimpften Mädchen. Sowohl sie als auch ihre Eltern hätten den Tests auf der Grundlage genauer Informationen ausdrücklich zustimmen müssen. Das sei in vielen Fällen nicht geschehen, schimpft Metha. Ebenso sei die medizinische Nachsorge unzureichend gewesen.

Mehta kritisiert besonders den Indian Council of Medical Research, die führende staatliche Forschungs- und Beratungsinstanz im Gesundheitswesen. Diese sei als Partner von Path aufgetreten, habe ihre Autorität und Infrastruktur für ein fragwürdiges Projekt zur Verfügung gestellt und damit die Objektivität und Unabhängigkeit einer öffentlichen Institution preisgegeben. Nur Dank ihrer Hilfe habe Path überhaupt erst den Zugang zu Tausenden von Probanden gefunden. Path weist die Vorwürfe zurück. Die Vorfälle seien von staatlichen Stellen untersucht worden, und es habe keine Kausalität festgestellt werden können. Das Vorgehen zum Erhalt der Einverständniserklärungen sei mit Ethikgremien in Indien und den USA abgestimmt gewesen. Path habe alle notwendigen Genehmigungen erhalten und könne einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Impfung ausschließen.

Für Gates und seine Stiftung dürfte die Nähe zur Industrie nicht anrüchig, sondern eher erstrebenswert sein. Dahinter stecke die Auffassung, dass die Privatwirtschaft den Bürokratien öffentlicher Institutionen überlegen sei, schätzt Michael Edwards. Der Autor eines Buches über Wohltätigkeitskapitalismus hat schon für diverse Hilfsorganisationen und die Weltbank gearbeitet. "Gates und andere Wohltätigkeitskapitalisten sind überzeugt, dass Unternehmen effizienter und effektiver zum Ziel kommen." Bei Gavi sind Unternehmen bewusst Partner, wie aus der eigenen Webseite hervorgeht. Dort ist von gebündelten Kräften die Rede, die "von der wissenschaftlichen Expertise der WHO, dem Beschaffungssystem von Unicef über das finanzielle Know-how der Weltbank bis hin zur Marktkenntnis der Impfindustrie" reichten. Die Sprecherin der Gates-Stiftung erklärt, durch die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft sei es gelungen, den Preis für viele Medikamente zu senken, die für Menschen in ärmeren Ländern zu teuer gewesen seien. Bei HIV-Medikamenten habe man eine Reduktion um 99 Prozent erreicht.

Gates-Gegner weisen darauf hin, dass das Stiftungsvermögen zum Teil in Aktien von Unternehmen steckt, die wiederum von Projekten der Stiftung profitieren. So besaß die Stiftung zeitweise Aktien der Pharmakonzerne Merck und Eli Lilly, wie aus Dokumenten der Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Über ihre Beteiligung an Berkshire Hathaway hält sie weiterhin indirekt Anteile an Sanofi. Der Stiftung zufolge sei das Anlagevermögen von den Kernzielen jedoch strikt getrennt. Die Vermögensverwaltung sei auf die Maximierung des Spendenkapitals ausgerichtet. Auf der Webseite der Stiftung heißt es zu den Kriterien der Geldanlage: "Bei ihren Weisungen an Investmentmanager beziehen Bill und Melinda außer den Unternehmensgewinnen noch andere Kriterien mit ein, unter anderem die Werte, auf denen die Arbeit der Stiftung basiert. Sie haben Bereiche ausgewiesen, in die das Geld der Stiftung nicht investiert wird, etwa wenn sie die Hauptgeschäftsaktivität verabscheuenswert finden. Deshalb investiert die Stiftung nicht in Tabakkonzerne."

Auch wenn es im Einzelfall gut und ehrenwert sei, was Einzelpersonen oder Unternehmen mit ihrem Geld tun: "Es gibt keine öffentliche Debatte über die Vergabe dieser Mittel", sagt Jeremy Youde, Dozent an der University Minnesota Duluth. Und das bleibt das Problem des Wohltätigkeitskapitalismus: Er legt Entscheidungen über das Wohl und Wehe der Menschheit in die Hände einiger weniger Geldgeber mit individuellen Vorstellungen. Die Bill & Melinda Gates-Stiftung schuldet niemandem Rechenschaft.

Mitarbeit: Jan Roß