Der brasilianische Präsidentschaftswahlkampf wird im Schlussspurt furchtbar hässlich: Die Entscheidung fällt am Sonntag, und die zwei Kandidaten liefern sich einen erbitterten Krieg der Worte. Politische Inhalte spielen jetzt, da Amtsinhaberin Dilma Rousseff und ihr konservativer Herausforderer Aécio Neves in Umfragen etwa gleichauf liegen, keine Rolle mehr. Und die meisten Brasilianer haben sowieso alle Hoffnung fahren lassen, dass Linke oder Konservative im Land ernsthaft etwas verändern wollen.

Die Wahlstrategen beider Parteien meinen darum, ihr Kandidat könne nur noch gewinnen, wenn der Gegner nach Kräften verunglimpft wird. Die Taktik scheint sich auszuzahlen: Eine wachsende Zahl von Brasilianern, inzwischen 38 Prozent, sagt, dass sie "niemals" Neves wählen würde. 42 Prozent sagen dasselbe über die Präsidentin. Die demokratische Fairness bleibt dabei auf der Strecke.

Ein paar Kostproben dieser Angst- und Hasskampagne: Kürzlich erinnerte Rousseff in einer Fernsehdebatte daran, dass ihr Widersacher vor drei Jahren in eine Polizeikontrolle geraten war und sich geweigert hatte, einen Alkoholtest zu machen. "Ich setze mich nicht unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen ans Steuer", erklärte sie – und schwieg. Was sie nicht sagte, aber unmissverständlich meinte: Seht her, liebe Wähler, Neves ist ein unverantwortlicher Playboy aus der reichen Gesellschaft!

Der Konservative wiederum lässt keine Gelegenheit aus, um auf einen riesigen politischen Skandal hinzuweisen, der wiederum die Präsidentin tangiert. Angeblich ist jahrelang in großem Stil Schwarzgeld an Rousseffs Partei und ihre Wahlkampforganisation geflossen. Neves’ Subtext: Seht her, liebe Brasilianer, die Linke hat mit tatkräftiger Hilfe der Präsidentin den Staat in einen Selbstbedienungsladen verwandelt! Rousseff keilt natürlich zurück und wirft Neves vor, als ehemaliger Gouverneur des Bundesstaates Minas Gerais seine halbe Familie auf lukrative Pöstchen gehievt zu haben.

Brasiliens Wahlkommission hat bereits etliche Fernsehwahlspots wegen unziemlicher Angriffe und der Verbreitung von Unwahrheiten einkassiert. Doch ein Ende der Schlammschlacht ist nicht in Sicht. Das jüngste Beispiel: Die Rechten bezichtigen die Rousseff-Anhänger, "Kostgänger des Staates" zu sein und als solche schamlos ein gutes Leben zu führen. Der Pfeil zielt auf jenen Teil der brasilianischen Mittelschicht, der wenig Empathie für das große Heer der Armen zeigt. Die Linke wiederum streut in den Favelas das Gerücht, Neves werde im Falle seiner Wahl radikal sämtliche Sozialleistungen zusammenstreichen. Außerdem rücken sie die Konservativen gezielt in die Nähe jener gesellschaftlichen Kräfte, die vielen Brasilianern unheimlich sind: der Finanzspekulanten, Industrieoligarchen, Agrarbarone, Militärs und evangelikalen Prediger.

Was dabei verschwiegen wird: Wer immer auch Präsident wird, er muss mit vielen dieser Gruppen zusammenarbeiten und Kompromisse mit ihnen suchen. Denn vor zweieinhalb Wochen haben die Brasilianer auch ein neues Parlament gewählt. Darin sitzen jetzt 28 Parteien, viele von ihnen sind eher konservativ und vertreten oft sehr egoistische Interessen. Einem Präsidenten Neves dürfte die Kooperation mit diesen Volksvertretern leichter fallen als seiner linken Widersacherin.

Ironisch, aber wahr: Sollte hingegen Präsidentin Rousseff gewinnen, hätte sie ihre Wiederwahl ausgerechnet einer Kampagne zu verdanken, die sämtliche Brücken zum konservativen Lager eingerissen hat. Wer am Ende auch siegt, er muss ein politisch tief gespaltenes Volk regieren.