Knapp drei Minuten braucht der Bootsführer vom östlichen ans westliche Ufer des Tigris. Drei Minuten für den Übergang vom Irak nach Syrien. Das Boot hat kaum angelegt, da geht auf dem Handy eine Textnachricht ein: "Das Ministerium für Tourismus begrüßt Sie in Syrien. Bitte wählen Sie 137 für Informationen oder Beschwerden." Grüße vom Assad-Regime. Ansonsten ist es hier nicht mehr zu sehen.

"Willkommen in Rojava", sagt jemand auf Deutsch. "Ich bin Omid." Der Mann trägt Tarnfleck-Hosen, T-Shirt und eine Pistole am Gürtel, die grauen Haare stehen in Kontrast zu seinem jungen Gesicht. "Syriac Military Council" steht auf seinem Pick-up, "Syriac" bedeutet assyrisch; die Assyrer sind eine christliche Minderheit, die ähnlich wie Kurden oder Jesiden im Mittleren Osten immer wieder gejagt und vertrieben wurden.

Johan Cosar alias Omid befehligt eine neue Miliz in Syrien und ist wohl einer der ungewöhnlichsten Kommandanten dieses Vielfrontenkriegs: Christ, Schweizer Staatsbürger und ehemaliger Unteroffizier der eidgenössischen Armee, aufgewachsen in Locarno im Tessin. "Kennt ihr doch – die Stadt mit dem Filmfestival." Cosar und sein Leibwächter Mrodo, ein 18-Jähriger mit Bartflaum und Kalaschnikow, sind für die nächsten Tage unsere ständigen Begleiter und Beschützer. Wir, zwei Reporter der ZEIT und des Bayerischen Rundfunks, sind ihre Beobachter. Sie wollen uns zeigen, dass im Norden Syriens nicht nur Kurden, sondern auch Christen gegen den "Islamischen Staat" (IS) kämpfen. Wir wollen wissen, was einen 32-jährigen Europäer, der noch vor Kurzem besser mit Tessiner Snowboardpisten als mit syrischen Frontlinien vertraut war, in diesen Krieg geführt hat.

Und wir wollen wissen, was es mit der Region Rojava auf sich hat, den autonomen kurdischen Gebieten im Norden Syriens. In einem dieser Gebiete, in Kobani, wehren kurdische Einheiten mit amerikanischer Luftunterstützung seit Wochen die Angriffe des "Islamischen Staates" ab. In der größten Region Rojavas, im Nordosten rund um die Stadt Kamischli, leben außer Kurden, Arabern, Armeniern auch mehrere Zehntausend assyrische Christen. Hier hat Cosar seine Miliz aufgebaut. "Rund 500 Mann", sagt er. Jeder ausgestattet mit einer Kalaschnikow, 150 Schuss Munition und zwei Handgranaten. Im Vergleich zur Ausrüstung des IS ist das ein Witz.

Der Krieg ist hier zunächst weder zu hören noch zu sehen. Der Geruch von Erdöl liegt in der Luft. Schäfer treiben ihre Herden durch eine endlose gelbbraune Ebene, vorbei an Ölpumpen, die wie riesige schwarze Heuschrecken in der Landschaft stehen. Viele Pumpen stehen still, die staatliche Produktion ist zusammengebrochen, die Tankstellen sind geschlossen. Aber es wird auf eigene Rechnung gefördert, destilliert, gepanscht und geschmuggelt. So sehen Gebiete aus, die sich der IS gern in sein Kalifat einverleiben würde. Wir passieren eines von vielen Dörfern, in denen Händler am Straßenrand Treibstoff aus Kanistern anbieten. Cosar tritt aufs Gaspedal. "Hier leben Araber, die mit dem IS sympathisieren. Nachts meiden wir diese Strecke."

Die Fahrt endet vor Einbruch der Dunkelheit in Derik, im nordöstlichen Zipfel Syriens gelegen. Derik ist sicheres Gelände, kontrolliert von kurdischen "Volksschutzeinheiten" und Cosars Miliz. Das bedeutet für ihn eine halbwegs komfortable Nacht im Haus von Freunden mit Strom, fließend Wasser und einem Sofa mit Blick auf eine Karibikfototapete. Cosar kam im Juni 2012 nach Syrien, als freier Journalist, wie er sagt, "um mir das mit eigenen Augen anzusehen". Das klingt nach einer Überdosis Abenteuerlust, zumal er damals weder Arabisch noch Kurdisch sprach. Doch völlig fremd war ihm das Land nicht. Den Namen Cosar kennt man in der Gegend. Sein Vater ist einer der führenden politischen Köpfe der assyrischen Christen. Die meisten von ihnen leben heute im Nordirak sowie im nordöstlichen und zentralen Syrien – genau auf dem Territorium, von dem der IS die "Ungläubigen" aller Art vertreiben will.

Eben dies ist in diesem Sommer Zehntausenden von Christen rund um die irakische Stadt Mosul passiert. Zwei Sommer zuvor war vom IS in seiner heutigen Form noch nicht viel zu sehen. "Die Revolution war noch sauber", wie es Cosar in seinem schweizerischen Deutsch ausdrückt. Der Sturz des Assad-Regimes schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Die syrische Armee war gerade dabei, die kurdischen Gebiete im Norden kampflos zu räumen. Gab es da ein Stillhalteabkommen mit Damaskus? Die stärkste kurdische Fraktion, der syrische Ableger der PKK mit dem Namen Partei der Demokratischen Union (PYD), hatte sich den Anti-Assad-Rebellen nie anschließen wollen. Stattdessen übernahmen ihre Milizen im Sommer 2012 in Städten wie Afrin, Kobani und Derik die Verwaltung, die Polizei, die Schulen und die Kontrolle über den Treibstoffverkauf. So entstand mitten im Bürgerkrieg ein selbstverwaltetes Kurdengebiet.