Man nennt sie das Ameisenvolk: junge Hochschulabsolventen, die in den Außenbezirken von Chinas Millionenstädten in winzigen Wohnungen wie in einer Ameisenkolonie hausen, weil sie sich von ihrem niedrigen Gehalt nicht mehr leisten können. Trotz Studium. Oder besser: weil sie studiert haben. Um die drei Millionen solcher Ameisen soll es in China geben, schätzt der Sozialwissenschaftler Lian Si, der über das akademische Prekariat geforscht hat.

Jahrelang hat die Regierung in Peking eine gezielte Politik der Masseneinschreibung betrieben. Das Ziel: Bis 2020 sollen 40 Prozent eines Jahrgangs eine akademische Ausbildung abgeschlossen haben. In Shanghai wird diese Quote bereits übererfüllt. Hier beginnen 70 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium, landesweit lag die Studienanfängerquote im Jahr 2012 bei 18 Prozent. Für das neue Semester, das gerade begonnen hat, haben sich 7,27 Millionen Schulabgänger an den Unis eingeschrieben.

Es sind vor allem die Eltern, die ihr oftmals einziges Kind in eine akademische Ausbildung drängen. In China wird körperliche Arbeit traditionell gering geschätzt. In kaum einem anderen Land seien gesellschaftliche Anerkennung und berufliche Karriere so eng verbunden mit einem akademischen Titel, sagt der Bremer Bildungsforscher Felix Rauner.

Das Problem ist nur: Die Wirtschaft hat gar nicht so viel Bedarf an Akademikern. Die Arbeitslosigkeit unter Hochqualifizierten in China ist hoch, von den sieben Millionen Absolventen, die im vergangenen Jahr die Unis verlassen haben, bekam etwa jeder dritte keinen Job. Ungefähr noch einmal so viele fanden keinen Beruf, der ihrer Ausbildung entspricht.

Viele Studiengänge sind verschult und praxisfern. Die Absolventen wissen viel, können ihre Kenntnisse aber nicht in Unternehmen umsetzen. Das wiederum liegt auch an der Struktur der Wirtschaft. China ist ein Schwellenland, in dem immer noch viele Güter billig produziert werden, kein Hochtechnologieland. Für die Fertigung von Kleidung, Fernsehern oder Smartphones braucht man kein Studium. Wohl aber Fachkräfte, wie etwa Elektriker oder Schweißer. Und die fehlen. Wer in China eine höhere Berufsschule besucht, findet garantiert einen Job als Facharbeiter. Die Vermittlungsquote lag im vergangenen Jahr bei 97,5 Prozent. Ein Schweißer verdient mehr als ein Universitätsabsolvent.

Die Regierung versucht nun gegenzusteuern, damit die Wirtschaft weiterwächst und das Ameisenvolk nicht frustriert aufbegehrt. Sie will die berufliche Bildung aufwerten. Mit einem 28-Punkte-Plan soll das Ausbildungssystem "auf Weltniveau" gebracht werden. Dazu zählt etwa auch, mehr duale Studiengänge einzuführen – nach deutschem Vorbild.