Die Sonnenallee ist eine ziemlich lange Straße. Im Sommer riecht sie nach dem süßen Rauch der Wasserpfeifen, im Winter nur nach Abgasen, und die Altbauten sind noch ein bisschen grauer als sonst in Berlin. Sie ist eine der Hauptadern des Stadtteils Neukölln, den man seit einigen Jahren selbst in New York kennt. Wegen der vielen Geschichten. Die neueste erzählt von einem zweiten Brooklyn, von Cafés und Galerien, die nahezu täglich eröffnen, weswegen die neue urbane Mittelklasse aus der ganzen Welt herzieht und hier auf weißen Möbeln den Tag verlebt.

Eine andere wird öfter erzählt: von Neukölln, dem angeblich gefährlichsten Viertel Deutschlands. Als der Journalist Christian Stahl 2005 widerwillig in die Sonnenallee zog, gab es dort noch Läden wie "Rudis Resterampe", dunkle Audis vor noch dunkleren Cafés, und der Makler war "ein Mann, der auch dann zuhörte, wenn niemand etwas sagte". Das steht nun in seinem Buch In den Gangs von Neukölln, in dem die Entwicklung des Viertels nur nebenher miterzählt wird. Denn eigentlich handelt es von der unwahrscheinlichen Freundschaft zu dem Jungen Yehya.

Yehya: der Nachbarsjunge mit Muskelshirt und "Mike-Tyson-Gedenkfrisur", der dem neu zugezogenen Journalisten Stahl die Wasserkisten bis unters Dach trägt. Der damals 15-Jährige ist ein Einserschüler, höflich und hochintelligent. Nachdem die beiden sich anfreunden, erfährt Stahl bald, wie Yehya auf der Sonnenallee genannt wird: "der Psychopath". Und auch das Amtsdeutsch hat für ihn einen Namen: Intensivtäter.

Als verstörter Zuschauer folgt Stahl seinem Freund Yehya fortan in dessen Welt, in der die Gesetze der Straße bestimmen, wem man in die Augen schauen darf und wem besser nicht. Yehya ist da draußen einer der Anführer. Mit 15 stehen in seiner Polizeiakte mehr als 50 Straftaten. Er schlägt, er erniedrigt seine Mitschüler, er berauscht sich an seinem eigenen Sadismus. Ein Junge, der mehrere Leben führt: Zu Hause spielt er den artigen Sohn, in der Schule ist er Klassensprecher, auf der Straße befehligt er Dutzende Halbstarke wie eine Armee. Seine erste Straftat begeht er mit sieben: Hinter dem Asylbewerberheim, in dem seine vor dem Libanonkrieg geflohene Familie lebte, zündet er eine Hütte an. Jeder Eintrag in die Strafakte ist wie eine Adelung.

Zehn Jahre hat Christian Stahl ihn begleitet; er hat sich einweihen lassen in die Regeln jener sogenannten Parallelgesellschaft, in der eine sonderbare Vorstellung von Männlichkeit herrscht, die er bis heute nicht versteht. Aus seinem in Ich-Form verfassten Erlebnisbericht spricht bisweilen tiefe Ratlosigkeit. Er sitzt in Gerichtssälen. Er besorgt Yehyas Familie einen Anwalt. Er trifft sich mit den Opfern, die ihm von den Taten seines Freundes erzählen. Manchmal gerät Stahl an die Grenzen seiner Empathie. Die Solidarität kündigt er Yehya indes kein einziges Mal auf. Als dieser wegen eines Raubüberfalls das erste Mal verurteilt wird, besucht Stahl ihn täglich im Gefängnis, aus dem Yehya ihm Briefe schreibt, von denen einige in diesem Buch abgedruckt sind. In ihnen schwankt er zwischen Reue und Selbstzweifeln. Ein zerrissener Junge, der in einem Augenblick der aufgeweckte Halbstarke ist und plötzlich wieder spricht wie in einem Mafiafilm, der "Boss der Sonnenallee".

Einen seltsamen Sog übt diese Straße auf ihn aus. Es ist eine Welt, in der Deutsche "Kartoffel" genannt werden und "du Opfer" das schlimmste Schimpfwort ist. Wo ein archaisches Ehrgefühl regiert, ein Darwinismus mit Messern ausgetragen wird und man Spiele spielt, bei denen man anderen eine halbe Minute lang "Todesschläge" verpasst. Wer das Spiel gewinnt, darf sich "Gangsterläufer" nennen. Und so hieß auch Stahls Dokumentation über Yehya, die 2011 gezeigt wurde, ein großer Erfolg auf europäischen Festivals. Darin hatte Stahl die Frage schon angedeutet, die ihm nun in seinem Buch keine Ruhe lässt. Sie klingt verzweifelt, enttäuscht, liebevoll und besorgt: Warum tut Yehya das? Und warum wird er immer wieder rückfällig?