DIE ZEIT: Sie sind seit 100 Tagen der neue Chef der HSV Fußball AG. Wie lautete Ihr Befund?

Dietmar Beiersdorfer: Der ganze Verein inklusive der Spieler hat sehr gelitten, vor allem in der vergangenen Saison wurden die Nerven bis zum Anschlag strapaziert. Ich habe einen Club wiedergefunden, den ich zu Beginn gar nicht spüren konnte. Ich hatte das Gefühl, die Verantwortlichen sind erst mal alle in den Urlaub gefahren, um Luft zu holen.

ZEIT: Sie verließen den Verein als Sportchef im Jahr 2009, seitdem gab es drei Nachfolger, keiner von ihnen hielt länger als zwei Jahre durch. Warum ist der HSV so schwierig zu führen?

Beiersdorfer: Bei Misserfolg ist das Führen für einzelne Personen immer schwierig. Das Gesamtkonstrukt muss stimmig sein.

ZEIT: Warum blieb der Erfolg aus?

Beiersdorfer: Es gibt nicht den einen Grund, so was hat viele Facetten. Es wurden über die Jahre wahrscheinlich auch inhaltliche Fehler bei der Verpflichtung von Spielern oder Trainern gemacht. Das wahre Problem lag aber, so glaube ich, tiefer begründet. Wenn dich die Trägheit packt, du nicht die Geschwindigkeit erreichst, mit der du gerne vorankommen möchtest, dann wirst du von vielem eingeholt.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Beiersdorfer: Bevor ich zurück zum HSV kam, arbeitete ich als Sportdirektor bei Zenit St. Petersburg. Als ich ankam, spürte ich, dass ich einen Berg überwinden muss, um auf die Ebene zu kommen. Ich erkannte schnell meine Grenzen in der Umsetzbarkeit meiner Schlagkraft und meiner Ideen. Wenn ich sie mal nicht gespürt habe, dann wurden sie mir aufgezeigt. Das erschwert die Identifikation enorm, und es kann passieren, dass du mit der Zeit im Kopf abschaltest, weil du weißt, dass du nichts verändern kannst.

ZEIT: Auf den HSV bezogen heißt das, das Umfeld hat es Ihren Vorgängern schwer gemacht, zu bestehen?

Beiersdorfer: Das kann schon sein. Dabei gehen dann häufig Kraft und Leidenschaft verloren.

ZEIT: Haben Sie in der Vergangenheit Spieler beim HSV beobachtet, bei denen es an Motivation mangelte?

Beiersdorfer: Wenn Sie alle acht Wochen einen neuen Chef hätten, wäre es auch für Sie schwierig, sich immer wieder auf die neue Situation einzulassen. Das Zerren um die Macht in einem Club endet nicht vor der Kabine. Ein Verein wie der HSV ist ein Organismus. Man muss von innen nach außen strahlen. Wenn das nicht gelingt, mündet es in Unsicherheit und Frustration.

ZEIT: Der Verschleiß von Trainern ist beim HSV beispiellos: zwölf Trainer in den letzten zehn Jahren. Wo liegt der Fehler im System?

Beiersdorfer: Der Verschleiß an Trainern ist ein Zeichen dafür, dass Stabilität fehlte. Anspruch und Wirklichkeit harmonierten nicht, es mangelte an Zusammenhalt in den Entscheidungsgremien. Dadurch litt die Vereinskultur, man gab zu viel von sich preis, ließ zu viel an sich ran. Auch daraus resultierte der Misserfolg, und die Entwicklung blieb aus. Das wollen wir jetzt besser machen.

ZEIT: Gibt es Trainer, die dem Druck eines Großstadtvereins nicht standhalten?

Beiersdorfer: Natürlich. Es ist doch auch für einen Schauspieler etwas anderes, in der Mailänder Scala zu spielen als in Bremen im Theater. Deshalb sollte man ein gutes Gespür bei der Auswahl haben.

ZEIT: Sie haben sich in Ihrer Zeit als HSV-Sportchef gegen eine Verpflichtung des heutigen Dortmund-Trainers Jürgen Klopp entschieden. Hat Sie damals Ihr Gefühl getäuscht?

Beiersdorfer: Ja, vielleicht. Jürgen Klopp hat eine außergewöhnlich erfolgreiche Karriere mit Dortmund hingelegt. Ob ihm das jedoch genauso im HSV der vergangenen Jahre gelungen wäre, das kann Ihnen keiner verlässlich beantworten.

ZEIT: Was zeichnet Josef Zinnbauer aus, seinen Trainerjob jetzt auf Dauer auszufüllen?

Beiersdorfer: Joe ist unbefleckt. Er hat selber Fußball gespielt, besitzt die Gabe, den Jungs Vertrauen zu schenken. Er hat eine Gruppe formiert, so etwas haben wir hier längere Zeit in der Form nicht beobachtet. Die Spieler sehen, dass er seinen Job mit ihnen zusammen lebt. Frische, Unverbrauchtheit, Leidenschaft, Passion – das ist eine sehr gute Basis.

ZEIT: Sie arbeiteten zuletzt bei RB Leipzig und Red Bull Salzburg. Worin liegt der Unterschied zwischen sogenannten Retortenclubs und einem Traditionsverein wie dem HSV?

Beiersdorfer: Ich spüre hier eine unglaubliche Energie. Die Italiener sagen dazu: una piazza calda, es ist ein heißer Ort. Aber die Spieler spüren auch mehr Druck. Deshalb wollen wir Spieler auswählen, die dem Druck standhalten. Es gibt Spieler, die in der Provinz gut sind, in München oder Hamburg ihre Leistung aber nicht abrufen können. Ansprüche können einen Spieler verschlucken. Deshalb ist ein funktionierendes Umfeld so wichtig: Du musst als Club wissen, wie du mit der vorhandenen Energie umgehen willst. Auch das müssen wir jetzt überdenken. Wir können nicht im Fußballgeschäft 2014 bestehen wollen, aber nach außen auftreten wie im Jahr 2005.

ZEIT: Worin ist der HSV veraltet?

Beiersdorfer: Wir befinden uns unter extremer öffentlicher Beobachtung. Ein internes Training ist bei uns aus infrastrukturellen Gründen kaum möglich. Wir sind niemals unter uns. Wir brauchen ein neues Selbstwertgefühl.

ZEIT: Zu Beginn Ihrer ersten Amtszeit als Sportchef sagten Sie, ein Verein müsse seine Sprachlosigkeit überwinden, um nicht ins Gerede zu kommen. Momentan wirkt der HSV auf allen Ebenen sprachlos. Wie wollen Sie das überwinden?

Beiersdorfer: Wir empfinden uns nicht als sprachlos, nur müssen wir nicht immer laut sprechen. Dennoch müssen wir uns auf allen Ebenen entwickeln. Vor allem müssen wir wieder ein Fußballclub sein wollen. Wenn du ein Jahr kein Spiel mehr auswärts gewinnst, dann kannst du dich noch so auf Nebenschauplätzen bemühen, und trotzdem ist die Existenz des Vereins gefährdet. Ein Verein muss sich immer über den Fußball ausdrücken, daraus wächst Identität.