Herr Eberhardt sitzt in einem drei Mal drei Meter großen Kabuff und überwacht seine Preise. Über ihm, im Regal, schlummert ein Etikettendrucker, ein Relikt von früher. Als sie Preise noch schwarz auf weiß auf Papier drucken und umständlich im Supermarkt an die Regale kleben mussten.

Heute schaut Supermarktleiter Jürgen Eberhardt nur noch auf den Bildschirm zu seiner Linken. Ein Blick, und schon hat er fast alle Preisschilder im ganzen Laden unter Kontrolle. Vom Schreibtisch in seinem Kabuff aus kann er die Etiketten wie aus einer Schaltzentrale steuern, korrigieren und theoretisch mit ein paar Klicks schnell mal ändern und der Nachfrage anpassen. Was er natürlich nicht darf und auch niemals tun würde, betont Eberhardt. Aber möglich wäre es. Denn im Edeka-Markt an der Langen Reihe gibt es fast nur noch elektronische Preisschilder: Minidisplays an allen Regalen, die über WLAN mit der zentralen Verwaltung und der Kasse verbunden sind.

Darin liegt mehr als eine elektronische Spielerei. Darin liegt für Marktleiter Eberhardt eine "große Arbeitserleichterung". Für Verbraucherschützer liegen darin eine Menge Probleme. Und für Techniker liegt in den elektronischen Etiketten die Zukunft des Einkaufens.

Es ist kein Zufall, dass Edeka die Zukunft gerade an der Langen Reihe testet. Der Laden in St. Georg gehört der Firma Niemerszein und ist der Ferrari unter den Supermärkten. Über dem Kassenbereich baumeln Möwen aus Krepp von der Decke, in die Mitte des Markts sind zur Dekoration tropische Pflanzen gesetzt, braune Sitzpolster schmiegen sich an die Blumenkübel. 2014 kürte der Handelsverband den Markt zum Store of the Year. Wo, wenn nicht hier, soll mit dem Einkaufen von morgen experimentiert werden?

Nicht nur Edeka testet die digitalen Schilder. Supermarktriese Rewe stattet neue und renovierte Märkte mit den Elektro-Etiketten aus, in der Filiale Am Beckerkamp in Bergedorf beispielsweise leuchten schon Displays. Auch Media Markt/Saturn experimentiert mit elektronischen Preisschildern. Die Elektronikmärkte leiden besonders unter der Konkurrenz der Onlinehändler. Wenn ein Fernseher stark nachgefragt wird, reagieren Anbieter wie Amazon blitzschnell und passen den Preis an. Bisher waren die stationären Märkte träge, mit den elektronischen Schildern können sie nun auch mehrmals am Tag die Preise ändern.

Verbraucher kennen das Phänomen von der Tankstelle: Wer zum Beginn der Sommerferien die Zapfsäule anfährt, zahlt drauf. Es ist nicht schwer, sich solche Flatterpreise auch im elektronisch gesteuerten Supermarkt vorzustellen: In der Mittagspause mal eben die Preise für die Sandwiches und Salate anheben, vor Bundesligaspielen bei Chips und Bier ein paar Cent drauflegen – ein neues Geschäftsmodell?

"Technisch wäre es machbar", sagt Jürgen Eberhardt. "Aber der Verbraucher vergleicht doch und weiß, was ein Sandwich oder ein Salat kostet. Wir wären unglaubwürdig, unser Ruf würde leiden." Außerdem gebe die Firma Niemerszein die Preise für alle acht Filialen zentral vor, Marktleiter Eberhardt setzt die Vorgaben nur noch um, er kann nicht selbst an den Preisen schrauben. Und theoretisch, sagt er, hätte man ja auch früher schon mehrmals am Tag die Etiketten austauschen können. Was er nicht sagt: Früher wäre es ein immenser Aufwand gewesen, heute sind es nur Mausklicks.

Eberhardt sieht die Vorteile, die Schilder erleichtern seine Arbeit. Montags fluten Prospekte mit Sonderangeboten die Briefkästen. Das bedeutete für Supermärkte bisher: Sonderschichten. Schilder aus der Papphülle rausnehmen, stundenlang neue Etiketten falten und in die Halterungen fisseln, das ganze 200 bis 300 Mal. Heute klickt ein Mitarbeiter, und die Pixel springen elektronisch um, nach 30 Sekunden erscheint der neue Preis. Das spart Personal, Zeit – und Berge an Papier und Tonerpatronen. Die Vernetzung mit der Kasse führt dazu, dass kaum Artikel falsch etikettiert sind. "Wir haben weniger verärgerte Kunden", sagt Eberhardt. Ginge es nach dem 55-Jährigen, würden die Elektro-Etiketten bald in ganz Deutschland leuchten.