Die Hamburgerin Wencke Petersen, 41, arbeitet als Logistikerin für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Gerade wachte sie fünf Wochen lang über das Eingangstor eines Ebola-Behandlungszentrums in Liberia. Sie entschied, welche Erkrankten aufgenommen werden. Gab es zu wenige Betten, musste sie Patienten zurück nach Hause schicken, wissend, dass viele dort sterben würden.

Einmal stand ein Mann mit seinen drei kleinen Nichten im Regen vor dem Behandlungszentrum in Monrovia. Die älteste war gerade zehn, sie weinte. Ihre Eltern waren an Ebola gestorben, die Mädchen zeigten erste Symptome. Es war ein Tag, an dem wir keine Patienten mehr aufnehmen konnten. Der Onkel weinte und flehte mich an, seine Nichten reinzulassen. Ich sagte, er müsse warten, ich könne nichts versprechen. Da musste ich mich erst einmal umdrehen, damit sie meine Tränen nicht sahen. Am Abend konnten wir sie aufnehmen.

Ich habe vor drei Jahren meinen Job als Finanzbuchhalterin in einer Klinik gekündigt, um für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Ich bin gelernte Arzthelferin, später habe ich Logistik und Krankenhausmanagement studiert.

Seit drei Jahren fahre ich in unterschiedliche Krisengebiete. Als im Sommer in den Nachrichten über Ebola berichtet wurde, habe ich mich entschlossen zu helfen. Mein Mann hat sich Sorgen gemacht. Aber er wusste, er würde mir das nicht ausreden können. Also sagte er: Pass bitte auf dich auf.

Mitte August kam die Anfrage aus der Zentrale: "Logistiker gesucht für Liberia." Ich habe geantwortet: Ich kann sofort los.

Es dauerte zehn Tage, bis es losging. Eingepackt habe ich eine alte Stoffhose, ich trug sie schon im Kongo, im Choleragebiet in Haiti, in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan. Sie ist bis zum Knie ausgebleicht von der desinfizierenden Chlorlösung, mit der wir in den Behandlungszentren unsere Schuhe abspritzen.

Im Hauptquartier in Brüssel wurde ich gebrieft, dann flog ich über Casablanca nach Monrovia, in die Hauptstadt von Liberia. Am Flughafen wurde ich von einer Person im Schutzanzug empfangen, die mir ein Infrarotmessgerät in Form eines kleinen, weißen Revolvers an die Schläfe hielt, Fieber maß und sagte: "Welcome to Monrovia!"

Viele Hilfsorganisationen sitzen im Stadtteil Elwa, einer Gegend mit Palmen, Farnen und Schlingpflanzen. Unser Behandlungszentrum dort ist eine eingezäunte Zeltstadt, die in verschiedene Bereiche aufgeteilt ist. Es gibt die Low Risk Area, dort haben wir uns die Schutzkleidung angezogen, und die High Risk Area, wo die Patienten sind. Überall riecht es nach Chlorlösung, mit der man sich ständig wäscht und abspritzt.

Eigentlich sollte ich als Logistikerin in den Gemeinden Hygiene-Kits verteilen, mit Chlorid, Seife, Handschuhen und Masken. Die waren aber noch nicht eingetroffen. Deshalb wurde ich nach zwei Tagen gefragt, ob ich einen Kollegen am Tor unterstützen könnte, dort, wo die Patienten ankommen. Von da an schlüpfte ich jeden Tag in meine Schutzkleidung: erst die grüne OP-Kleidung und Gummistiefel, dann einen chirurgischen Mantel, eine Schürze, Handschuhe, eine Maske und einen Gesichtsschutz aus Plexiglas.

Den Menschen vor dem Tor konnte ich schon ansehen, dass sie krank waren. Einige hatten blutunterlaufene Augen, sie klagten über Kopfschmerzen, Fieber, Durchfall. Wir hatten anfangs nur 120 Betten und mussten Patienten abweisen. Nach meinem ersten Tag am Tor sagte der Kollege: Ich kann nicht mehr. Dann stand ich allein da.

Auf Englisch fragte ich die Menschen nach ihren Symptomen, ob sie kranke Verwandte hatten, ob sie bei einer Beerdigung waren, ob sie Tote berührt hatten. Irgendwann konnte ich nur die schwersten Fälle aufnehmen – von ihnen geht die größte Gefahr aus. Letztendlich musste ich Patienten nach Hause schicken und wusste: Sie werden zu Hause sterben und können weitere Menschen anstecken. Einmal mussten wir für zwei Tage schließen, weil wir keine Betten mehr hatten. Wir hätten uns sonst selbst in Gefahr gebracht.