Zu Klavierabenden gehen die Leute, um ihre Helden siegen zu sehen. Wenn sie gelegentlich stürzen, hat das mit dem Fluch der Arena zu tun. Im Konzert, unter Scheinwerferlicht, können sich gute bekannte Komponisten in Gegner verwandeln – Liszt, Chopin, Rachmaninow oder Beethoven. Man hat schon weltberühmte Pianisten erlebt, die an ihnen scheiterten. Daniil Trifonow indes, der am 26. Oktober den Echo Klassik als bester Nachwuchskünstler bekommt, kennt keine Gegner, nur Stimulanzien. Er sieht aus wie ein Hänfling und wirkt doch wie ein russischer Siegfried, der von Angst nichts weiß. Ausgerechnet in der New Yorker Carnegie Hall, dem scharfohrigen Saal schlechthin, ließ der 23-Jährige Mikrofone vor den Flügel stellen. Für die Deutsche Grammophon wollte er den Abend live aufnehmen. Man muss Nerven haben, um das auszuhalten. Die New York Times wurde in ihrer Rezension fast andächtig. Diese Virtuosität! Diese Musikalität! Diese Leichtigkeit bei größtem Tiefgang! Das Urteil darf man zuspitzen: Trifonow ist phänomenal. Von ihm sah die große Martha Argerich, selbst eine Amazone am Klavier, kürzlich ein YouTube-Video. Danach sagte sie, so etwas habe sie noch nie erlebt.

Außerhalb des Konzertsaals kommt man an Daniil Trifonow kaum heran, immer zieht er den Kondensstreifen des Senkrechtstarters hinter sich her. Wenn er nicht am Flügel übt, komponiert er an einem Keyboard. Die Welt hält er sich vom Leib. Tagsüber ist er für sich. Am Abend gehört er allen. Und so ein Publikum ist nicht nur eine lüsterne Bestie, sie kann einem auch Flügel verleihen. So sei es in New York gewesen, hat Trifonow nach dem Konzert erzählt. Wer bibbernd auf die Bühne gehe, habe schon im Kopf ein Problem. An die Mikrofone habe er keine Sekunde gedacht.

Bei Trifonow spürt man die Lust, das Publikum zu überwältigen. Das nennt er seine Ekstase. Als er noch klein war, so erzählte er, habe er Komponist werden wollen. Von dem frühen Berufswunsch ist die Intensität geblieben, mit der er die Stücke der Giganten wie intime Liebschaften behandelt. In seinem Englisch heißt jedes von ihnen "true love".


Kann man den 1991 in Nischni Nowgorod geborenen Russen mit dem vielbewunderten Lang Lang vergleichen? Der Chinese will nur spielen. Trifonow will in Musik eindringen. Schon seine ersten Töne bahnen sich den Weg zum Kern der Sache. Selbst in Liszts komplexer h-moll-Sonate: Der finster absteigenden g-Moll-Tonleiter des Beginns verleiht er eine tieftraurige Ziellosigkeit. Diese paar Takte laborieren bei Trifonow an einer unbekannten Vorgeschichte. Und es scheint unklar, ob die Komposition überhaupt weitergeht.

Viele Musiker scheitern an dieser Passage, sie ist weit schwerer als Oktavendonner und Glitzerbrillanz. Man spürt ihre Angst, hier etwas falsch zu machen. Trifonow aber fühlt sich pudelwohl, der Riese Liszt ist sein Freund, er verhilft ihm zur Menschlichkeit. Seine Kompetenz hat nichts Nassforsches. Trifonow geriert sich nie als Olympionike, der sich immerzu lächelnd entschuldigt, dass er so gut ist. Er verhält sich vielmehr unendlich ernsthaft. Er ist vorsichtig im Aufbau seines Repertoires. Noch spielt er vorzugsweise Klassik und Romantik. Von Mozart lässt er vorerst die Finger.

In seiner Heimatstadt, dem früheren Gorki, blieb Daniil Olegowitsch Trifonow nicht lange. Er ging zunächst ans Gnessin-Institut Moskau und empfing bei Tatjana Zelikman die ersten Weihen. Für die höheren begab er sich 2009 ans Cleveland Institute of Music zu Sergej Babajan. Dort ist er immer noch angemeldet. Unterricht als Demutsübung: Bei Babajan muss jeder Schüler im Anzug antanzen. Trifonow muss auch die Mitschnitte seiner Konzerte vorlegen. Danach putzt ihn der Lehrer, so geht die Legende, systematisch herunter.

Trifonow will nicht für einen Klon aus dem russischen Jurassic Park des Klavierspiels gehalten werden. Er glaubt auch nicht an nationale Kaderschmieden. "Die großen Pianisten haben alle einander beeinflusst, egal, wo sie gelernt haben", sagt er, "Klavierspiel war immer international." Trotzdem wollte er wissen, woher er kam. Mit seiner Lehrerin hat er oft Platten aus dem Goldenen Zeitalter des russischen Klavierspiels gehört. Irgendwann ahnte Trifonow, dass man jetzt ihm lauschen könne. Selbst Babajan musste akzeptieren, dass sein Eleve bei Wettbewerben siegte – 2010 bekam er den 3. Preis beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, 2011 den 1. Preis beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv, danach den 1. Preis beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau.