Früher gingen Frauen zu Tupperpartys, um die neuesten Modelle der einst angesagten Frischhalteboxen kennenzulernen. Heute treffen sie sich zu Egg-Freezing-Events, um bei einem Glas Sekt über die neuesten Möglichkeiten zu sprechen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen.

"Let’s chill" lautete das Motto, als sich Mitte August hundert Frauen im trendigen Hotel NoMad in Manhattan trafen, was sowohl bedeutet "Lass uns entspannen" als auch "Lass uns abkühlen".

Eingeladen hatte das New Yorker Unternehmen EggBanxx, um für sein Discount-Angebot zu werben. Schon ab 7.000 Dollar entnehmen die Ärzte der Firma ihren Kundinnen Eizellen, um sie schockzugefrieren und einzulagern, damit die Frauen noch Jahre später darauf zurückgreifen und Kinder bekommen können, wenn sie in die eigene Lebenssituation passen.

Die Dienstleistung, auf diese Weise an der biologischen Uhr zu drehen, um erst mit 40, 45 oder 50 Jahren Mutter zu werden, ist in Deutschland noch wenig verbreitet, doch in den USA nutzt sie eine wachsende Zahl von Frauen.

Zwei große amerikanische Unternehmen geben diesem Trend nun zusätzlichen Schub: Die Hightechfirmen Apple und Facebook versprechen ihren weiblichen Angestellten, künftig die Kosten zu übernehmen, wenn sie ihren Kinderwunsch auf Eis legen. Bis zu 20.000 Dollar zahlt Apple von Januar an für die Entnahme und Lagerung von Eizellen. Facebook finanziert diese Art der Familienplanung schon seit Anfang dieses Jahres.

Bisher steuerten Unternehmen nur die Produktion ihrer Waren, jetzt steuern sie auch die Reproduktion ihrer Angestellten.

Ist das ein Fortschritt, ein Beispiel für die caring company, die sich liebevoll um alle Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter kümmert? Oder ist es eine bedrohliche Entwicklung?

Befürworter sagen: Frauen werden durch solche Angebote von biologischen und ökonomischen Zwängen befreit, sie müssen nicht mehr zwischen Kind und Karriere wählen. Es ist die perfekte Emanzipation. Endlich können weibliche Angestellte ohne Rücksicht auf Kinder Karriere machen, wie Männer, und erst im fortgeschrittenen Alter, wenn sie beruflich schon weit gekommen sind, eine Familie gründen.

Kritiker warnen: Es ist die perfekte Ausbeutung. Der Druck zur Selbstoptimierung wird noch größer, er reicht jetzt bis in die Eierstöcke.

Als die Angebote von Apple und Facebook vergangene Woche bekannt wurden, beeilte sich die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, zu erklären, dass Familienplanung nicht Sache der Unternehmen sei. Der Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Elke Hannack, entfuhr in der Süddeutschen Zeitung ein schlichtes "Geht’s noch?". Und Politiker von links bis rechts geißelten das Angebot der US-Unternehmen als "unmoralisch" (der familienpolitische Sprecher der CDU/CSU) und "frauenverachtend" (eine Familienpolitikerin der Linkspartei). Die Empörung im öffentlichen Raum war beinahe einhellig.

Doch die deutsche Bevölkerung ist bei dem Thema gespalten. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der ZEIT ergab: 37 Prozent der Bundesbürger finden es "richtig", wenn Frauen das Angebot von Facebook und Apple nutzen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, um "erst einmal ungehindert Karriere machen zu können", sie haben also Verständnis dafür. 58 Prozent lehnen es ab.

Bei den 14- bis 29-Jährigen spricht sich sogar eine Mehrheit für das Angebot aus, 53 Prozent, während es bei den über 60-Jährigen nur eine Minderheit von 20 Prozent befürwortet. Auf die Frage, ob sie ein solches Angebot auch selbst nutzen oder ihrer Partnerin dazu raten würden, wenn sie die Wahl hätten, beantworteten von allen Deutschen immerhin noch 21 Prozent mit Ja. Vor allem die Gruppe der 40- bis 49-Jährigen zeigt sich interessiert: 30 Prozent könnten es sich vorstellen. Bemerkenswert ist auch, dass Männer der Idee eher positiv gegenüberstehen (40 Prozent) als Frauen (34 Prozent).

Die unterschiedlichen Meinungen in der Bevölkerung, die heftigen Reaktionen deutscher Politiker, Unternehmen und Medien auf die Angebote in den USA sind Symptom einer gegensätzlichen Entwicklung: Frauen haben in den vergangenen Jahren nicht nur Freiheit gewonnen. Es gilt nicht nur: Du kannst Karriere und Kinder vereinbaren. Es gibt auch ein neues, belastendes Gefühl: Du musst es schaffen.

Apple und Facebook gehören zu den prominentesten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Sie haben die Macht, neue Standards zu setzen. Wenn Apple und Facebook etwas anbieten, könnte bald ein Konzern wie General Electric folgen – und wenig später vielleicht Siemens. Die Konservierung von Eizellen wäre nicht der erste Trend, der von den USA nach Deutschland kommt. "Im Jahr 2020 wird das, was Apple und Facebook jetzt machen, auch in Deutschland gang und gäbe sein", prognostiziert zum Beispiel der Leipziger Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky.

Die Gründe, aus Janszkys Sicht: Die Menschen leben länger und gesünder, was späte Familiengründungen erleichtert. Das Einfrieren von Eizellen wird zunehmend einfacher und günstiger. Und: Die Unternehmen, mit einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert, versuchen durch solche Angebote, ihre Spitzenkräfte an sich zu binden.

Auch Jürgen Siebert, geschäftsführender Partner bei der Personalberatung Kienbaum, sagt: "Das ist in Einzelfällen ein denkbares Serviceangebot von Arbeitgebern, etwa als Teil eines ›Cafeteria-Systems‹: Arbeitnehmer können dann zwischen verschiedenen Angeboten wählen, etwa einem Firmenwagen, einer zusätzlichen Altersvorsorge oder dem Einfrieren ihrer Eizellen." Und natürlich sei es auch denkbar, dass Firmen das Angebot gezielt unterbreiten, um Führungskräfte vorerst davon abzuhalten, Mutter zu werden.

Es gibt keine öffentlichen Zahlen darüber, wie viele Frauen heute bereits bei Egg-Banxx oder anderen Anbietern ein Fruchtbarkeitsdepot angelegt haben. Dass Eizellen bei einer Erkrankung entnommen werden, etwa vor einer Chemotherapie, ist schon länger üblich. Das Einfrieren aus nicht medizinischen Gründen – sogenanntes Social Freezing – dagegen ist noch relativ neu und selten.

Frank Nawroth vom Kinderwunschzentrum Hamburg berichtet von 35 Behandlungen im vergangenen Jahr und voraussichtlich 60 bis 70 in diesem. Jörg Puchta, Chefarzt am Kinderwunsch Zentrum an der Oper in München, hat nach eigenen Angaben rund 500 Patientinnen betreut. Sein Institut hat auch eine Dependance in Nizza, wo Patientinnen beraten und dann zur Behandlung nach München geflogen werden, weil Social Freezing in Frankreich verboten ist, ähnlich wie in Österreich.

Warum frieren Frauen ihren Kinderwunsch ein? Beugen sie sich dem Druck des Arbeitsmarktes?

Frauke Holtmann hat vor fünf Jahren 22 Eizellen in tiefgekühlten Stickstoff legen lassen – und aus einer dieser Zellen erwartet sie heute ein Kind, sie ist schwanger, in der 14. Woche. Ihr Arbeitgeber weiß das noch nicht, deshalb möchte sie nicht mit ihrem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Als sie sich für das Social Freezing entschied, erzählt sie, hatte sie sich gerade von ihrem Partner getrennt. Sie war nach Süddeutschland gezogen und hatte einen neuen Job als Personalleiterin in einem großen Unternehmen angenommen. "Da dachte ich: Das wird jetzt erst mal schwierig mit dem Kinderkriegen." Sie war damals Mitte 30, und zur Vorsorge habe sie sich dann Eizellen entnehmen lassen. Irgendwo hatte sie von dieser Möglichkeit gehört.