Zwischen Sakrament und Sünde, zwischen Ehe und Ehebruch liegen in Rom nur fünfzehn Minuten Spazierweg. Hinter den Toren des Vatikans streiten sie an diesem milden Oktobertag noch über die moderne Liebe: dass immer mehr Katholiken Sex haben ohne Trauschein, dass sie sich scheiden lassen oder gar gleichgeschlechtlich heiraten. Es ist der vorvorletzte Tag der Familiensynode, und einige Synodenväter geraten allmählich in Rage. Die konservative Gruppe um den amerikanischen Kardinal Raymund Burke pocht auf das Lehramt und verfasst einen Einspruch, in dem das Wort "Doktrin" in zornigen Großbuchstaben gedruckt ist. Die konservative Gruppe um den südafrikanischen Kardinal Wilfried Napier fordert eine klare lehramtliche Linie und schimpft, die Synode zeige zu viel Verständnis für "die Probleme und die Pathologie der Ehe". Also: Nicht die kirchlichen Gebote, sondern die Sünder sind das Problem!

Am Ende dieses Tages wird es in der schalldichten Synodenaula Buhrufe geben. Und es wird so aussehen, als sei keine Einigung möglich zwischen Reformern und Betonköpfen, als führe keine Brücke über die Kluft zwischen katholischer Lehre und katholischem Leben. Dabei müsste man bloß hinunter zum Tiber spazieren, dann nach Süden, in Richtung Trastevere zum Palazzo Corsini. Dort hängt, in einem menschenleeren Saal voller goldgerahmter Bibelszenen, die Lösung. Sie ist fast 500 Jahre alt: Christus und die Ehebrecherin heißt das Gemälde von Rocco Marconi, das zeigt, wohin Papst Franziskus will: zurück zu der schlichten Erkenntnis des Evangeliums, dass es unchristlich ist, die Sünder zu verdammen. Weil die Kirche eben nicht für den perfekten, den idealen Menschen, sondern für den realen Menschen in seiner Unvollkommenheit sorgen soll.

Deshalb ist die Ehebrecherin so schön. Marconi hat sie üppig und demütig gemalt. Eine blonde Madonna, wie sie die Männer wohl mögen. Jesus mag sie offensichtlich auch. Freundlich neigt er der Sünderin den Kopf zu, sie neigt sich reuevoll zu ihm, und er hebt die rechte Hand zur Absolution. Im Johannesevangelium kann man nachschlagen, was er sagt: "Ich verurteile dich nicht." Mehr noch. Marconi illustriert, dass die Milde des Heilands keine herablassende Nachsicht ist, sondern eine moralische Haltung. Denn hinter ihm stehen die Pharisäer, die die Ehebrecherin steinigen wollten, und so sehen sie auch aus. Unbarmherzig, rachsüchtig, insgeheim lüstern drängen sie sich von hinten dicht an die beiden Hauptfiguren. Aus der Bibel wissen wir, was Jesus zu ihnen sagte, der Vers ist heute ein geflügeltes Wort, das auch außerhalb des Christentums gilt, als Formel gegen frömmlerischen Tugendterror: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Es hat in der berühmten biblischen Shortstory bekanntlich keiner gewagt, den Stein zu werfen. Merke: Kein Mensch ist ohne Sünde. Mit den Worten von Papst Franziskus. "Auch ich bin ein Sünder." Einer seiner engsten Vertrauten aus dem Kurienreformrat, Kardinal Oswald Gracias aus Bombay, der über kirchliches Eherecht promovierte, antwortete auf die umstrittenste Synodenfrage, ob Homosexuelle nun Sünder seien oder in der Kirche willkommen: "Natürlich sind sie willkommen." Und ein anderer Reformer, der am Schlusspapier mitschrieb, fügte lächelnd hinzu: "Ob Homosexuelle Sünder sind, ist nicht entscheidend. Sonst wären wir ja alle unwillkommen in der Kirche. Auch der Papst."

So einfach ist das mit der katholischen Sexualmoral. Und so schwierig. An jenem vorvorletzten Synodentag sollten die Synodenväter, verteilt auf zehn Zirkel, das Schlusspapier kommentieren. Darin wurde ein neuer Weg gewiesen, zurück zu Jesus und vorwärts zu den modernen Katholiken: Schluss mit der gesetzestreuen Unbarmherzigkeit! Zurück zu einer Theologie der Vergebung! So milde das klang, so harsch waren einige Reaktionen: Barmherzigkeit ist keine billige Medizin! Vergebung gibt es nur unter harten Bedingungen! Das Gesetz ist nicht relativ!

So ereiferten sich etliche Bischöfe und Kardinäle. Am Ende des Tages sprachen fünf von zehn Zirkeln sich gegen Reformen für Homosexuelle und wiederverheiratete Geschiedene aus, zwei Zirkel waren unentschieden, zwei erklärten, sie müssten die Vorschläge noch weiter studieren, und nur einer stimmte zu. Als der Generalsekretär der Synode, Lorenzo Baldisseri, erklärte, dass trotz der desaströsen Lage die Statements der Zirkel veröffentlicht würden, erschollen Buhrufe aus dem Klerikerkreis. Der Papst verfolgte die Szene mit versteinertem Gesicht.

Und dann? Man muss sich vorstellen, wie abends nach Synodenschluss, während die Mannschaft des Papstes am Text feilte, reaktionäre Meinungsmacher sich zu "Gegensynoden" versammelten. Aber am Ende, oh Wunder, waren sie nicht halb so mächtig, wie sie selbst meinten. Denn bei der großen Abstimmung wurden 59 von 62 Punkten des Reformpapiers angenommen. Eine klare Niederlage der Strafprediger. Die Bischöfe der Welt verpflichteten sich, die Realität zu sehen und nicht länger nur zu verteufeln. Sie segneten ein Papier ab, das sagt: Sexualität soll endlich positiv gesehen werden, und alle Menschen, auch die anderen Glaubens, sind in der christlichen Familie willkommen. Liebesbeziehungen an sich haben einen Wert. Triumph der Güte?

Drei provokante Punkte zu Homosexuellen und Geschiedenen wurden abgelehnt. Doch weniger als die Hälfte der Synodenväter stimmten dagegen. Es war eine herbe Niederlage für die Besitzstandswahrer unter den Kardinälen, die Burkes, Napiers, Scolas, Pells, De Paolis. Von Burke hört man jetzt in Rom, er werde seinen Posten als Präsident des obersten Gerichtshofes des Vatikanstaates verlieren und zum Chef der Malteser degradiert. Auch das gehört zur Barmherzigkeit des Papstes: Die Unbarmherzigen werden auf die hinteren Plätze verwiese, wie im Gleichnis von Jesus und der Ehebrecherin. Der Maler Marconi hat die beiden beinahe als Liebespaar dargestellt. Und darum ging es auch jetzt in Rom, um das Gebot der Liebe.

Franziskus sagte zum Schluss: Ja, es gebe noch immer die Versuchung der Feindseligkeit, der Gewissenhaftigkeit, des Rigorismus, der Angst. Es gebe die Versuchung, "Brot in Stein zu verwandeln". Doch das dulde er nicht. Kleriker seien keine Herrscher des Glaubens, sondern Diener. Und er selbst sei der mächtigste Diener. "Ich verteidige das Evangelium. Betet für mich!"

Danach gab es in der Synode Standing Ovations. Und der Synodensprecher für die englischsprachige Welt brach bei der abschließenden Pressekonferenz vor Rührung fast in Tränen aus. So ein Mauerfall kommt eben nicht alle Tage vor. So ein Sieg der Liebe. Ihre Gegner stahlen sich still in die römische Nacht.