Kürzlich habe ich beim Aufräumen den Brief einer Berliner Samenbank gefunden. Er sieht aus wie eine normale Arztrechnung, in der Betreffzeile steht "Miete Eizell-Lagerung". Ein paar Jahre lang habe ich regelmäßig solche Post bekommen und alle sechs Monate 124,12 Euro überwiesen, damit eine Fertilitätsklinik in Berlin-Mitte ein paar tiefgefrorene Zellen aus meinem rechten Eierstock für mich aufbewahrt. Theoretisch hätte daraus irgendwann ein Kind entstehen können. Aber dazu kam es nie.

Vergangene Woche musste ich an die Briefe denken, als bekannt wurde, dass Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen finanzieren wollen. Dieses sogenannte Social Freezing nutzen vor allem junge Frauen, um den Zeitpunkt der Familiengründung aufzuschieben.

Ich habe mein kleines Gen-Depot längst vernichten lassen. Aber ich weiß noch, welches Gefühl ich damals beim Besuch der Klinik hatte: Ich habe mich geschämt. Selbst enge Freunde wussten nichts von meinen Vorräten.

Die Eizellen-Debatte erinnert mich an Gespräche, die ich manchmal mit Freunden über Privatschulen führe. Einerseits kann ich Eltern verstehen, die ihren Nachwuchs optimal fördern wollen. Andererseits wünsche ich mir staatliche Schulen, in denen sich die Kinder aller sozialen Schichten treffen. Manche Entscheidungen sind individuell verständlich, aber trotzdem politisch falsch.

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Social Freezing: Ich fühle mit allen Frauen, die Eizellen konservieren. Gleichzeitig will ich in keiner Gesellschaft leben, in der Social Freezing selbstverständlich ist. Ich möchte, dass sich die Arbeitswelt an weibliche Lebensläufe anpasst, nicht umgekehrt. Je mehr Frauen ihre Fruchtbarkeit manipulieren, desto weniger wird sich ändern.

Unternehmen, die sich neuerdings für die Fruchtbarkeit ihrer Beschäftigten interessieren, sind nicht mal das größte Problem. Mit der neuen Eizellen-Technik wird die Zahl der "Kann gerade nicht"-Männer steigen, die ihre Freundinnen mit Kinderwunsch vertrösten nach dem Motto: Familie ja, aber bitte nicht jetzt. Zauderer haben nun ein weiteres Argument. Sind die Eizellen erst einmal eingefroren, kommt es auf ein Jahr Wartezeit mehr oder weniger nicht mehr so an.

Als ich 2011 ein paar Monate an einer amerikanischen Universität verbrachte, habe ich viele erfolgreiche Akademikerinnen kennengelernt, für die künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Auslandsadoptionen und Social Freezing selbstverständlich sind. Je feministischer die Frauen waren, desto positiver sprachen sie über die neuen Methoden der Familiengründung. Ich habe dann mein schlechtes Gewissen hinterfragt, bin aber bei meiner Skepsis geblieben, weil der Arbeitsmarkt bei uns ganz anders aussieht als in Amerika.

In den Vereinigten Staaten wird Social Freezing als Instrument gesehen, mit dessen Hilfe Frauen auch dann noch Familien gründen können, wenn sie beruflich etabliert sind und mehr Geld und oft auch Zeit für Kinder haben. Nach dieser Logik kommt der Nachwuchs im beruflichen Zenit.

In Deutschland ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Das hat die Debatte über Facebook und Apple auf erschreckende Weise gezeigt. Dank Social Freezing sollten "Frauen in den energiereichen Jahrzehnten zwischen dem 20. und dem 40. Geburtstag ihre Energie vollständig der Firma zur Verfügung stellen", schrieb der Tagesspiegel. "Das, was nach 20 Jahren branchentypischer 60-Stunden-Woche von den Frauen noch übrig ist, darf die Kinder haben." In der Berliner Zeitung hieß es, die Arbeitgeber wollten die produktivsten Jahre der Frauen für sich reservieren.

Solche Sätze würden amerikanische Zeitungen nicht drucken. Dahinter verbirgt sich schlicht Altersdiskriminierung, und die ist in den Vereinigten Staaten ungefähr so verfemt wie Rassismus oder Sexismus. Zumindest der liberale Teil der Gesellschaft hat gelernt, dass Menschen nicht aufgrund biologischer Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe oder Alter beurteilt werden sollten. Davon kann in Deutschland keine Rede sein.

Trotzdem sehen in Deutschland gerade jüngere Frauen das Einfrieren von Eizellen auch als Freiheitsversprechen, so wie meine amerikanischen Freundinnen. Und anders als ich hadern sie mit Social Freezing nicht, sie sprechen und schreiben offener darüber.

Zwei Haltungen mischen sich: eine steigende Bereitschaft zur ständigen Selbstoptimierung – und Resignation.

Als ich vor vielen Jahren mit meiner Abiturklasse zum ersten Mal Berlin besuchte, waren die grauen Fassaden in Kreuzberg beschmiert mit Sponti-Sprüchen wie "Macht kaputt, was Euch kaputt macht".

Heute gibt es dort überall Sportcenter, und die Wände sind bunt. Während der Endphase meiner Schwangerschaft vor acht Jahren sahen einige meiner Kleider noch aus, als stammten sie aus der Campingabteilung. Inzwischen tragen Schwangere schöne figurbetonte Kleider. Manche sind sexy, bis die Fruchtblase platzt. Einige zwingen sich auch dazu. Immer häufiger leiden werdende Mütter unter Magersucht. In Lateinamerika und Asien nimmt die Zahl der Kaiserschnitt-Geburten zu, weil Frauen ihr Liebesleben optimieren wollen. "Save your love channel" steht auf Werbeplakaten spezialisierter Kliniken.

Gleichzeitig blicken junge Frauen trotz aller familienpolitischen Anstrengungen der vergangenen Jahre immer skeptischer auf die Möglichkeiten für Familien. Die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, befragt regelmäßig junge Frauen zu der Frage, ob Mütter Karriere machen können. Im Jahr 2012 verneinten das 63 Prozent der jungen Frauen, bei der vorangegangenen Umfrage im Jahr 2007 waren es nur 36 Prozent. Und der Beruf hat für die jungen Frauen Priorität.

Am Tag, an dem Apple und Facebook ihre neuen Angebote für Mitarbeiterinnen veröffentlichten, besuchte ich in Berlin eine Buchvorstellung. Zwei Journalistinnen, beide Mütter von zwei Kindern, hatten über die "Alles-ist-möglich-Lüge" geschrieben. Sie wollten erklären, "wieso Beruf und Familie nicht zu vereinbaren sind", so der Untertitel ihres Buchs.

Es war ein merkwürdiger Termin, denn die Autorinnen bewiesen mit ihrer gut besuchten Veranstaltung, was für interessante Arbeitsmöglichkeiten es für Mütter kleiner Kinder gibt, die nicht Vollzeit arbeiten wollen. Sie habe irgendwann beschlossen, dass ihr siebenjähriger Sohn am Nachmittag nicht von wechselnden Babysittern empfangen werde, erklärte eine von ihnen. Deshalb kündigte sie ihre feste Stelle und arbeitet jetzt freiberuflich.

Man würde ihr am liebsten gratulieren – wenn ihr Buchtitel nicht so pessimistisch wäre. Ich fürchte jedenfalls, dass er junge Paare entmutigen könnte, Kinder zu bekommen. Das ist schade. Sie werden dann viel verpassen.

Dabei verstehe ich als alleinerziehende Mutter eines Grundschulkinds (das nicht aus tiefgefrorenen Eizellen entstanden ist) viele Klagen. Ich kenne die stressigen Momente, die in dem neuen Buch beschrieben werden.

Kurz vor der Geburt meiner Tochter habe ich einmal mit ebenfalls schwangeren Freundinnen darüber nachgedacht, welche Vorwürfe wir niemals von unseren Kindern hören wollen. "Mama, warum gehen wir immer erst zum Spielplatz, wenn es schon dunkel ist?" stand ziemlich weit oben auf der Liste.