Daniel Oetzel ist ein junger Mann, auf den jede Partei stolz wäre. Ein Lehramtsstudent, Biologie und Geschichte, mit einer ruhigen, sympathischen Stimme. Würde man ihn in einen Anzug stecken, könnte der 26-Jährige sofort als Diplomat anfangen. Es ist ein Sonntagvormittag in einem Café am Bahnhof Dammtor, den restlichen Tag wird Oetzel damit verbringen, Änderungsanträge für das Wahlprogramm zu schreiben, "Feinschliff" nennt er das. Er will, dass der HVV ein Schülerticket einführt, das muss ins Wahlprogramm, dafür saß er schon am Samstag stundenlang über Papierstapeln. Auf Partys erscheint er nach solchen Tagen ziemlich spät, und wenn er tatsächlich noch auftaucht, ausgelaugt, fragen seine Freunde, warum er sich das antut: ausgerechnet für diese Partei?

Daniel Oetzel ist Mitglied der FDP, er kandidiert auf Platz neun der Liste für die Bürgerschaftswahl. Damit er im Februar 2015 ins Rathaus einzieht, muss die FDP sieben Prozent holen. Sieben. Momentan liegt die Partei in Umfragen eher bei drei. Doch statt zusammenzurücken, bekämpfen sich die Liberalen mit einer Kraft, für die es nur noch ein Wort gibt: Zerstörungswut. Hat Oetzel sie schon mal bereut, all die Stunden, die er seiner Partei opfert? Er beginnt einen Satz. "Ich hab’s nicht bereut, auch wenn es manchmal ... na ja ...", er stockt, "Phasen gibt, die ..." Er sucht nach Worten, die diplomatisch klingen. Dann sagt er: "Da blutet mir echt das Herz."

Vorletztes Wochenende zum Beispiel, da hat er über neuen Flyern gebrütet, stundenlang. Und was musste er als Erstes lesen, als er am Montagmorgen den Computer anschaltete? Dass schon wieder ein Landesvorsitzender der FDP hingeworfen hatte, Dieter Lohberger. Dass wieder einmal das Chaos ausgebrochen war in seiner Partei. "Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass es immer einfach ist", sagt Oetzel. "Aber hoffnungslos ist es nicht."

Hamburg hat schon manche Partei erblühen und wieder verglühen sehen. Aber noch nie hat sich eine Traditionspartei öffentlich so zerlegt wie derzeit die FDP. Beinahe im Wochentakt verlassen Landeschefs und frühere Spitzenkandidaten ihre politische Heimat. Nein, sie verlassen die FDP nicht nur, sie stürmen wutentbrannt davon, schlagen die Tür krachend zu und gründen eine Konkurrenzpartei: die Neuen Liberalen, deren erstes Ziel augenscheinlich die Vernichtung ihrer Mutterpartei ist. Was ist da nur los?

Verlassen die Ratten das sinkende Schiff, wie ein verbliebener FDP-Mann ätzt?

Ein Streit ist eskaliert, der sich über Jahre aufgeschaukelt hat, den niemand bereinigen wollte – und der ausgerechnet jetzt, vier Monate vor einer wegweisenden Wahl, die ganze Partei an den Abgrund führt.

Denn eigentlich sollte die Hamburger Bürgerschaftswahl am 15. Februar der Wendepunkt sein, für die gesamte FDP, bundesweit. Eigentlich wollten die Liberalen am Beispiel der Hansestadt beweisen, dass sie noch gewinnen können. "Hamburg ist die Wahl seit der Bundestagswahl, bei der wir bislang die besten Chancen haben", sagt der Bundesvorsitzende Christian Lindner. Doch seine Mission droht zu scheitern, da die Hamburger Liberalen lieber miteinander streiten als mit dem politischen Gegner. Lindner sieht das so: "Es gab personelle Konflikte, die über lange Zeit schwelten und eine vernünftige Arbeit erschwert haben. Jetzt wird dieses Feuer gelöscht."

Dieses Feuer. Zu glimmen begann es 2011, als plötzlich eine Neue auftauchte, mal mit wehendem Haar, mal im schwarzen Abendkleid. In einem furiosen Endspurt schaffte es Katja Suding, die FDP nach sieben Jahren wieder in die Hamburgische Bürgerschaft zu führen, mit neun Mandaten. Seitdem wird die Fraktionschefin von den einen als Heldin verehrt und von den anderen als Eindringling abgelehnt. Dazwischen gibt es wenig. Suding polarisiert.

Das ist doppelt schwierig in Zeiten, in denen es eng geworden ist für jene, die in der FDP etwas werden wollen. Seit die Partei nicht mehr im Bundestag vertreten ist, sind Posten und Perspektiven hart umkämpft. Wer unterliegt, findet sich schnell auf dem Abstellgleis wieder.

Wer tut sich das noch an? Wer gibt auf? Was sind das für Menschen, die mit der Hamburger FDP durchs Feuer gehen?