Als dann der strenge Geruch der Bergziegen herüberweht. Als die Kinder auf ihren Trampolins hüpfen, höher und immer höher. Als das Karussell langsam Fahrt aufnimmt und auch sonst die Welt so heiter und hell erscheint, wie es im Vergnügungspark eben sein soll, da hat auch das neue Museum seine Bestimmung gefunden. So beschwingt, so ausgelassen, ein Vergnügungspark der Kunst.

Klicken Sie auf das Bild, um mehr Fotos zu sehen! © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Fast 14 Jahre hat es gebraucht, dieses Haus zu bauen, geschätzte 140 Millionen Euro hat es gekostet, und viele hatten schon befürchtet, dass sich der reichste Mann Frankreichs, der es bezahlt hat, hier ein Zeichen seiner Herrlichkeit setzen wollte. Bernard Arnault, Multimilliardär, hat mit Luxusgütern ein Vermögen gemacht, im Reich der exquisiten Taschen, Parfums und Cognacs ist er der unbestrittene Herrscher. Nun, so schien es, wollte er mehr, wollte auch Kunst und Kultur seinem Imperium einverleiben. Wollte aller Welt zeigen, dass ihm ein stolzes Museum gebührt, ihm, Arnault, und seiner Sammlung ewiger Werte. Schon schrieben die Magazine, seit der Eröffnung des Centre Pompidou vor 40 Jahren habe es in Paris keinen bedeutenderen Neubau mehr gegeben als diesen, gleich neben einem Ziegengehege und einem Kinderpark gelegen, weit draußen im Bois de Boulogne.

Und es stimmt, hier ist etwas Eindrückliches entstanden, hier lässt sich weit mehr besichtigen als nur teure Gegenwartskunst. Dieses Museum ist ein Stück gebauter Soziologie: Hier zeigt sich die neue Macht des Geldes, die vor allem eine Macht über Zeichen und Symbole sein möchte. Eine sanfte, schmeichelnde Macht übrigens, die vielen Künstlern sehr zusagt. Nur zu gern sind sie zu Diensten, wenn Arnault sie bittet. Dann dekorieren sie ein Schaufenster, eine Handtasche oder aber liefern ein eigens angefertigtes Kunstwerk fürs Museum, man ist da flexibel. So flexibel wie die Macht des Geldes, weich und gewandt und überschwänglich.

Auch das weit gereiste Publikum wird von diesem Bau verblüfft sein

Schon in dieser Hinsicht hätte Arnault kein besseres Bauwerk errichten können. Es ist auf eine Weise selbstherrlich, die niemanden abschreckt. Es verzichtet auf die alten Formeln der Herrschaft, ist nicht klassizistisch, nicht säulenbewehrt. Diese Architektur will nur spielen. Gerade im Spiel aber zeigt sich, wie überlegen sie ist, was sie alles vermag und in sich vereint.

Frank Gehry heißt der Architekt des Museums, und dass ausgerechnet er von Arnault erwählt wurde, damit auch Paris sein Bilbao bekomme, ein schwankendes, funkelndes, alle Regeln der Statik aushebelndes Bauwerk, mögen manche abgeschmackt oder zumindest démodé finden. Zu oft schon hat Gehry seine flatternden Wände in die Gegend gestellt, zu oft seinen Zauberkasten der befreiten Formen geöffnet, um das weltgewandte Publikum noch verblüffen zu können. Und doch gelingt es ihm hier noch einmal, und das liegt vor allem daran, dass seine Architektur nirgends besser aufgehoben sein könnte als im Bois de Boulogne. Hier darf sie stürmen und stürzen, sich aufbäumen und blähen, gelöst, schwebend, unerhört schwungvoll. Früher nannte man dergleichen Folly, eine exzentrische, Architektur gewordene Laune, die jeden Landschaftspark schmückte.