Chris-Oliver Schickentanz: Mehr Zinsen gibt es bald in den USA

"Die Welt wächst auseinander. Die letzte Dekade war noch geprägt von synchronen Bewegungen: Die Industrieländer sind gemeinsam in die Krise gerutscht und gelangten in etwa zeitgleich wieder zurück auf den Wachstumspfad. Das wird sich im kommenden Jahr ändern, allein schon, weil die Zinsen in den USA im zweiten Quartal 2015 wieder ansteigen dürften, weshalb zusätzliches Kapital dorthin fließen wird. Die jüngste Abwertung des Euro ist nur ein Vorgeschmack auf eine länger anhaltende Schwächephase. Die Euro-Zone wird sowohl bei den Zinsen als auch beim Wachstum einer der unattraktiveren Märkte weltweit sein. Einer der Gründe ist die Ukraine-Krise. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Westen sind beherrschbar, die psychologische Wirkung darf man jedoch nicht unterschätzen. Dazu gesellen sich die enttäuschenden jüngsten Konjunkturdaten aus Deutschland, der Investitionsstau bei der maroden Infrastruktur und eine demografische Entwicklung, die das Wachstum schon heute bremst. Schon deshalb sollten Anleger ihr Geld nicht allein in Deutschland oder Europa anlegen."

Chris-Oliver Schickentanz hat von Frankfurt am Main aus globale Entwicklungen ebenso im Blick wie deren Auswirkungen auf lokale Märkte. Als Chief Investment Officer verantwortet er bei der Commerzbank die Anlagestrategie für das Privatkundengeschäft

Matthias Kullas: Eine sichere Anlage, die Geld kostet

"Finnland, Großbritannien und unverändert Griechenland haben große Probleme mit ihrer Kreditwürdigkeit. Nach Portugal kehrt das Vertrauen langsam zurück. Auch Spanien, Irland und, außerhalb der Eurozone, Island, haben sich erholt. In Italien, Frankreich und Belgien verschlechtert sich derweil die Lage. Das ist die Lage in einigen europäischen Ländern, wenn man die nackten Zahlen und unseren Index anschaut. An der Rendite der Staatsanleihen lassen sich unsere Analyse indes nicht ablesen, Kauf und Verkauf dieser Papiere gleicht längst einer politischen Wette – den Interventionen der Europäischen Zentralbank sei dank. Allein mit ihrer Ankündigung des kurzfristigen Ankaufprogramms hat die EZB den Markt beruhigt – auch wenn die Fundamentaldaten das überhaupt nicht rechtfertigen. Im Gegenteil: Ich fürchte, dass die EZB im kommenden Jahr weiter in großem Stil Anleihen aufkaufen wird. Wachstum wird sie damit kaum entfalten, Geld allein kann die Probleme nicht lösen. Und abzüglich der Inflationsrate zehren europäische Staatsanleihen längst das Kapital ihrer Käufer auf. Warum sollten Privatanleger, dann überhaupt noch Staatsanleihen kaufen? Für einige Anleger kann sich das durchaus lohnen, um ihr Depot abzusichern.

Matthias Kullas hat den so genannten CEP-Default-Index entwickelt. Damit analysiert er die Kreditwürdigkeit der EU-Staaten. Kullas, Jahrgang 1977, ist Fachbereichsleiter Binnenmarkt, Wettbewerbspolitik, Wirtschafts- und Stabilitätspolitik beim Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg. Die Denkfabrik bewertet EU-Gesetzesvorhaben nach ordnungspolitischen Maßstäben.

Thomas Goldfuß: Geld unbedingt nachhaltig anlegen

"Die Finanzkrise scheint kaum Lerneffekte gehabt zu haben. Die Jagd nach Rendite ist ungebremst, treibt die Verschuldung weiter nach oben und führt so zu verantwortungslosen Investitionen. Das wichtigste Mittel dagegen ist Transparenz. Privatanleger sollten wissen: Was macht eine Bank mit dem Geld, das ich ihr gebe? Welche Wirkung entfaltet es, und wo? Wer danach fragt, gestaltet mit seinem Geld die Gesellschaft – für eine Rendite, die auf lange Sicht im Übrigen vergleichbar ist mit denen herkömmlicher Anlagen. Das zeigen wissenschaftliche Analysen wie eine an der Universität Kassel durchgeführte Untersuchung von 35 Studien zu nachhaltigen Geldanlagen, die in Kürze veröffentlicht wird. Diese Metastudie schaute dabei nicht nur auf die Rendite, sondern auch auf das Rendite-Risiko-Verhältnis. Das Ergebnis: Wer nachhaltig investiert, geht sogar Risiken aus dem Weg. So müssen die Firmen, in die investiert wird, nicht um ihre Reputation bangen, etwa, weil sie auf Kinderarbeit setzen. Sie sind besser gegen steigende Strompreise gewappnet, weil sie längst auf Effizienzsteigerung setzen. Damit sind verantwortungsbewusste auch zukunftssichere Anlagen."

Als Leiter Vermögensmanagement bei der sozial-ökologischen GLS Gemeinschaftsbank eG kennt sich Thomas Goldfuß aus mit nachhaltigen Geldanlagen. Die Bochumer Bank gibt sich transparent, sie veröffentlicht beispielsweise alle Kreditvergaben in ihrer Kundenzeitschrift. Auch Privatanlegern rät Goldfuß dazu, nur dort zu investieren, wo nachvollziehbar ist, was mit ihrem Geld geschieht.

Martin Weber: Die Welt kopieren, und dann nichts tun

"Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die effizienteste Investmentstrategie im Grunde simpel ist: Nur eine breite Streuung sichert ein Portfolio – unabhängig von Konjunktur und Weltgeschehen. Das lässt sich seit 200 Jahren belegen. Auch heute sollten Privatanleger ihr Risiko möglichst breit verteilen – global, über verschiedene Branchen und Anlageklassen hinweg, auf etablierte Märkte und Unternehmen. Und danach: möglichst nichts mehr tun. Denn je mehr ein Anleger handelt, desto mehr zehrt er von seinem Vermögen auf. Jeder Kauf und Verkauf kostet Geld und schmälert die Rendite. Darum empfehle ich ETFs anstelle von aktiv gemanagten Fonds. Warum? Weil sich der Markt, zumindest in Industrieländern, langfristig sowieso nicht schlagen lässt, auch nicht von Profis. Sämtliche exakten Prognosen sind Blödsinn. Man kann nur mit dem Markt schwimmen, nicht gegen ihn. Es gibt schließlich überall bewusst handelnde Gegenspieler, die ebenso wie der Anleger ein gutes Geschäft machen möchten. Wir können mit wissenschaftlichen Daten belegen: Anleger, die diese einfachen Regeln befolgen, stehen im Schnitt mindestens so gut da wie die sogenannten Profis."

Martin Weber von der Universität Mannheim hat sich schon mit Behavioral Finance beschäftigt, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Der Inhaber des Lehrstuhls für Finanzwirtschaft kritisiert gern und lautstark die Versprechen der Fondsindustrie. Dabei hat Weber, Jahrgang 1952, selbst einen Fonds aufgelegt, den Mischfonds Arero, der weltweit in Aktien, Renten und Rohstoffen anlegt. Der Fonds wird nicht aktiv gemanagt, er zeichnet die Entwicklung der internationalen Indizes nach.

Klaus Kaldemorgen: Das Risiko so breit wie möglich streuen

"Die Geldanlage wird immer schwieriger, weil der Kauf der traditionell sicheren Anleihe kaum noch Rendite bringt. Deshalb führt langfristig kein Weg an der riskanteren Aktie vorbei. Die Krux: Wer nur auf Anleihen setzt, vernichtet Kapital – wer alles Geld auf Aktien setzt, geht ein unkalkulierbares Risiko ein. Jeder Anleger muss sich deshalb fragen: Wie viel Risiko will ich mir leisten? Kann ich es aushalten, einen Teil meines Einsatzes zu verlieren? Und wenn ja, wie viel höchstens? Jeder Anleger wird darauf eine individuelle Antwort geben. Der richtige Umgang mit dem Risiko ist also das Entscheidende. Dies setzt voraus, dass man die eigene Risikoneigung kennt. Und das Risikomanagement gelingt am besten, wenn man sein Investment streut. Für Fondsanleger bedeutet das, sich einen Investmentfonds mit einem passenden Risikoziel auszuwählen. So lassen sich die Chancen der Aktie wahrnehmen, potenzielle Rückschläge aber über andere Investments absichern. Es geht dabei nicht um das eine Prozent zusätzlicher Rendite, sondern um die zehn Prozent, die man nicht verliert. Neben der Aufteilung auf Aktien und Anleihen helfen auch Währungen zur Absicherung. Derzeit setze ich auf ein Ansteigen des Dollars zum Euro."

Klaus Kaldemorgen, Jahrgang 1953, gehört zu den bekanntesten Fondsmanagern Deutschlands. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er für die Fondstochter der Deutschen Bank DWS Investments, die heute als Deutsche Asset & Wealth Management firmiert. Bis 2011 war er Sprecher der Geschäftsführung, bevor er auf eigenen Wunsch ausschied, um fortan wieder als einfacher Fondsmanager zu arbeiten.