Weniger Ernteausfälle, mehr gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe, geringerer Pestizidverbrauch – an die Äpfel und Kartoffeln, die Henk Schouten und seine Kollegen an der Universität Wageningen erzeugen, knüpfen sich viele Hoffnungen. Sie sind die Vorboten einer neuen Generation von Nutzpflanzen.

Aber Schoutens Gewächse bergen politischen Sprengstoff. Das europäische Regelwerk zur Grünen Gentechnik versagt, wenn es gilt, ihre Verbreitung zu regulieren. Auch die strikten deutschen Vorschriften sind auf seine Züchtungen nicht anwendbar.

Schoutens Pflanzen sind zwar durch gentechnische Verfahren erzeugt worden, trotzdem unterscheiden sie sich in nichts von herkömmlich gezüchteten Sorten. Also möchte der Züchter durchsetzen, dass seine Pflanzen nicht der strengen Gentechnikregulierung der EU unterworfen werden. Sein zentrales Argument: Die Gene, die er einschleust, stammen ausschließlich aus dem Genpool der jeweiligen Art, die Pflanzen könnten ebenso gut auf natürliche Weise entstanden sein. Wie genau man auch hinschaut, man sieht ihnen die Herkunft aus dem Genlabor nicht an.

Die Vorteile der Gentechnik nutzen, ohne die so produzierten Pflanzen als gentechnisch modifizierte Organismen zulassen zu müssen – für Züchter ist das süßer Stoff für Zukunftsträume. Die bunte Koalition der Gentechnikgegner dagegen beobachtet die Fortschritte mit Misstrauen; man fürchtet, dass die Zulassungsregeln der EU unter dem Druck der neuen Technologie zerbröseln werden.

Seit Beginn der 1980er Jahre, als man den Mikroorganismus Agrobacterium als effiziente Genfähre für die Erzeugung transgener Pflanzen entdeckte, zieht die Grüne Gentechnik einen tiefen Graben durch die Äcker. Auf der einen Seite stehen Saatgutkonzerne, die mit transgenen Pflanzen Milliarden umsetzen. Vis-à-vis hat eine breite Front von Gegnern Stellung bezogen. Sie geißeln die Gewinngier der Konzerne und warnen vor Risiken. Der Eingriff ins Erbgut unserer Nutzpflanzen könne unabsehbare Folgen haben.

Doch was, wenn die Trennlinie verblasst und verschwindet? Eine Flut neuer molekularbiologischer Techniken hält Einzug in die Pflanzenzüchtung – manche Forscher schwärmen von einem Tsunami der Möglichkeiten. Wie Schoutens Technik nutzen diese Verfahren gentechnische Methoden. Die dabei erzeugten Pflanzen tragen jedoch keine artfremden Gene in sich, wenn sie schließlich auf dem Acker stehen. Sollen diese Pflanzen dennoch als gentechnisch veränderte Organismen (GMO) gelten? Und müssen aus ihnen hergestellte Produkte gekennzeichnet werden?

Für seine Äpfel und Kartoffeln hat Henk Schouten die Antwort: "Die Gene, die wir übertragen, könnte man auch durch konventionelle Kreuzungszüchtung einbringen", sagt er. "Die Risiken sind nicht höher als in der normalen Pflanzenzucht."

Warum er dann überhaupt Gentechnik einsetzt? Zur Erklärung holt Schouten ein wenig aus. Ende der 1990er Jahre befasste er sich mit einer wichtigen Pflanzenkrankheit im Obstbau – dem Apfelschorf. Mehr als ein Dutzend Mal pro Saison bringen Obstbauern Fungizide aus, um den Pilzbefall zu bekämpfen. Also arbeiten die Züchter schon lange an resistenten Sorten. "Vor rund 80 Jahren begann man, Kultursorten mit Wildäpfeln zu kreuzen, die Resistenzen gegen Apfelschorf zeigten", erzählt Schouten.

Aus technischer Sicht ist die Entwicklung ein Erfolg

Doch die klassische Kreuzungszüchtung ist ein mühsames Geschäft, bei Bäumen zudem zeitraubend: Bis zu zehn Jahre braucht eine Apfelbaumgeneration, bis sie für die nächste Kreuzung genutzt werden kann. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis erste resistente Sorten marktreif waren. "Und in Sachen Qualität kommen diese Sorten bis heute nicht an beliebte Apfelsorten wie Gala oder Braeburn heran", sagt Schouten.

Henk Schouten will die Züchtung beschleunigen: Er isolierte zwei Resistenzgene aus verwandten Wildäpfeln und übertrug sie per klassischem Gentransfer in die Apfelsorte Gala. Das Produkt ist aus seiner Sicht keine transgene Pflanze, da die eingebrachten Gene aus dem Genpool des Apfels stammen, die beiden genutzten Pflanzentypen können sich miteinander fortpflanzen. Schouten nennt das Konzept Cis-Genetik – in diesem Fall diesseits der Artengrenze. Für transgene Pflanzen nutzt man dagegen Gene "jenseits" der jeweiligen Art.

Aus technischer Sicht ist die Entwicklung ein Erfolg. "Durch die Kombination zweier Resistenzgene muss diese Sorte im Normalfall nicht mehr gegen Apfelschorf gespritzt werden", sagt Schouten. Doch die Entwicklung der Cis-Genetik führte in Grauzonen des Gentechnikrechts: Gelten die Pflanzen nun als GMO oder nicht? Der Forscher wandte sich an die Europäische Kommission.

Die Gemeinsame Forschungsstelle (JRC) der Europäischen Kommission rief 2008 eine Arbeitsgruppe ins Leben, die ihre wissenschaftliche Einschätzung lieferte, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA gab eine Einschätzung zu Risiken ab – sie seien vergleichbar mit denjenigen konventioneller Züchtung. Eine verbindliche Entscheidung der Europäischen Kommission steht jedoch aus. "Seit zwei Jahren warten wir auf eine Klärung des Status von cisgenen Pflanzen", sagt Schouten. "Wir brauchen dringend Sicherheit, um die Sorten kommerziell zu entwickeln." Eine Reihe weiterer Unternehmen und Forscher rütteln an den Grundfesten der GMO-Regulierung der EU. Auch sie warten auf eine Einschätzung der Europäischen Kommission zu den einzelnen Verfahren.

KeyGene beispielsweise, ein ebenfalls in Wageningen ansässiges Unternehmen für molekulare Pflanzenzüchtung, erzeugt gezielte Punktmutationen im Erbgut. Hierfür nutzt das Unternehmen kurze, synthetische DNA-Stücke und bringt sie in den Zellkern ein. Dort heftet sich das Genschnipsel an seinen Konterpart auf dem pflanzlichen Erbgutstrang. Da die synthetische DNA an einer Stelle einen unpassenden DNA-Baustein enthält, greift der zelleigene Reparaturmechanismus ein und tauscht den entsprechenden Baustein auf der Gegenseite aus. Das synthetische Stück Erbgut wird danach abgebaut. Diese sogenannte ortsspezifische Mutagenese erzeugt punktuelle Mutationen. Sie können, wenn sie an entscheidenden Stellen eingeführt werden, drastische Auswirkungen auf die Eigenschaften der Pflanze haben.

Solche Sorten könnten aber auch in der Natur durch eine zufällige Mutation entstehen, durch Bestrahlung oder chemische Reagenzien hervorgerufen werden, wie in der konventionellen Saatgutherstellung. Doch selbst die vorübergehende Einführung des winzigen Erbgutschnipsels in den Zellkern ist eine gentechnische Methode – in dieser kurzen Phase wird die Pflanze in einen GMO verwandelt. Nach europäischem Recht wird bei der Beurteilung von Organismen und Produkten der Herstellungsprozess herangezogen – so wie es im 2003 in Kraft getretenen Cartagena-Protokoll über die biologische Sicherheit festgelegt und in der EU 2004 umgesetzt wurde. Ist an einer Stelle der Herstellungskette ein GMO beteiligt, muss das Endprodukt auch eine GMO-Kennzeichnung tragen. Gilt das auch für KeyGenes Schöpfungen?

Für Unternehmen und Forscher geht es bei dieser Frage nicht nur um die soziale Akzeptanz der Früchte ihrer Arbeit; eine Einstufung als GMO hat finanziell handfeste Konsequenzen. Die Zulassung einer neuen Sorte aus konventioneller Züchtung verursacht Verwaltungskosten von wenigen Tausend Euro, eine Zulassung als GMO kann aufgrund der geforderten Sicherheitsstudien bis zu zehn Millionen Euro verschlingen. Für Unternehmen sei das ein Grund, sich im EU-Ausland anzusiedeln, heißt es bei KeyGene. Vor allem: Die EU-Staaten seien nicht in der Lage, die Vorschriften umzusetzen. Die meisten Geschöpfe der neuen Gentechnik ließen sich analytisch gar nicht von konventionell gezüchteten Pflanzen unterscheiden.

Endlich gesunde Pommes – oder der Anfang von Gen-Fast-Food?

Dies gilt auch für eine Technik, mit der Wissenschaftler des Julius-Kühn-Instituts in Braunschweig die Züchtung von Bäumen deutlich verkürzen. Die Forscher führten in Apfelbäume das Frühblüher-Gen einer anderen Pflanzenart ein. Die transgenen Bäume produzieren nicht erst nach zehn Jahren Nachkommen, sondern bereits nach einem Jahr. Die beschleunigte Züchtung wird dann aber durch klassische Kreuzung bewerkstelligt, das artfremde Frühblüher-Gen zum Schluss wieder herausgekreuzt. Das Verfahren hinterlässt keine Spuren. Selbst eine Genomentzifferung der so entstandenen Apfelbäume hat keine Reste des Frühblüher-Gens oder der bakteriellen Genfähre feststellen können. Für ihren Apfelsämling haben die Forscher beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit einen Feststellungsantrag auf gentechnikrechtliche Bewertung eingereicht. Eine Entscheidung steht bevor.

Können die neuen Pflanzenzuchttechniken das Feindbild der Gentechnikgegner ins Wanken bringen? Greenpeace, BUND und andere Umweltorganisationen warnen vor allem, dass beim Anbau transgener Pflanzen fremdes Genmaterial auf verwandte Wild- und Kulturpflanzen übertragen werden könnte. Dieses Genmaterial stammt in der "klassischen" Gentechnik meist von Bakterien. Die Gene verleihen den Pflanzen Toleranz gegen Herbizide oder lassen sie ein Toxin zur Abwehr von Schädlingen produzieren. Oft tragen die Pflanzen Antibiotika-Resistenzgene. All diese möglichen Risiken sind mit den neuen Techniken obsolet.

Schouten ist überzeugt, dass er mit der Cis-Genetik zentrale Argumente entkräften kann. Die Technik respektiere die von der Natur vorgegebenen Artengrenzen, und Risiken wie die Verunreinigung von Pflanzenarten mit fremden Genen seien ausgeschlossen. "Die Gene, die wir verwenden, sind in Wildapfelpflanzen ohnehin vorhanden", sagt Schouten. Auch bei den anderen Techniken bleibt nach Aussagen der Wissenschaftler kein artfremdes Genmaterial in der neu entwickelten Sorte.

Gentechnikgegner befürchten, Unternehmen könnten sich künftig um die EU-Auflagen für GMOs drücken. "Es werden die gleichen Methoden eingesetzt wie bei der herkömmlichen Gentechnik", befindet Dirk Zimmermann von Greenpeace. "Dementsprechend sind die Risiken genau dieselben, entsprechende Pflanzen sollten selbstverständlich als GMOs klassifiziert und behandelt werden." Das Zusammenspiel der Gene sei zu komplex, um gentechnische Eingriffe zu verantworten. Der BUND bezieht ähnlich Stellung.

Der Züchtungsforscher Michel Haring von der Universität Amsterdam hält transparente Produktionsprozesse für wichtiger. "Jeder hat das Recht zu erfahren, wann Gentechnik in der Erzeugung von Lebensmitteln eingesetzt wird." Er glaubt, dass die meisten Probleme in der Pflanzenzüchtung auch ohne Gentechnik zu lösen wären. Genanalysen und Genomkartierung hätten die klassische Züchtung viel effizienter gemacht. "Diese Methoden ziehe ich vor, dabei geht es auch um Akzeptanz."

International ist der Umgang mit den neuen Methoden sehr unterschiedlich geregelt. Neuseeland, das mit einer gentechnikfreien Landwirtschaft wirbt, hat sich gerade gegen die Zulassung einer Sorte entschieden, deren Erbgut gezielt an einem Punkt verändert wurde. In die Entscheidung spielt die Sorge vor Umweltrisiken hinein, aber auch die Furcht vor negativen Reaktionen auf den lukrativen europäischen Exportmärkten.

In den USA und Kanada gehen die Behörden dagegen permissiver mit gentechnischen Zuchtmethoden um. Hier wird nicht der Prozess der Herstellung, sondern das Produkt betrachtet. Mehrere Pflanzensorten mit gezielt eingeführten Punktmutationen sind zugelassen. Die Firma Cibus etwa arbeitet – ähnlich wie KeyGene – mit kurzen DNA-Strängen, die in der Zelle molekulare Mechanismen zum Austausch von Genbausteinen auslösen. Eine Rapssorte des Unternehmens ist in den USA bereits auf dem Markt und wurde als nicht transgen eingestuft. Auch Kanada hat den Zulassungsantrag bereits durchgewinkt.

Cisgene Pflanzen sind ebenfalls in der Pipeline. Der US-Agrarmulti J. R. Simplot hat eine Kartoffelsorte geschaffen, bei der die Forscher Genmaterial aus der Wildkartoffel und verschiedenen Kultursorten herauspicken, diese Gene dann aber umstellen und mit neuen Regulatorsequenzen kombinieren. Die so von Simplot geschaffenen Knollen laufen nicht braun an und haben einen sehr geringen Gehalt an Asparagin. Aus dieser Aminosäure bildet sich beim Frittieren das krebserregende Acrylamid – gesundheitsbewussten Fast-Food-Fans könnte die Kartoffel also gelegen kommen. Ein Antrag für die Marktzulassung in den USA liegt vor. Endlich gesunde Pommes – oder der Anfang von Gen-Fast-Food? Die Schlacht hat begonnen: Die Organisation Food and Water Watch forderte den McDonald’s-Geschäftsführer Donald Thompson in einem offenen Brief auf, keine "Biotech-Fritten" mit Simplot-Kartoffeln zu verkaufen. Der Fast-Food-Konzern orakelte, man orientiere sich an den Vorgaben der US-Behörden.

"Ein wissenschaftliches, soziales und politisches Desaster"

Wie Kennzeichnung und Import solcher Produkte in die EU vor dem Hintergrund des Freihandelsabkommens TTIP geregelt werden sollen, ist unklar. Die Kennzeichnung zugelassener GM-Pflanzen ist in den USA freiwillig. Und künftig wird die gentechnische Modifikation dieser Pflanzen auch durch Genanalysen nicht mehr erkennbar sein. Wie kann man da für Transparenz sorgen?

Wissenschaftler treibt nun die Sorge um, Europa könne wissenschaftlich und wirtschaftlich den Anschluss in der Züchtung verlieren. Ein hochkarätiger deutscher Pflanzenzuchtforscher berichtet, er habe auf politischen Druck hin alle anwendungsorientierten Studien zu den neuen Methoden der Pflanzenzüchtung einstellen müssen. Er möchte anonym bleiben, aus Furcht vor weiteren Mittelkürzungen. "Die Grundlagen für die Techniken wurden zu einem guten Teil in Europa gelegt, die Patente und das Geld machen andere", sagt er.

Ins gleiche Horn stößt Jean Masson, Forscher am Nationalen Institut für Agronomieforschung im französischen Colmar: "Man kann in Europa nicht mehr wissenschaftlich an solchen Themen arbeiten." Seine Arbeitsgruppe hat vor einigen Jahren konventionelle Weinsorten auf virusresistente, transgene Wurzelstöcke gepfropft. Technisch ist das unproblematisch, in den USA wird die Methode schon an Obstsorten erprobt. Die Forscher möchten so die Vorteile transgener Pflanzen nutzen, ohne dass sich diese Gewächse vermehren und ihre Pollen verbreiten können. Bislang ist unklar, ob die Nachkommen und die aus den Chimären gewonnenen Produkte eine GMO-Kennzeichnung tragen müssen. 2010 wurden die Mischwesen von Aktivisten zerstört. "Ein wissenschaftliches, soziales und politisches Desaster", schimpft Masson.

Manchen auf dem Gebiet tätigen Pflanzenzüchtern geht bereits die Puste aus: Der niederländische Kartoffelstärke-Hersteller Avebe hat vor einigen Jahren noch an cisgenen Kartoffeln gearbeitet. Inzwischen habe man die Entwicklung eingestellt. Es gebe keinen Fortschritt in der politischen Debatte um die Regulierung neuer Züchtungstechniken, heißt es vonseiten des Unternehmens.

Ähnlich sieht das Henk Schouten. Ende Juni war er bei einem Treffen mit einem Gremium der Europäischen Kommission. Dort teilte man ihm mit, dass in absehbarer Zeit keine Entscheidung fallen werde, man fürchte rechtliche Konsequenzen einer Fehlentscheidung. Die Europäische Kommission selbst verweist nach einer Anfrage auf den laufenden Entscheidungsprozess.

Schouten aber will Klarheit: "Wenn diese Pflanzen als GMO eingestuft werden, hören wir auf." Aber nur hier. Er sieht sich nach Alternativen in den USA und Kanada um.

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