DIE ZEIT: Herr Coley, in einer Ihrer Installationen zitieren Sie Jackson Pollock, der einmal gesagt hat: Alle Künstler sind entweder Cowboys oder Indianer. Was sind Sie?

Nathan Coley: Gute Frage. Ein Cowboy ist ein Mann, der dem Establishment entkommen und nach eigenen Regeln leben will. Er trinkt viel, schläft mit vielen Frauen, doch wenn er Erfolg hat, wird er Sheriff, also wieder Establishment. Der Indianer ist ein Dichter und Schamane, der dich mit vergessenen Teilen deines Selbst bekannt macht. So gesehen, bin ich wohl ein Indianer.

ZEIT: Das passt in das Bild, das man sich von den Glasgower Künstlern macht. Sie treten weniger breitbeinig auf als ihre Londoner Zeitgenossen um Damien Hirst. Als vor ein paar Jahren ein Turner-Preis nach dem anderen nach Glasgow ging, war die Überraschung groß. Plötzlich sprach alle Welt vom "Wunder von Glasgow".

Coley: Der Begriff ist viel älter. Der deutsche Kurator Hans-Ulrich Obrist hat ihn in den Neunzigern geprägt. Mich hat das schon damals geärgert.

ZEIT: Warum?

Coley: Weil wir nicht vom Himmel gefallen sind! Als wir anfingen, war Glasgow ein düsterer, depressiver Ort. Die Industrie lag am Boden, die Lebenserwartung entsprach der in einem Entwicklungsland. Wir wussten, dass wir hart arbeiten müssten, wenn wir hier was werden wollten.

ZEIT: David Harding, der Kunstprofessor, bei dem alle namhaften Glasgower Künstler studiert haben, hat Ihre Generation mal mit einer Straßengang verglichen.

Coley: So hat es sich angefühlt. Wir hatten kein Geld und keine Sponsoren, aber viele Ideen, und, zumindest für meinen Jahrgang kann ich das sagen, wir waren alle befreundet. David Harding hat uns stets das Gefühl gegeben: Alles ist möglich, wenn ihr es wollt. Seine Grundidee, der Standort, die Umgebung, ist das halbe Kunstwerk, prägt meine Arbeit bis heute.

ZEIT: Sie sind bekannt geworden mit riesigen Leuchtschrift-Skulpturen: There will be no miracles here, Heaven is a place where nothing ever happens. Woher kommt Ihr Interesse am Religiösen?

Coley: Ich bin kein gläubiger Mensch, aber Religion beschäftigt mich, diese Sehnsucht nach Spiritualität und festen Regeln. Heute bestimmt sie unseren Konflikt mit der muslimischen Welt. In meiner Kindheit verlief die Trennlinie zwischen Katholiken und Protestanten. Wir lebten ja im Schatten des Nordirlandkonfliktes.

ZEIT: Wie äußerte sich das?

Coley: Es war ein großes Thema, welcher Konfession man angehörte, welche Schule man besuchte. Reiche irische Katholiken haben viel Geld in den Kulturkampf gesteckt, vor allem in den Kirchenbau. Das Architekturbüro Gillespie, Kidd & Coia hat für die katholische Kirche spektakuläre moderne Sakralbauten errichtet. Die St. Bride’s Church, eine halbe Autostunde außerhalb Glasgows, beispielsweise. Man muss nicht lange hinschauen, um zu begreifen, dass es bei diesem Backsteinkoloss nicht um Licht, Luft und Sonne geht, sondern um Einschüchterung und Kontrolle.

ZEIT: Im Rahmen von Generation, einer Ausstellungsreihe, die 25 Jahre Kunst aus Glasgow feiert, zeigt die Städtische Galerie gerade Ihre Arbeit Lamp of Sacrifice. Dafür haben Sie alle 286 Sakralgebäude Edinburghs aus Pappe nachgebaut. Ihr Kommentar zur ideologischen Dimension von Architektur?

Coley: Mich interessiert bei Gebäuden weniger das Aussehen als die Bedeutung. In dieser Arbeit habe ich die religiöse Topografie der Stadt neu arrangiert: Die Moschee steht jetzt neben der Synagoge, das Gemeindehaus der Freireligiösen neben der Church of Scotland. Trotzdem suchen die Besucher hier weiterhin nach Orientierung. Hat in der Kirche nicht damals der Bruder geheiratet? Liegt neben der andern nicht dieses alte Pub? Vor ein paar Tagen hatte ich in der Ausstellung ein schräges Erlebnis. Ein Typ, betrunken oder auf Drogen, brüllte: "Das ist genau die Scheiße, die man im Gefängnis machen muss!"