Hamburg hat Masern. Auf den Fußwegen in der City breiten sich dunkle Flecken aus, mancherorts so viele, dass man denken könnte, die Gehwegplatten seien gemustert. In Wahrheit sind es Kaugummis. Ausgespuckt, bevor man in den Bus springt, einen Laden betritt, vor dem Kino jemanden küsst. Man sagt Kaugummis ja allerlei nach, sie sollen sogar die Hirntätigkeit anregen. Wer aber Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung hört, merkt, dass er genau daran zweifelt. "Wieso", fragt Fiedler, "halten sich so wenige an das, was auf jedem Kaugummi steht: dass man es nach Gebrauch im Abfalleimer entsorgen soll?"

Das große Problem mit den Gummis: Sie bestehen aus Kunststoffgemischen, die, spuckt man sie auf den Boden, hart werden wie Superkleber. Egal, ob die Männer in Orange mit dem Wasserwagen kommen. Egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Frost könnte die Gummireste bröckeln lassen, aber da ist der Klimawandel. So kleben sie und werden immer dunkler. Viele Jahre lang. Und selbst dann bleibt ein Abdruck, vor den Hand in Hand das Paar treten kann, das sich hier vor zehn Jahren nach dem Kino zum ersten Mal küsste: "Mit ihm fing alles an, weißt du noch?"

Auf dunkelgrauen Standard-Gehwegplatten fallen die schwärzlichen Flecken nicht so auf. Auf schicken eierschalenfarbigen Platten wie am Jungfernstieg schon. Zweimal im Jahr reinigt eine Spezialfirma alles mit Hochdruck, Wasser und Dampf. Kosten: 70.000 Euro per annum. 900 Millionen Euro geben deutsche Städte im Jahr angeblich für die Beseitigung der Gummireste aus. Und wenn der Gänsemarkt wirklich ein hellgelbes Pflaster bekommt, wird auch dort die Spezialfirma anrücken müssen. Oder man tauft ihn "Leopardenmarkt".

Politiker denken immer wieder über eine Kaugummisteuer nach. Zumindest über abschreckende Strafen. Die gibt es eigentlich schon. Einmal Kaugummiausspucken könnte mit ein bisschen Härte bis zu 150 Euro kosten. Wenn man nur genug Personal hätte, das sich in der Innenstadt versteckte und per Videobeweis die Täter überführte.

Vielleicht genügt dafür bald auch schon ein kleines Genlabor. Im letzten Jahr stellte die US-Künstlerin Heather Dewey-Hagborg lebensechte Gesichtsmasken von Wildfremden aus – entstanden nur mithilfe der DNA, die an ihren ausgespuckten Kaugummis klebte.