Elbchaussee

Der Bus fuhr erschütterungsfrei die einstige Prachtstraße hinab, die parallel zum Strom lief, niemand zeigte sich in den Gärten, auf den Veranden, hinter den Fenstern der überalterten weißen Villen, die sich erhaben über das Unglück ausschwiegen, dessen Zeuge sie geworden waren, und die auch jetzt noch ihren hochmütigen Anspruch aufrechtzuerhalten schienen, einen Anspruch auf Dauer und Verschontheit. Noch bevor der Fahrer ihn mahnend anstieß, angelte Ulrich sich das Mikrophon – sie hatten bereits den winzigen, eingeklemmten Friedhof passiert, auf dessen Höhe er sonst wie auf Stichwort das Mikrophon nahm –, und über seine Sitzlehne gewinkelt, lud er seine Passagiere zum Zielspringen ein und erläuterte, was er ihren Blicken zuwies. Er zitierte aus der überschaubaren Geschichte der Häuser, nannte die Namen der ersten Bewohner, nannte ihre Berufe und Tätigkeiten und ihre mutmaßlichen Einkommen, alles mit trockenem Respekt, ohne Unterton selbst da, wo er Konkurse, Vergleiche, selbst verschuldete Schiffbrüche feststellen mußte. An einem Zebrastreifen, wo ein alter Mann sich den Übergang erzwang, einfach dadurch, daß er seinen Spazierstock drohend in die Waagerechte hob, blickte der Fahrer besorgt zu Ulrich hinüber, besorgt und zugleich anfragend, da er eine enthüllende Anekdote vermißte, die noch jedesmal ein Lächeln hervorgerufen hatte; außerdem kam es ihm vor, als ob Uli heute nicht zu der Form fand, die er sonst bei ihm gewohnt war, zu dieser mühelosen Aufgeräumtheit, mit der er für die Stadt warb, indem er sie bloßstellte.

(Aus: Der Verlust, 1981)

Othmarschen

Nein, in diese Gegend wollten wir nicht ziehen. Als wir die alte Wohnung verlassen mußten, suchten wir, nicht zuletzt wegen der Bücher, ein stilles Haus in der Vorstadt. Uns wäre jede Gegend in Hamburg recht gewesen – ausgenommen der Stadtteil, in dem wir heute wohnen. Othmarschen ließen wir bei unserer Suche links liegen. Hierher – und darüber bestand ein stillschweigendes Einverständnis –, hierher wollten wir nicht. Warum? Wir fürchteten die Zwänge – Zwänge des Verhaltens, die man der hier wohnenden Gesellschaft nachsagte. Wir hatten keine Schiffe laufen. Wir waren weder im Export- noch im Importgeschäft zu Hause. Keine Mitgliedschaft im Golfclub, keine im Reiterverein, nicht mal Anwärter auf Mitgliedschaft in einem Yachtclub. Vor allem konnten wir nicht mitreden – und das ist schon Anlass ausdauernder Abendunterhaltungen –, wenn man gemeinsam das beste europäische Hotel ausfindig machte, in dem der garantiert beste Martini serviert wird. Wir beide wurden nicht auf der Überfahrt zwischen Hamburg und London geboren. Wir beide "empfangen" sogenannte Lieferanten an der allgemeinen Tür und trinken einen Schnaps mit ihnen. Und wir waren auch nicht bereit, die mannigfachen Tribute zu entrichten, die man für eine sogenannte "gute Adresse" aufbringen muss – von peinlicher Gartenpflege bis zur diskreten Demonstration eigener Kreditwürdigkeit. Doch dann fanden wir, gegen unsere Absicht, ein altes sympathisch verwohntes Haus, das uns zu garantieren schien, was bei den anderen besichtigten Objekten fraglich geblieben war: Stille nämlich. Stille in der Stadt.

(Aus: Meine Straße, 2006)

Ein Teehandelshaus

Als nur noch die Lichter der Kantine im vierten Stock brannten, überquerte Wittmann die Straße, froh, den böigen, kalten Winden zu entkommen, stieg die Steinstufen hinauf und betrat, ohne einem Bekannten zu begegnen, die Halle, die in gedämpfter Notbeleuchtung lag; der polierte rumänische Marmor schimmerte matt. Corinnas festungsartiger Empfangstisch war unbesetzt, dennoch glaubte Wittmann, ihren munteren Gruß zu hören, glaubte sie für einen Augenblick in der kleidsamen blauweißen Firmentracht zu sehen, mit einem Schiffchen auf dem lang fallenden braunen Haar, einen Telefonhörer in der Hand. Unter dem Porträt des Firmengründers Julius Pottjohann, unter seinen alten, funkelnden Augen ging er zu den gläsernen Vitrinen, die auf seinen Rat hin an den Wänden der Halle aufgestellt worden waren. Es waren Schauvitrinen, Lehrvitrinen, in denen auf flachen, gemusterten Porzellanschälchen die bedeutendsten Teesorten der Welt ausgestellt waren: chinesischer Schwarztee, der einst russische Karawanenhändler belebte, großblättrige Oolongs, indischer Darjeeling und Orange Pekoe aus den hochgelegenen, nebelfeuchten Teegärten Ceylons; selbst pfannengerösteter Grüntee aus Japan, der den Geist der Ruhe verspricht, zeigte unter Glas sein eigentümliches Erscheinungsbild.

(Aus: Die Auflehnung, 1994)