Seit die Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens das Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" veröffentlicht haben, das auf stundenlangen Gesprächen mit Helmut Kohl beruht, tobt ein öffentlicher Streit um die Erinnerung an den heute 84-jährigen Altbundeskanzler. Dessen Anwälte gehen juristisch gegen das Werk des einstigen Kohl-Ghostwriters vor, dem sie einen Bruch der vereinbarten Vertraulichkeit vorwerfen. Das Buch von Schwan und Jens hat vor allem Aufmerksamkeit gefunden, weil es Kohl mit vielen, teils derben Charakterisierungen von Weggefährten und politischen Gegnern zitiert.

Auch ZEIT-Autor Hans Werner Kilz, damals beim "Spiegel" beschäftigt, hat jahrelang vertrauliche und vertraute Gespräche mit Kohl geführt. Ohne Band, nur mit Notizblock. Was für ein Politiker und was für ein Mensch ihm damals im Kanzleramt begegnet ist, schildert er hier zum ersten Mal ausführlich.

Helmut Kohl war immer ein geselliger Gastgeber. Ob als Ministerpräsident in Mainz oder später als Kanzler in Bonn. Wenn ich in seinem Dienstzimmer in einem der modernen Ledersessel Platz genommen hatte, schrie er ins Vorzimmer: "Juliane, hol emol e Fläschje und bring uns was zu knabbern." Er stapelte die von seiner Büroleiterin Juliane Weber hereingebrachten Kekse auf dem Beistelltisch zu kleinen Säulen. Gegessen hat er sie alle allein. Nur beim Wein, noblen Rieslingen aus Pfälzer Traumlagen, bestand er auf Teilhabe.

Der Kanzler empfing mich, damals war ich Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, in der Regel spätnachmittags. Der Terminkalender war freigeräumt, Telefonate wurden nicht mehr durchgestellt. Helmut Kohl trug Sandalen, zog das Jackett aus, eine dunkelblaue Strickjacke über die Hosenträger und machte es sich in seinem Sessel bequem. Er streckte die Beine lang aus, hatte Lust zu plaudern. "Ich rede gern mit Ihnen", sagte er dann, "Sie scheinen ja vernünftiger zu sein als die annern do driwwe."

"Die annern do driwwe" – das waren die Spiegel- Redakteure aus der Bonner Dahlmannstraße 20, zwei Fußminuten vom Kanzleramt entfernt. Mit denen wollte Helmut Kohl nichts mehr zu tun haben. "Die wollten mich zum Deppen machen, zum Provinzheini." Diese Kränkung saß tief bei Helmut Kohl, und sie lag lange zurück.

Eins hat Helmut Kohl nie getan – seine Herkunft verleugnet

Im August 1976, im anbrechenden Bundestagswahlkampf, hatte Kohl dem Spiegel letztmals ein offizielles Interview gegeben. "Ich habe mich für dieses Amt sorgfältig geprüft", sagte er den Redakteuren Klaus Wirtgen und Erich Böhme, "ich will Bundeskanzler werden." In Bonn regierte damals der Sozialdemokrat Helmut Schmidt mit dem Freidemokraten Hans-Dietrich Genscher in einer sozialliberalen Koalition. Diese beiden wollte Kohl ablösen. Die Spiegel- Journalisten fragten wie immer despektierlich, weil sie nicht glauben wollten, was die Meinungsumfragen signalisierten: Helmut Kohl war in großen Teilen der Bevölkerung beliebter als Schmidt ("Sagt und schreibt, was ihr wollt, die Leute mögen mich"), alle Prognosen sahen ihn und die CDU/CSU im Herbst 1976 kurz vor der absoluten Mehrheit. Ein so gutes Unionsergebnis, 48,6 Prozent, hat nach Kohl kein CDU/CSU-Kanzlerkandidat mehr erreicht.

"Es war immer das Gleiche beim Spiegel", erinnerte sich Kohl später, "der Text der Interviews war in Ordnung, aber drum herum haben sie eine herabsetzende Geschichte gebaut." Anfangs habe ihm der Spiegel "durchaus wohlwollend" gegenübergestanden, "aber als ich Parteichef wurde, veränderte sich das schlagartig".

Spiegel- Reporter besuchten ihn in Mainz, auch in seinem Wohnhaus, einem Bungalow in Ludwigshafen-Oggersheim, und beschrieben genüsslich, wie spießig der Pfälzer wohnte. Sie attestierten ihm "ein erhebliches Manko an außenpolitischer und bundespolitischer Erfahrung" und ein "staatsmännisches Defizit" gegenüber Helmut Schmidt.

Diese herablassende Haltung der Hamburger Journalisten gegenüber dem Pfälzer war auch in den täglichen Redaktionskonferenzen beim Spiegel zu spüren. Rudolf Augstein spottete über die vermutete Kleinkariertheit des CDU-Vorsitzenden und hörte sich genüsslich Geschichten an, dass der Pfälzer jetzt in Bonn Sprachunterricht nehme, um seine Herkunft zu verleugnen.

Genau das hat Helmut Kohl nie getan. Er verwies mit Stolz auf seine pfälzische Heimat, auf den geschichtsträchtigen Boden, auf das Hambacher Schloss, "eine Wiege der deutschen Demokratie". "Was die Provinz anlangt, kann ich nur schmunzeln", entgegnete er seinen Kritikern, "mit dem gegenwärtig in Bonn residierenden Weltbürger nehme ich es gerne auf." Gemeint war Helmut Schmidt.

Helmut Kohl war immer selbstbewusst, ein Schlappmaul zwar, derb und ordinär, nur ging ihm – wie allen Pfälzern – jede Sprachbegabung ab. Die Menschen in Deutsch-Südwest sprechen bedächtig, betonen oft an der falschen Stelle, unterscheiden nicht zwischen "ch" und "sch". Aus dem Munde eines Kurpfälzers klingt das alles gleich. "Lersch wie die Lersche", meldet sich in Worms eine Sekretärin am Telefon, wenn sie sagen will, dass sich ihr Name wie "Lerche" schreibt. Meine Heimatstadt Worms liegt 22 Kilometer nördlich von Oggersheim, in Rheinhessen zwar, nicht in der Pfalz. Aber beim Spiegel in Hamburg war ich stets "der Pfälzer". Rudolf Augstein frotzelte gern in der Konferenz – "Warum sagen Sie eigentlich immer ›Kirsche‹?" –, wenn ich bei der Morgenlage über den Evangelischen Kirchentag berichtete. Irgendwann gewöhnte ich mir an, nur noch "Gotteshaus" zu sagen, wenn es um Kirche ging.

Die landsmannschaftliche Verbundenheit war wohl mit der ausschlaggebende Grund, dass Helmut Kohl mich im Kanzleramt empfing, obwohl er mit dem Spiegel gebrochen hatte. Walter Wallmann, der frühere Frankfurter Oberbürgermeister, erste Umweltminister im Kabinett Kohl und spätere hessische Ministerpräsident, hatte sich für mich eingesetzt. Wir kannten uns aus gemeinsamen Frankfurter Tagen. Er bestärkte mich in meiner Absicht, Helmut Kohl einen Brief zu schreiben und an die Zeit in Mainz zu erinnern, als ich Spiegel- Korrespondent für die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland gewesen war.

Das funktionierte. Es meldete sich aus Bonn der Kanzleramtsminister Horst Teltschik, engster Berater von Helmut Kohl, der bei einem Abendessen vorfühlen sollte, ob es sich lohne, mit mir zu reden. Der Kanzler könne sich an die Zeiten im Mainzer Zeughaus, dem Sitz des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, nicht mehr genau erinnern, sagte Teltschik. Nach dem Essen, beim Abschied im Auto, erklärte Teltschik, er wolle dem Bundeskanzler vorschlagen, sich mit mir zu treffen.

Es kam regelmäßig zu mehrstündigen Begegnungen im Kanzleramt, nur zu zweit, ohne Tonband, aber mit Block und Stift. "Ruf emol de Bischof Meisner in Köln aa", sagte Kohl dann zu seinem Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, später Innenminister, "dess muss ich beichte, dass der Kerl vom Spiegel hier sitzt." Ein Buch zur Flick-Affäre (Die gekaufte Republik), das ich zusammen mit Hans Leyendecker und Joachim Preuß verfasst hatte, war offensichtlich verziehen.

Ausgerechnet der "Provinzpolitiker" war für Berlin als Hauptstadt

Aber eigentlich hatte er gar nicht den Spiegel- Chefredakteur empfangen, sondern den Landsmann, den Rheinland-Pfälzer, den Wormser. Wer ihm vertraut erschien, dem vertraute er. "Kennen Sie den Dompropst dort?", fragte er mich. "Den müssen Sie kennenlernen, ein kluger Mann." Und Kohl erzählte, dass er Jahr für Jahr mit seiner Frau Hannelore und den Söhnen Walter und Peter zur Christmette in den Wormser Dom fuhr. In den Speyerer Kaiserdom schleppte er Staatsgäste, den Mainzer überließ er dem dortigen Bischof.

Kohl wollte aus den Gesprächen nicht im Wortlaut zitiert werden, redete aber freimütig über politische Entscheidungen und Weggefährten, diktierte Botschaften und Informationen in den Block ("Schreibe Se nit alles mit. Des is nit für de Spiegel"), von denen ich wusste, anders als Heribert Schwan jetzt bei seinen Tonbändern, welche für die Öffentlichkeit und welche nur für meinen Hinterkopf bestimmt waren.