Von Reedern und Bankern

Gleich zu Anfang des Gesprächs die Irritation. Auf die Frage hin, wann er zuletzt auf einem Schiff gewesen sei, muss Wolfgang Topp scharf nachdenken. "Vor circa zwei Jahren", sagt er dann und schiebt hinterher: "Hafenrundfahrt."

Das muss man erst mal verarbeiten. In der großen Schifffahrtskrise ist Topp eine wichtige Figur, vielleicht sogar die wichtigste überhaupt. Es gibt Leute in der Branche, die sagen, Topp sei ein Riesenproblem für Hamburg, weil er nichts von Schiffen verstehe. Weil er von außen komme und sich nicht mit dem Standort identifiziere. Ein reiner Zahlenmensch sei dieser Topp, sozialisiert in Frankfurter Bankentürmen, nicht in der Nestwärme des maritimen Clusters. Und so einer sagt frei heraus, dass er in letzter Zeit auf keinem der Containerschiffe gewesen sei, über deren Schicksal er mitbestimmt.

Topp – 61 Jahre alt, mausgrauer Dreiteiler, weißes Einstecktüchlein – verantwortet das Restrukturierungsgeschäft der HSH Nordbank. Seit zweieinhalb Jahren. Dort geht es vor allem um Schiffe. In den Boomjahren hat die HSH Nordbank den Reedern und den Schiffsfonds das Geld fast aufgedrängt. Sie wollen ein Schiff kaufen? Warum nehmen Sie nicht zwei? Dann kam die Finanzkrise, und die Bank saß plötzlich auf lauter faulen Krediten. Die schwierigsten Fälle hat die HSH Nordbank in der Restructuring Unit gebündelt, auf Deutsch: Abbaubank. 600 Schiffe sind da drin, sie stehen mit 6 Milliarden Euro in den Büchern.

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Was macht man mit 600 Schiffen, die keiner wirklich braucht? Gute Frage. Wenn die HSH Nordbank jetzt anfängt, die Schiffe zu verhökern, an Hedgefonds womöglich, zum nächstbesten Preis, macht sie den Markt kaputt – und damit auch die eigene Bilanz, denn jeder Schleuderpreis würde den Wert der übrigen Schiffskredite nach unten drücken. Und als Landesbank hat die HSH eine besondere Verantwortung für den Standort, für die vielen Unternehmen und die Arbeitsplätze in der Region. Andererseits: Nichts tun geht auch nicht. Das haben die HSH-Nordbanker lange genug probiert. Jahrelang haben sie die Rechnungen bezahlt, sie haben – so heißt das im Bankenjargon – durchfinanziert und darauf gewartet, dass die Krise vorbeigeht.

Die Krise ist nicht vorbeigegangen. Wie sich eine weitere Verschärfung auswirken würde, das ist Gegenstand des EZB-Stresstests, dessen Ergebnisse am 26. Oktober publik gemacht werden. Die Schiffskredite der HSH stehen dabei besonders im Fokus. Schließlich ist die Bank einer der größten Schiffsfinanzierer Deutschlands – und damit das Problemkind unter den geprüften Banken.

In diesem Spannungsfeld also bewegt sich der Banker Wolfgang Topp. Er hat sich das Feld selbst ausgesucht, er ist geradezu hineingesprungen. Eine Gehaltskürzung hat er hingenommen, um von der Deutschen Bank zur HSH zu wechseln. Es ist die enorme Komplexität der Aufgabe, die ihn reizt. Im gesamten Restrukturierungsgeschäft gebe es keine spannendere, sagt er, und mit Restrukturierungen kennt er sich aus. Die Mexikokrise in den Achtzigern hat er mitgemacht, die Asienkrise und die Russlandkrise in den Neunzigern. Aber auch wenn ein Unternehmen aus Schwaben kein Geld mehr hatte, fuhr Topp für die Deutsche Bank hin. "Es muss Ihnen doch unglaublich auf den Keks gehen, dass jemand wie ich zu Ihnen kommt und Ihnen erklärt, was Sie zu tun haben", hat Topp schon zu den Chefs großer Firmen gesagt – und so, wie er die Geschichte erzählt, kann man sich auch den Tonfall vorstellen, den er damals angeschlagen hat. Nicht überheblich, sondern sachlich. Gnadenlos nüchtern. "Jemand wie ich." Was für ein Mensch ist das, der so von sich spricht? Und was hat er mit den Hamburger Reedern vor?

Topp ist der Mann, den die Hamburger Reeder in der Krise verdient haben

Viele Reeder, mit denen Topp zu tun hat, haben prächtige Büros mit Blick aufs Wasser, auf Elbe oder Alster. Topp hat sein Büro in der HSH-Zentrale am Gerhart-Hauptmann-Platz. Eine Waschbetonfassade aus den Siebzigern, getönte Fenster und abgehängte Decken. An Topps Wand hängt eine Schautafel zur Bankenregulierung. "Umsetzung Basel III". Der Blick geht auf das Dach von Karstadt. Dort oben findet gerade Oktoberfest statt, eine Coverband in Lederhosen spielt Hits von Helene Fischer. Topps Musikgeschmack trifft das nicht, er hört lieber Trance-Musik, den holländischen DJ Armin van Buuren.

Wenn die vornehmen Reeder den Banker Topp in seinem Waschbetonbau aufsuchen, dann tun sie das meist, weil ihnen das Geld ausgegangen ist. Weil sie über Stundungen und Streckungen verhandeln müssen. Weil sie wollen, dass die Bank irgendwelche Rechnungen begleicht. Nicht immer geht Topp darauf ein. Unangenehme Gespräche sind das dann.Topp wirkt nicht unbedingt wie einer, der großen Spaß an unangenehmen Gesprächen hat. Eher schon wie einer, dem es weniger ausmacht als anderen, unangenehme Gespräche zu führen, und der Wert darauf legt, dass es ihm weniger ausmacht. Ein Reeder, der mit Topp unangenehme Gespräche geführt hat, sagt, Topp sei "kalt, völlig emotionslos. Er arbeitet die Krise einfach ab." Aber was für einen Restrukturierer erwarten sich die Reeder eigentlich? Einen Kumpeltypen wie Thomas Gottschalk oder Jürgen Klopp? Man könnte vielleicht sagen: Topp ist genau der Mann, den die Hamburger Reeder in der Krise verdient haben.

Neulich zum Beispiel. Da war es wieder so weit. Ein Reeder hatte eine Hafengebühr nicht beglichen. Topp sah sich die Rechnung an. "15.000 Euro! Das können Sie nicht zahlen? Wie kann das angehen?" "Ich habe das Geld nicht." "Gut. Wir haben es auch nicht." "Das müssen Sie aber zahlen." "Nein, das müssen wir nicht." "Dann ist unser Schiff pleite." "Ja, dann ist es halt pleite." Dass die HSH Nordbank auch mal mit der Kündigung von Krediten drohe, sei neu, sagt Topp. "Und dann kommt man ins Gespräch, das ist ein Anfang", und das klingt fast so, als ginge es dabei ums Dating, nicht ums Restructuring.

Seine Ziele für die Hamburger Schifffahrt hat Topp im Gespräch mit ein paar Analysten und Vertriebsleuten der Bank entwickelt. Das war im letzten Sommer. Man hat in Topps Büro zusammengesessen, die Liste aller Reedereien auf den Tisch gelegt und dann geschaut, wer betriebswirtschaftlich gut ist, wer technisch stark, wer groß, wer klein und wer zusammenpasst und wer nicht. Ein darwinistisches Szenario war das, in dem die Schwachen bei den Starken unterkamen, die Ineffizienten bei den Effizienten, die Kleinen bei den Großen, und am Ende blieben 30 Reedereien übrig, "schlagkräftige Einheiten", wie Topp sagt, "die kapitalmarktfähig sind". Denn genau das ist es ja, was den Reedereien fehlt: Seitdem das Fondsmodell mit den Rechtsanwälten, Apothekern und Zahnärzten, die ihr Geld in Schiffen angelegt haben, nicht mehr funktioniert, gibt es kein Kapital mehr für dringend benötigte Investitionen, für die Erneuerung einer Flotte, die technisch nicht mehr auf dem neusten Stand ist.

Manche Leute, die mit der HSH Nordbank zu tun haben, sagen, dass die Strategie für den Standort Hamburg nicht erkennbar sei. Dass eine Konsolidierung immer noch nicht stattgefunden habe. Und dass auch Topp nicht viel bewegt habe. "Ob es bei der HSH ausschließlich um die Optimierung der Bilanz geht oder um ein strukturelles Nachdenken über die Zukunft, ist für mich überhaupt nicht ersichtlich", sagt ein Hamburger Schifffahrtsmanager, der natürlich nicht genannt werden will. Topp entgegnet, dass so ein Prozess Zeit brauche. "Wenn Sie in einem halben Jahr wiederkommen, sind wir hoffentlich weiter."

Und noch etwas anderes möchte Topp bald angehen. Auf seine Initiative hin stiftet die HSH Nordbank einen Lehrstuhl, gemeinsam mit ein paar Reedern, angesiedelt an der Universität Hamburg. Die Idee kam Topp, als er eine kleine Reederei besuchte. Da schwärmte der Seniorchef von den schönen Jahren vor der Krise. Die Juniorchefs wiederum hatten nur Kennzahlen im Kopf, debt-to-equity ratio und solche Dinge. Als Topp aber fragte, was für Schiffe denn in zehn Jahren auf der Elbe fahren werden, hatte keiner eine Antwort. Also hat sich Topp an die Uni gewandt, er wünscht sich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Mag schon sein, dass er nicht jedes Containerschiff besuchen und in den Maschinenraum schauen möchte. Aber das Interesse an der Branchenzukunft sollte man dem Branchenfremden auch nicht absprechen, das wäre zu einfach.

In vier Jahren wird Wolfgang Topp 65 Jahre alt. Den Job bei der HSH Nordbank sieht er als seine letzte Aufgabe an. Werden die Schiffe irgendwann rund oder quadratisch sein? Werden sie noch länger und breiter, die Häfen noch tiefer? Topp weiß es nicht. Aber er weiß – und das wissen auch alle Reeder –, dass die gesamte Branche an einem Scheideweg steht. Es muss jetzt etwas geschehen. Ganz schnell. Ansonsten, sagt Topp, "geht Hamburg ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor verloren".