Viele Reeder, mit denen Topp zu tun hat, haben prächtige Büros mit Blick aufs Wasser, auf Elbe oder Alster. Topp hat sein Büro in der HSH-Zentrale am Gerhart-Hauptmann-Platz. Eine Waschbetonfassade aus den Siebzigern, getönte Fenster und abgehängte Decken. An Topps Wand hängt eine Schautafel zur Bankenregulierung. "Umsetzung Basel III". Der Blick geht auf das Dach von Karstadt. Dort oben findet gerade Oktoberfest statt, eine Coverband in Lederhosen spielt Hits von Helene Fischer. Topps Musikgeschmack trifft das nicht, er hört lieber Trance-Musik, den holländischen DJ Armin van Buuren.

Wenn die vornehmen Reeder den Banker Topp in seinem Waschbetonbau aufsuchen, dann tun sie das meist, weil ihnen das Geld ausgegangen ist. Weil sie über Stundungen und Streckungen verhandeln müssen. Weil sie wollen, dass die Bank irgendwelche Rechnungen begleicht. Nicht immer geht Topp darauf ein. Unangenehme Gespräche sind das dann.Topp wirkt nicht unbedingt wie einer, der großen Spaß an unangenehmen Gesprächen hat. Eher schon wie einer, dem es weniger ausmacht als anderen, unangenehme Gespräche zu führen, und der Wert darauf legt, dass es ihm weniger ausmacht. Ein Reeder, der mit Topp unangenehme Gespräche geführt hat, sagt, Topp sei "kalt, völlig emotionslos. Er arbeitet die Krise einfach ab." Aber was für einen Restrukturierer erwarten sich die Reeder eigentlich? Einen Kumpeltypen wie Thomas Gottschalk oder Jürgen Klopp? Man könnte vielleicht sagen: Topp ist genau der Mann, den die Hamburger Reeder in der Krise verdient haben.

Neulich zum Beispiel. Da war es wieder so weit. Ein Reeder hatte eine Hafengebühr nicht beglichen. Topp sah sich die Rechnung an. "15.000 Euro! Das können Sie nicht zahlen? Wie kann das angehen?" "Ich habe das Geld nicht." "Gut. Wir haben es auch nicht." "Das müssen Sie aber zahlen." "Nein, das müssen wir nicht." "Dann ist unser Schiff pleite." "Ja, dann ist es halt pleite." Dass die HSH Nordbank auch mal mit der Kündigung von Krediten drohe, sei neu, sagt Topp. "Und dann kommt man ins Gespräch, das ist ein Anfang", und das klingt fast so, als ginge es dabei ums Dating, nicht ums Restructuring.

Seine Ziele für die Hamburger Schifffahrt hat Topp im Gespräch mit ein paar Analysten und Vertriebsleuten der Bank entwickelt. Das war im letzten Sommer. Man hat in Topps Büro zusammengesessen, die Liste aller Reedereien auf den Tisch gelegt und dann geschaut, wer betriebswirtschaftlich gut ist, wer technisch stark, wer groß, wer klein und wer zusammenpasst und wer nicht. Ein darwinistisches Szenario war das, in dem die Schwachen bei den Starken unterkamen, die Ineffizienten bei den Effizienten, die Kleinen bei den Großen, und am Ende blieben 30 Reedereien übrig, "schlagkräftige Einheiten", wie Topp sagt, "die kapitalmarktfähig sind". Denn genau das ist es ja, was den Reedereien fehlt: Seitdem das Fondsmodell mit den Rechtsanwälten, Apothekern und Zahnärzten, die ihr Geld in Schiffen angelegt haben, nicht mehr funktioniert, gibt es kein Kapital mehr für dringend benötigte Investitionen, für die Erneuerung einer Flotte, die technisch nicht mehr auf dem neusten Stand ist.

Manche Leute, die mit der HSH Nordbank zu tun haben, sagen, dass die Strategie für den Standort Hamburg nicht erkennbar sei. Dass eine Konsolidierung immer noch nicht stattgefunden habe. Und dass auch Topp nicht viel bewegt habe. "Ob es bei der HSH ausschließlich um die Optimierung der Bilanz geht oder um ein strukturelles Nachdenken über die Zukunft, ist für mich überhaupt nicht ersichtlich", sagt ein Hamburger Schifffahrtsmanager, der natürlich nicht genannt werden will. Topp entgegnet, dass so ein Prozess Zeit brauche. "Wenn Sie in einem halben Jahr wiederkommen, sind wir hoffentlich weiter."

Und noch etwas anderes möchte Topp bald angehen. Auf seine Initiative hin stiftet die HSH Nordbank einen Lehrstuhl, gemeinsam mit ein paar Reedern, angesiedelt an der Universität Hamburg. Die Idee kam Topp, als er eine kleine Reederei besuchte. Da schwärmte der Seniorchef von den schönen Jahren vor der Krise. Die Juniorchefs wiederum hatten nur Kennzahlen im Kopf, debt-to-equity ratio und solche Dinge. Als Topp aber fragte, was für Schiffe denn in zehn Jahren auf der Elbe fahren werden, hatte keiner eine Antwort. Also hat sich Topp an die Uni gewandt, er wünscht sich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Mag schon sein, dass er nicht jedes Containerschiff besuchen und in den Maschinenraum schauen möchte. Aber das Interesse an der Branchenzukunft sollte man dem Branchenfremden auch nicht absprechen, das wäre zu einfach.

In vier Jahren wird Wolfgang Topp 65 Jahre alt. Den Job bei der HSH Nordbank sieht er als seine letzte Aufgabe an. Werden die Schiffe irgendwann rund oder quadratisch sein? Werden sie noch länger und breiter, die Häfen noch tiefer? Topp weiß es nicht. Aber er weiß – und das wissen auch alle Reeder –, dass die gesamte Branche an einem Scheideweg steht. Es muss jetzt etwas geschehen. Ganz schnell. Ansonsten, sagt Topp, "geht Hamburg ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor verloren".