Alle fordern es: die Franzosen. Der Internationale Währungsfonds. Die EU-Kommission. Investieren sollten die Deutschen! Und zwar schnell und viel. Doch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat nun einen neuen Plan, um mit dem wachsenden Druck aus dem Ausland umzugehen. Er will ihn nutzen, um Deutschland – wieder mal – zu modernisieren. Für Anfang Dezember hat er eine Liste mit Projekten angekündigt, für die sich das Geldausgeben lohnt. Mit der soll dann endlich eine Investitionspolitik beginnen, die sich langfristig für das Land rechnet und die Wähler überzeugt.

Einfach wird das nicht: Denn die staatliche Investitionspolitik hat in den vergangenen Jahren eine bizarre Ungleichzeitigkeit produziert. Zwar geben die Politiker von Jahr zu Jahr mehr Milliarden Euro aus. Zugleich aber zerfällt vor den Augen der Bürger die Infrastruktur, die sie täglich nutzen. Wenn Politiker heute also "Investition" rufen, hören viele Bürger "Verschwendung".

Nur, wie lässt sich diese Glaubwürdigkeitslücke schließen?

Und was hat das mit deutsch-französischer Politik zu tun? Die Franzosen fordern von Deutschland: 50 Milliarden mehr solle das Land künftig investieren. Und Gabriel nimmt das gern auf. Denn er glaubt an die einfache Gleichung: Wenn endlich wieder mehr staatliches und privates Geld in die richtigen Projekte fließt, wächst auch die Wirtschaft wieder. Im nächsten Schritt wird Deutschland wettbewerbsfähiger, neue Produkte und Arbeitsplätze entstehen – und am Ende mehr Wohlstand. Und Glaubwürdigkeit beim Bürger.

Zu niedrig sei die deutsche Investitionsquote. 20 Prozent der Wirtschaftsleistung sollte sie betragen. Um dahin zu kommen, müsste Deutschland 50 Milliarden Euro im Jahr mehr investieren. Also die Summe, die die Franzosen von Deutschland fordern.

Die Regierung kann sich verschulden, ohne Zinsen dafür zu zahlen

Seit die ersten Wirtschaftsforscher in Deutschland vor der Rezession warnen, die Börsenkurse nach unten rasseln und die Angst um den Euro zurückgekehrt ist, hat sich die politische Diskussion in Berlin verändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die große Koalition darüber stritt, wen sie nach Müttern und Rentnern noch beschenken könnte. Auf einmal geht es darum, was die Regierung tun muss, damit das Land mit anderen dynamischen Regionen noch Schritt halten kann. Schnell landen die Gespräche dann bei der Frage, welche Infrastruktur Deutschland dafür braucht. Bei den Schlaglöchern, die umgehend beseitigt gehören, den kaputten Brücken und der Frage, wie der Staat das alles in Ordnung bringen soll.

Seit Monaten pusht vor allem ein Mann dieses Thema: Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), erschreckt die Deutschen immer wieder mit Zahlen über den neuen Geldbedarf des Landes. Mindestens 10,3 Milliarden Euro mehr müssten Staat und Privatleute im Jahr ausgeben, damit die Infrastruktur nicht weiter verfalle. Dabei verweist er gern darauf, dass sich Deutschland noch nie so billig Geld leihen konnte wie heute.

Das stimmt. Tatsächlich müsste die Bundesregierung den Anlegern derzeit fast nichts bezahlen, wollte sie deren Kapital. Warum also nicht Schulden aufnehmen, um Asphaltrisse zu kitten? Oder Energienetze auszubauen? Oder Bildungslücken zu schließen? Aber dafür neue Schulden? Da winken alle Regierungsmitglieder ab. Wolfgang Schäuble (CDU) will seine Karriere unbedingt mit der schwarzen Null krönen und als erster Finanzminister seit über vier Jahrzehnten einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Selbst ohne neues Investitionsprogramm wird das schwer, mit schier unmöglich. Wirtschaftsminister Gabriel wiederum fürchtet kaum etwas mehr als den Ruf, als der nächste Sozi in die Geschichte einzugehen, der nicht mit dem Geld seiner Wähler umgehen kann. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß, dass wenig in Deutschland so unpopulär ist wie das Schuldenmachen.