Nur zur Erinnerung: Der vollständige Name der in Darmstadt residierenden Deutschen Akademie lautet Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Dieser Name enthält keinerlei historische oder zeitliche Einschränkung jener Sprache und jener Dichtung, die zu pflegen sich die Akademie verpflichtet, nur die Intention, dies zu tun. Das kann Liebeslyrik sein oder Popliteratur.

Bekanntlich vergibt die Akademie jedes Jahr einen Preis für ein herausragendes Werk deutscher Sprache, den mit 50.000 Euro dotierten Büchnerpreis. Verständlicherweise lehnt sich das Profil dieses Preises an das der Institution an, die ihn vergibt. Es ist ein Preis, der sich gerade nicht an literaturbetrieblicher Aktualität orientiert. Die ist ja mit circa hundert anderen Preisen in Deutschland bestens versorgt. Der Büchnerpreis kann an die falschen Leute gehen, an Schriftsteller, die ihn nicht verdienen. Aber an einen Schriftsteller, der zu alt ist, zu vergessen, zu wenig präsent im Betrieb und der zu wenig vor Mikrofonen herumsteht, kann dieser Preis nach der Logik seines Profils wohl nicht vergeben werden.

So viel hierzu. Nun zu Jürgen Becker. Am kommenden Sonntag wird der auf einem Bauernhof bei Köln lebende Schriftsteller Jürgen Becker, Jahrgang 1932, mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Das ist ein sehr großes Glück. Jürgen Beckers Werk zählt, neben dem von Alexander Kluge oder Uwe Johnson, zu den großen poetischen Gestaltungen deutscher Zeitgeschichte, in lyrischer und epischer Form. Es beruht auf singulärer Wahrnehmungs- und Gedächtniskunst, auf der Rebellion gegen starre Gattungsgrenzen, auf einem über Jahrzehnte hin geführten Dialog zwischen Natur und Zivilisation, zwischen dem Blatt, das an einem Herbstmorgen vom Baum fällt, und den Fernsehnachrichten, die am Abend des gleichen Tages die Kriegsschauplätze der Welt ins Bild setzen. Erhielte Jürgen Becker den Büchnerpreis zu Lebzeiten nicht, wäre dies nichts anderes als eine Blamage, ein schreiendes Unrecht, ein Fiasko der neueren deutschen Literatur.

Er bekommt ihn zu spät, das ist ja klar. Er hätte ihn spätestens 1999 bekommen müssen, als sein Roman Aus der Geschichte der Trennungen über die Geschichtslandschaft des wiedervereinigten Deutschlands erschien. Verpasst. Es stimmt schon, wir haben eine Reihe von Schriftstellern der mittleren Generation, Ulrich Peltzer, Ralf Rothmann, Rainald Goetz, Thomas Hettche, die als heiße Büchnerpreiskandidaten gelten sollten. Aber im Jahr 2014 war der 82-jährige Jürgen Becker ganz einfach der heißeste.

Nun glaubten ein paar Schreihälse aus der Literaturkritik, verkünden zu müssen, Jürgen Becker sei zu alt, sein Werk zu ausrangiert für den Preis. Lassen wir mal den Altersrassismus der Argumentation außen vor. Die Kollegen haben einfach nicht kapiert, was mit dem Namen Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gemeint ist: Darmstadt ist nicht Klagenfurt.