Wer Kampfbomber baut und Atomraketen, Drohnen, Weltraumraketen und Spionagesatelliten, der wird ja wohl auch ein irdisches Sonnenfeuer hinbekommen. Glauben Sie nicht? Hat auch sonst kaum jemand geglaubt.

Die Skepsis war groß, als der amerikanische Rüstungsgigant Lockheed Martin Mitte vergangener Woche ankündigte, binnen zehn Jahren einen einsatzfähigen Fusionsreaktor bauen zu wollen. Die Kernverschmelzung ist so etwas wie der Heilige Gral der Kernphysik, könnte sie doch die Energieprobleme der Menschheit quasi auf einen Schlag lösen. Der Lockheed-Reaktor soll obendrein besonders handlich werden, was sich in seinem Namen ausdrückt, Compact Fusion Reactor (CFR). Sein Design unterscheidet sich grundsätzlich von den beiden Konzepten, die das internationale Physikerheer seit Jahren favorisiert.

Ausgerechnet dem Fliegereifachblatt Aviation Week hat Lockheed Martin exklusiv seine Labore geöffnet und das Kompaktprojekt vorgestellt: Ein paar theoretische Erläuterungen und ein, gelinde gesagt, ambitionierter Zeitplan – es wurde eine Story über, nun ja, Optimismus. Das lädt zur Kritik geradezu ein: Kein Zwischenergebnis sei bislang zur Begutachtung veröffentlicht worden! Vergleichbare Konzepte hätten sich bereits in den Anfangszeiten der Fusionsphysik als untauglich erwiesen! Es existiere ja nicht mal ein Prototyp des CFR!

Deshalb hat auch fast niemand der Waffenschmiede ihre Zuversicht abgekauft. Erinnerungen wurden wach an die Schaumschlägerei der National Ignition Facility vom Februar. Das staatliche Fusionsforschungsinstitut hatte da den Anschein eines Durchbruchs erweckt, der keiner Überprüfung standhielt (ZEIT Nr. 8/14).

Ist also mit der professionellen Skepsis, die Lockheed Martins Kompaktdesign entgegenschlug, das Thema erledigt? Keineswegs. Es birgt auch eine gute Nachricht: Mit dem Technikgiganten steigt ein gewichtiger – wenngleich nicht unbedingt sympathischer – Spieler aus der Industrie in das Rennen um die Energiegewinnung per Fusion ein. Und lenkt damit den Blick auf eine Szene, die sich im Schatten wissenschaftlicher Großprojekte herausgebildet hat: Privatfirmen wie Tri Alpha, Helion und General Fusion suchen, ausgestattet mit Wagniskapital, nach alternativen Lösungen für die Zähmung des Sonnenfeuers. Hat die akademische Forschung der letzten Jahrzehnte wirklich alle möglichen Optionen durchdacht? Sie aus jeder Perspektive betrachtet?

Der Raumfahrt hat neue Konkurrenz zu den etablierten Herstellern gutgetan. Bei Elektromobilität und führerlosen Autos fordern Quereinsteiger die Weltmarktführer heraus. Was, wenn der Durchbruch bei der Fusion ausgerechnet einem Newcomer gelänge? Besser einem unwahrscheinlichen Kandidaten als keinem.