Der Intendant

Ich bin zufrieden. Endlich bekommen ARD und ZDF einen Jugendkanal. Es ist eine der letzten Möglichkeiten, junge Menschen mit den öffentlich-rechtlichen Programmen zu erreichen. Wie sieht die Realität heute aus? Mit 76 Jahren gehöre ich zur derzeitigen Kernzielgruppe von ARD und ZDF. Das Durchschnittsalter liegt weit jenseits von 60 Jahren. So ist die Zukunft nicht zu meistern.

Ich halte die Öffentlich-Rechtlichen mehr denn je für eine unverzichtbare Einrichtung unserer Gesellschaft. Wenn man sieht, wie die Politik von Entwicklungen überrannt wird, kommt es umso mehr auf starke, seriöse Medien an. Unser Auftrag ist Information und Aufklärung. Mit diesem Auftrag müssen wir auch die jungen Menschen erreichen, auf jugendgemäße Weise.

Im Radio ist der ARD ein solcher Aufbruch vor geraumer Zeit gelungen, mit der Schaffung von Jugendkanälen. Vor 20 Jahren habe ich als Hörfunkdirektor des WDR den Radiosender 1Live entwickelt – bis heute das WDR-Programm mit den meisten Hörern! Man sieht also: Die Öffentlich-Rechtlichen können die Jüngeren ansprechen.

Später habe ich im WDR-Fernsehen (Drittes Programm) die Sendung 1Live TV ausprobiert. Der Versuch ging gründlich daneben. Im Normalprogramm wirkte er wie ein Fremdkörper. Die Jungen haben das Angebot überhaupt nicht wahrgenommen, die Älteren hat es verstört. Nach dieser Erfahrung reifte in mir die Erkenntnis: Wir brauchen einen eigenständigen Jugendkanal. Dafür müssen ARD und ZDF jetzt zwar zwei Digitalkanäle opfern. Aber das ist die Sache wert.

Einer Generalkritik an der zunehmenden Verbreitung von öffentlich-rechtlichen Programmen im Internet kann ich nichts abgewinnen. ARD und ZDF brauchen als dritte Säule das Internet, sonst können sie über kurz oder lang einpacken.

Der YouTuber

Wir brauchen keinen staatsfinanzierten Jugendkanal. Wir haben in den vergangenen Jahren eine Demokratisierung der Medien erlebt. Jeder kann heute Medienmacher sein, und die Besten müssen sich vor den Journalisten der TV-Sender nicht verstecken: Nehmen wir den Videomacher LeFloid, der die Weltlage kommentiert. Er hat ein Millionenpublikum, und unter seinen Videos stehen Tausende Kommentare. Was LeFloid macht, hat Haltung, und er fordert Haltung ein. Das können ARD und ZDF so nicht. Online-Videocreator sind einfach besser in der Lage, junge Leute politisch einzubinden, zu Engagement zu animieren. Das sehen Sie auch beim Nachrichtenformat, das wir bei Mediakraft entwickelt haben: Was geht ab!? Es hat drei Millionen Views und damit eine höhere Reichweite als ZDFneo.

Gerade erzählen wir außerdem in einem eigenen YouTube-Kanal, was exakt vor hundert Jahren Woche für Woche im Ersten Weltkrieg passiert ist. Also: Das Internet ist die zentrale Medien-Infrastruktur. Aber ARD und ZDF müssen da nicht sein. Sie waren, als sich die audiovisuellen Medien entwickelt haben, extrem wichtig. Sie haben für journalistische Vielfalt gesorgt, und das wurde von Gremien kontrolliert, die heute von der Politik in Beschlag genommen worden sind. Damit und mit der Demokratisierung der Medien im Internet ist das überflüssig geworden.

Ich habe in den Achtzigern Jugend-Video-Tage organisiert. Damals haben Leute, die das nie gedacht hätten, ihr Hobby zum Beruf und Karriere im Fernsehen gemacht. Heute ist es noch besser. Das ganze Publikum lernt, wie man Medien macht, dreht, schneidet, Videos veröffentlicht, kommentiert, es ist Teil der Medienöffentlichkeit. So ein Publikum lässt sich nicht leicht manipulieren. Ich sehe nicht, wie ein Jugendkanal hier etwas beitragen kann: Er ist überflüssig.