DIE ZEIT: Kardinal Marx, Sie haben an der Bischofssynode mit Papst Franziskus teilgenommen, die die Welt aufhorchen ließ: mit Worten nie gekannter Offenheit gegenüber Homosexuellen und wiederverheirateten Katholiken. Am Ende der Synode sind aber genau diese Passagen, für die Sie sich starkgemacht hatten, bei der Abstimmung durchgefallen – ist der Franziskus-Frühling schon wieder vorbei?

Kardinal Reinhard Marx: Ich bitte Sie! Auf die Idee kann man nur kommen, wenn man sich nicht vor Augen hält, was sich in unserer Kirche allein in den vergangenen ein, zwei Jahren getan hat: Die Fragen, über die wir hier in Rom gerade zwei Wochen lang diskutiert haben – und zum Teil auch richtig gestritten –, die waren doch bisher unverhandelbar. Nein, dieser Papst hat Türen aufgestoßen, daran ändert auch das Abstimmungsergebnis vom Ende der Beratungen nichts. Auch seine starke Schlussansprache hat das deutlich gemacht.

ZEIT: Trotzdem, von außerhalb der Kirche betrachtet, ging es fast um Selbstverständlichkeiten: Respekt vor Schwulen und ein Zugehen auf Wiederverheiratete, die bis heute nicht zum Abendmahl zugelassen sind. Und nicht einmal dafür gab es die erforderliche Zweidrittelmehrheit der Synodenväter.

Marx: Eine Synode ist ein Auf und Ab. Da werden Kompromisse gemacht, um alle Seiten an Bord zu halten. Auch das gehört zu so einer Entwicklung dazu. Auf die Richtung kommt es an!

ZEIT: Aber die Vorschläge, die zur Abstimmung gestellt wurden, waren bereits Kompromisse – und sie sind trotzdem durchgefallen.

Marx: Keiner hat gesagt, dass Wachstum ohne Schmerzen abgeht. Eines war mir schon vor der Abreise nach Rom klar: Das wird nicht einfach. Es ist so, dass viele in der Welt anders denken als die Mehrheit in Deutschland, aber es gibt eben auch sehr viele Bischöfe – und zwar weltweit –, die Bewegung und Diskussion über die strittigen Fragen wünschen.

ZEIT: Was ist im Inneren der Synode passiert?

Marx: Der Zwischenbericht zur Halbzeit der Synode, der weltweit so viel Aufmerksamkeit fand, ist schon sehr zugespitzt gewesen. Ich war darüber froh, weil er ja in die Richtung ging, die ich vertreten habe – auch im Blick auf unsere Diskussionslage in Deutschland –, aber ich habe auch gemerkt, das war schon eine Herausforderung für eine beträchtliche Zahl anderer Teilnehmer. Deswegen gab es natürlich danach eine intensive Debatte in den Kleingruppen und den notwendigen Weg zu Kompromissen.

ZEIT: Wer hat da blockiert – die Kurie oder, wie es manchmal hieß, Bischöfe aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die in Homosexualität und Ehescheidung eine Bedrohung sehen?

Marx: Weder noch – und das war für mich ein echtes Aha-Erlebnis dieser Wochen: Wir in Deutschland und Europa sind mit unseren Schwierigkeiten nicht allein. Es ist ja in den letzten Jahren durchaus insinuiert worden, ein anderer Umgang mit Wiederverheirateten oder mit Homosexuellen sei ein Phänomen des dekadenten Westens, und in der Weltkirche spielten diese Anliegen keine Rolle. Dass das weit gefehlt ist, habe ich gemerkt an den vielen Kollegen, die auf mich zukamen, aus Asien wie aus Afrika und auch aus der Kurie.

ZEIT: Trotzdem, Sie und viele Deutsche haben sich ein weit eindeutigeres Signal der Öffnung versprochen.

Marx: Keine Frage, wenn man die persönlichen Ansprachen des Papstes und den Schwung seiner Schrift Evangelii gaudium vergleicht mit den jetzt abgestimmten Texten, dann sagt man sich: Na ja, Freunde, ein bisschen mehr Aufbruchsszenario wäre wünschenswert gewesen. Das ist ein Kompromisstext, und da sage ich ganz unumwunden: Dies ist kein lehramtlicher Text, es sollte Ausgangspunkt für weitere Diskussionen sein. So hat es der Papst am Schluss ausdrücklich gesagt. Das ist nicht ein letztes Wort, kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt.

ZEIT: Trotzdem ...

Marx: ... Es stehen Türen offen – weiter denn je seit dem zweiten Vatikanum in den sechziger Jahren! Da lerne ich auch immer wieder von Franziskus selber, er will Prozesse anschieben: Die Debatten sind ein Ausgangspunkt – die eigentliche Arbeit geht jetzt überhaupt erst los, in Rom und in der Kirche bei uns zu Hause.

ZEIT: Sie wünschen sich die Einmischung der ganz normalen Katholiken?

Marx: Unbedingt. Wir sind gemeinsam Kirche, und wir wollen gemeinsam weiterkommen auf dem Weg nach vorn. "Avanti!" – wie Franziskus immer sagt.

ZEIT: Bisher war Basisbeteiligung am künftigen Kurs der Kirche und der Kurie nicht gerade ein Herzensanliegen römischer oder deutscher Kardinäle.

Marx: So würde ich das nicht sagen. Den Dialogprozess haben wir in Deutschland schon vor Papst Franziskus begonnen, aber es stimmt: Der Papst ermutigt dazu. Das, was Sie Basisbeteiligung nennen, ist das Anliegen dieses Papstes. Das ist ja durch die Vorarbeit zur Synode deutlich geworden. Und das muss weitergehen.

ZEIT: In der Synode wurde aber durchaus mit harten Bandagen gekämpft. Steht jetzt eine Art Kirchenkampf weltweit ins Haus?

Marx: Nein, eben das darf es nicht werden, gerade weil schon im Vorfeld der Synode die Diskussionen nicht nur einfach waren. Ich habe das dem Papst auch persönlich gesagt: Ich habe die Befürchtung, dass hier diskutiert wird mit der Frage: Wer ist noch katholisch und wer nicht? Aber wer so diskutiert, hat nichts, wirklich nichts verstanden vom Geist einer Synode, den der Papst in seiner starken Schlussansprache unterstrichen hat.

ZEIT: Ist das nicht normal bei einem Richtungskampf?

Marx: Das mag die Logik von Parteitagen sein, aber die Kirche darf sich davon nicht anstecken lassen. Die Logik der Konfrontation wäre nicht nur unchristlich, sie wäre vor allem unklug: Wer Menschen und Positionen in einem Reformprozess ständig in Kategorien von Überlegenen und Unterlegenen einteilt, verhindert, dass wir uns anstecken und überraschen lassen vom Heiligen Geist. Es geht nicht darum, andere zu besiegen.

ZEIT: Ist das nicht zu rosig gemalt?

Marx: Überhaupt nicht. Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, verrät doch auch, wie ernst wir es meinen – ob wir denken, wir können uns das Lernen von den anderen sparen. Die Gefahr für jeden Fortschritt ist die Rechthaberei von Leuten, die sagen, ich habe meine Position, was brauche ich Diskussion? Aber wer einen Aufbruch in der Kirche dafür missbraucht, nur Mehrheiten fürs eigene Lager zu organisieren, der hat den Geist dieses Papstes nicht verstanden.