Ist das noch eine Revolution? Oder schon die Konterrevolution? Verwirrende Nachrichten sind zuletzt durch die Mauern des Vatikans gedrungen: Erst schienen die Bischöfe, die Papst Franziskus zu einer Synode in Rom versammelt hatte, einen Kurs größerer Offenheit der Kirche gegenüber Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen zu unterstützen. Dann, zum Abschluss der Synode, bereiteten die Würdenträger in Rot ihrem Chef in Weiß eine dramatische Niederlage: Sie stimmten alle entsprechenden Vorschläge für das Schlussdokument nieder. Ist der Franziskus-Frühling plötzlich einem vatikanischen Herbst gewichen? Und, schlimmer noch: Ist Franziskus eine Enttäuschung – ein Obama in Weiß?

"Parliamo un po’ del Papa", so lässig, so beinahe spöttisch hat es Franziskus an diesem Wochenende seinen Verfolgern zugerufen, im Moment seines bisher größten Rückschlags: "Reden wir ein wenig über den Papst." Ja, reden wir ein wenig über diesen Papst. So viel Faszination in seinem ersten Jahr von Franziskus ausging, so wenig wussten selbst Kenner, wie er seine Kirche führen will. In seiner großartigen Schlussansprache hat er nun deutlicher denn je seine Methode skizziert. Ihm geht es nicht um abstrakte Ziele, sondern um: Il Cammino, den Weg.

Damit aber wird sichtbar, welche Sorte Revoluzzer plötzlich an die Spitze einer zweitausend Jahre alten Institution gerückt ist – und das dürfte nicht nur seine Gegner aufschrecken, sondern auch Freunde überraschen. Die erste Überraschung: Franziskus ist nicht rechts, aber auch viel weniger links, als es manche, zumal in Deutschland, denken. Er warnte vor "der Versuchung des zerstörerischen Gutmenschentums, das im Namen einer falschen Barmherzigkeit die Wunden verbindet, ohne sie vorher zu behandeln". Dies sei die Verlockung der "Ängstlichen und auch der sogenannten Progressiven und Liberalen". Den Papst werden die Rückschläge von Rom im Kampf um die Akzeptanz von Homosexuellen und Geschiedenen geschmerzt haben. Und doch zielt er offensichtlich auf etwas weit Grundsätzlicheres als die Frage nach den Grenzen kirchlicher Barmherzigkeit. Nicht nur um die freie Liebe, sondern mehr noch um das freie Wort findet gerade der große Kampf in der katholischen Kirche statt.

Zweite Überraschung: Der Papst geht in seinem Reformprogramm viel weniger geradlinig vor, als es viele Ungeduldige erhofft hatten. Er versteht sich als Hüter des Weges, nicht als Frontmann des Fortschritts. Darum warnt er die Linken vor der Versuchung, die Welt zu rosig zu sehen, und die Rechten vor der Gefahr der "feindseligen Erstarrung", aber den Weg dazwischen muss jeder in der Kirche aus freien Stücken gehen, Rückschläge inklusive: "Ich persönlich wäre sehr besorgt und betrübt, hätte es die Versuchungen und emotionalen Diskussionen nicht gegeben."

Wer so viel Raum für Gegner lässt, kann der sich überhaupt Geltung verschaffen? Nun, Franziskus bringt eine weit größere Härte als erwartet mit. Denn daran lässt Franz, der Freundliche, keinen Zweifel: Der Weg ist frei, lautete seine Botschaft, aber "die oberste, volle, unmittelbare und universale Autorität in der Kirche" habe der Papst. Parliamo del Papa? Aber gern doch: Wer eine Ansage braucht, der bekommt sie auch.

Mit dem Programm des Cammino mutet Franziskus seiner Kirche also nicht nur bei der Lehre viel zu, sondern auch im Führungsstil: Anführen, ohne auszuführen – das ist das erste Franziskus-Paradox. Und biegsam sein, aber unbeugsam bleiben – so lautet die zweite Maxime. Die Kunst der paradoxen Paarungen hat der Argentinier womöglich in seinen Jahren unter der Militärdiktatur erworben. Jetzt ist sie auch im Vatikan von Nutzen.

Doch muss das alles so langsam gehen? Auch wenn es nicht den Anschein hat: Der Franziskus-Weg ist vielleicht immer noch der zügigste, gerade in einer globalen Kirche mit Tausenden von Bischöfen und mehr als einer Milliarde Gläubigen. Il Cammino lässt jeder Seite Raum für ihr eigenes Reformtempo. Das ist keine Kleinigkeit angesichts der Ungleichzeitigkeit einer Kirche, die im Gestern wie im Heute lebt. Gemessen an der westlichen Gegenwart, steckt die katholische Sexuallehre noch tief in der Vergangenheit. Im Vergleich zu den vielen homophoben Gesellschaften von Ruanda bis Russland aber ist ihre Position des Grundrespekts vor Homosexuellen bereits ein Schritt nach vorne. Wenn die Weltkirche sich nun vorwärtsbewegt, wandelt sie sich auch stellvertretend für viele Teile der Welt.

Ob am Ende die Revolution siegt oder die Konterrevolution, ist damit noch nicht ausgemacht. Franziskus setzt im Sinne des Cammino auf zwei mächtige Verbündete – ganz unten auf das Volk, das ihm in großer Zahl zuströmt, und ganz oben auf seinen "Gott der Überraschungen", der einen lehrt, auf dem Weg auf alles gefasst zu sein, sogar auf das Gute.

Der Schlachtruf der Franziskus-Revolte ist also nicht "Nieder mit den Gegnern!", sondern eher "Avanti, dilettanti" – auf geht’s, ihr und wir, die wir alle das Ziel noch nicht kennen, aber wissen, dass sich die Richtung ändern muss.

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