In seiner Geschichte des Westens erinnert Heinrich August Winkler daran, dass nach dem Krieg Amerika Geburtshelfer der europäischen Vereinigung war, indem es mit Trumans Eindämmungspolitik militärische Sicherheit und wirtschaftlichen Aufstieg für Westeuropa gewährleistete. George Kennan fasste damals das Wesen der Sowjetmacht zusammen: "Der Logik der Vernunft unzugänglich, ist sie im hohen Maße der Logik der Macht zugänglich. Daher kann sie sich ohne Weiteres zurückziehen – und das tut sie im Allgemeinen – wenn sie irgendwo auf einen starken Widerstand stößt."

Diese Rechnung ist bekanntlich vor 25 Jahren aufgegangen. Und doch gibt es heute keine gemeinsame Sicht der Europäer auf die ostmitteleuropäische Revolution des Jahres 1989. In Deutschland wird sie gelegentlich als "deutsche Revolution" (Wolfgang Schuller) auf wenige Wochen reduziert: Im September die Massenflucht der DDR-Deutschen über Budapest, Prag und Warschau in den Westen, im Oktober Massendemonstrationen sowie der Sturz Honeckers. Schließlich der Tanz auf der Berliner Mauer als Vollendung einer Revolution, die in der westdeutschen Normalität mündete. Eine europäische Idee spielte dabei keine Rolle, der westdeutsche Pass und die D-Mark würden es schon richten.

Die polnische Sicht hat eine völlig andere historische Dimension. Das Jahr 1989 kündigte sich bereits im Sommer 1980 mit dem faktischen Generalstreik in Polen an. Die Gründung einer freien Gewerkschaft brach das Machtmonopol der Partei, das selbst das 1981 verhängte Kriegsrecht nicht mehr wiederherstellen konnte. Zumal die Schockwelle wenige Jahre später den Kreml erreichte. Gorbatschow, 1982 im ZK der KPdSU Leiter einer Polen-Kommission, die die Eruption im sowjetischen Vorhof analysierte, versuchte mit der Perestroika eine Flucht nach vorn. Und scheiterte. Spätestens im Sommer 1988, mit der erneuten landesweiten Streikwelle, bewies die Solidarność, dass sie die Repressalien überstanden hatte und unter den veränderten Bedingungen in der UdSSR ein Machtfaktor im Lande war. Die am 4. Juni 1989 grandios gewonnenen Wahlen zeigten, dass das jahrelange Standhalten die richtige Haltung gewesen war. Die Öffnung der Berliner Mauer mag für die Vereinigung Deutschlands stehen, aber die Revolution ging auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR weiter. Zeitverschoben erreichte sie Georgien und die Ukraine. Auf dem Kiewer Maidan 2013 fanden nicht wenige Polen die Atmosphäre der Danziger Lenin-Werft.

Dass vielen Deutschen dieses Verständnis für die langen Linien des Jahres 1989 fehlt, zeigte die heftige Kritik, die Joachim Gauck mit seiner Rede am 1. September auf der Danziger Westerplatte im linken und linksliberalen Milieu auf sich zog. Der Bundespräsident verband darin den 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen mit dem 25. Jahrestag des Sieges der Solidarność und der Maueröffnung und verurteilte den russischen Grenzkrieg in der Ukraine. Seine Kritiker überflogen den polnischen Kontext der Rede und empörten sich, statt einer Versöhnungsgeste angesichts der deutschen Verbrechen in Russland habe Gauck Moskau wegen der Ukraine ausgegrenzt.

Diese Kritik an der Westerplatte-Rede las man in Warschau nur mit quadratischen Augen. Sie war aber nicht verwunderlich. Für viele Linke war ja der Zusammenbruch der DDR kein Glücksfall der Geschichte, sondern eher eine unfassbare Panne. Sie mögen sich zwar heute auf Rosa Luxemburg berufen, verhielten sich aber wie der Marquis de Posa: Sie erbaten die Freiheit bei der Staatsautorität, anstatt sie sich zu nehmen. Zum "Bruderland" – mit seiner Solidarność, seinem Papst und seiner Nonchalance gegenüber den Klassikern der "wissenschaftlichen Weltanschauung" – hatten sie keine Beziehung. Für die russische Macht dagegen volle Achtung.

Nun ist die Westerplatte für die Polen der Inbegriff eines bedingungslosen Widerstands, was Papst Wojtyła während des Kriegsrechts auf den Punkt brachte: "Im Leben jedes Menschen gibt es eine Westerplatte", Momente also, in denen Widerstand auch unter Einsatz des eigenen Lebens unvermeidlich ist.

Dass Joachim Gauck in Polen den richtigen Ton getroffen hat, bescheinigte ihm der polnische Staatspräsident in seiner Rede im Deutschen Bundestag. Bronisław Komorowski sprach von einer deutsch-polnischen Verantwortungsgemeinschaft für Europa: von der Vertiefung der EU und der Stärkung der atlantischen Allianz. Er erinnerte daran, dass die Deutschen selbst Nutznießer des amerikanischen Sicherheitsschirms waren, und argumentierte im Sinne Kennans und eines neuen "Doppelbeschlusses": Abschreckung steht in keinem Widerspruch zu Zusammenarbeit und Dialog. "Denn es gibt Mächte, die auf eingegangene Verpflichtungen keine Rücksicht nehmen, sobald sie bei ihren Partnern militärische Schwäche oder fehlende Entschlossenheit verspüren."

Dieser deutsch-polnische Dialog der beiden Staatspräsidenten ließ anklingen, dass das Jahr 1989 nicht zu Ende ist. Die Frage ist nur, ob die ostmitteleuropäische Revolution mit dem militärischen Zugriff Russlands auf die Ostukraine und der Demontage bürgerlicher Freiheiten in Russland selbst in ihre "konterrevolutionäre" Phase abdriftet, die – wie Timothy Snyder warnt – nicht allein die russische Unterwerfung der Ukraine anvisiert, sondern die Lähmung, Spaltung und letztlich Auflösung der Europäischen Union als erfolgreiches Projekt und globale Entität in statu nascendi zum Ziel hat.