In dieser Wohnung herrscht das, worunter man sich landläufig ein kreatives Chaos vorstellt. Auf den abgegriffenen Möbeln liegen Eintrittskarten von Clubs und einige Packungen blaue Gitanes herum, das Spülbecken ist voller schmutzigem Geschirr, es laufen zwei Fernseher gleichzeitig, man hört auch Musik. Vor allem aber stapeln sich in dieser Wohnung Bücher und Zeitungen, es gibt auch einen Schreibtisch, und alles spricht dafür, dass hier ein Intellektueller am Werke ist. An den Wänden hängen lauter Gemälde und politische Plakate. Diese Wohnung soll das Heim eines leidenschaftlichen Kunstsammlers sein, er gehört offenbar zur Boheme, vielleicht ist er selbst sogar ein wenig Künstler.

Alles in dieser Wohnung hat die Patina eines halben Jahrhunderts, das sieht man spätestens auf den zweiten Blick. Die Packung Gitanes ist noch eine dieser alten, breiten Packungen. Das Fernsehprogramm ist schwarz-weiß, die Musik stammt aus der Zeit um 1968. Und für eine Putzfrau scheint der Bewohner entweder kein Geld zu haben oder er hält die Idee der Reinlichkeit einfach für zu bürgerlich.

Die hier beschriebene Wohnung war der größte Publikumsmagnet auf der Kunstmesse Frieze Masters vergangene Woche, von ihr sprachen alle Besucher. Der Galerist Helly Nahmad hatte sie für die sechs Tage der Messe aufbauen lassen, eine Kulisse, gestaltet von dem Bühnenbildner Robin Brown, der normalerweise Musikvideos von Robbie Williams oder große Werbefilmproduktionen ausstattet. Es schien alles echt alt in dieser Wohnung, die Messebesucher drängten sich um die offenen Räume, auch die Sammler neueren Typs inspizierten jedes kleine Detail dieser ihnen fremden Lebensform. Erst auf den dritten Blick entpuppte sich das Ganze als ein wenig zu ausgesucht und zu pittoresk vergammelt – eben als die Hollywood-Vorstellung einer Boheme-Wohnung.

Helly Nahmad wird im internationalen Kunstbetrieb nicht gerade zu den avanciertesten Galeristen gezählt, doch gehört er zu einer legendären, weitverzweigten Kunsthändlerfamilie, die Tausende Werke, darunter Picassos, Mirós, Matisses, gelagert haben soll. Die Nahmads sind also keine Zeitgeistgalerie, aber mit dieser kleinen Ausstellung auf der Kunstmesse Frieze haben sie den richtigen Riecher gehabt. In einer extra zur Installation gedruckten Zeitung schrieb der Kurator Sir Norman Rosenthal ein langes Porträt über den imaginären Sammler dieser Wohnung – und man erfuhr, dass all die zwischen die Plakate gehängten Gemälde echt sind: drei späte Werke Pablo Picassos, zwei pastellfarbene Stillleben von Giorgio Morandi, eine Bronze von Alberto Giacometti.

Allgemeine Nostalgie und die Sehnsucht nach echter Kunstleidenschaft beherrschten die diesjährige Frieze, jene Messe, die noch vor zehn Jahren für das ganz Neue und Junge stand. Die Kunstblase scheint genug von sich selbst zu haben, von all der modischen Bling-Bling-Kunst, von dem schnellen Geld, von der gedanklichen Leere, die der Hype verursacht hat.

Die neuen Sammler lesen nicht mehr, klagte beispielsweise ein Londoner Museumsdirektor, und er zitierte einen wichtigen Galeristen: Man dürfe denen über die Kunst, die man ihnen verkaufen wolle, am besten gar nicht viel erzählen. Das würde sie nur verwirren. In London treiben sich viele dieser an Bildung eher uninteressierten Kunstkäufer herum, es sind nicht nur Briten, sondern auch Russen, Griechen, Emiratis, Chinesen, Italiener und auch Deutsche. Auf den Veranstaltungen rund um die Kunstmesse konnte man manchen ihrer Gespräche nicht aus dem Weg gehen: Sie drehen sich nicht selten um Renditen oder Rabatte, ob beim Kunst- oder Immobilienkauf.

Auf den Auktionen für zeitgenössische Kunst, die in den Londoner Filialen von Sotheby’s, Christie’s und Phillips parallel zur Frieze stattfanden und die bei den beiden großen Häusern wieder einmal für neue Höchstumsätze sorgten, schlugen diese Menschen einige jener Bilder schon wieder los, die sie erst vor wenigen Jahren oder sogar nur Monaten bei einer Galerie gekauft hatten. Auf manchen dieser Leinwände waren wohl noch nicht einmal die Farben richtig durchgetrocknet: "Executed in 2013" konnte man in den Beschreibungen zu Bildern etwa von David Ostrowski, Brent Wadden und Oscar Murillo lesen.

Dieses sogenannte flipping, also das schnelle Wiederverkaufen der Kunst aus Spekulationsgründen, sorgte nicht nur bei der Galerie Nahmad, sondern auch bei anderen Ausstellern für Nostalgieanwandlungen. Die mächtige Galerie Hauser & Wirth (Zürich, New York, London) hatte sich ihren Stand auf der Frieze von dem Künstler Mark Wallinger kuratieren lassen. Auch er baute eine historische Kulisse: Sie war den Arbeitsräumen Sigmund Freuds in seiner Exilwohnung im Londoner Viertel Hampstead nachempfunden, mit rot und grün gestrichenen Wänden, an denen die Werke der von Hauser & Wirth vertretenen Künstler wie Eva Hesse oder Pipilotti Rist hingen, am Boden ein Perserteppich, auf dem ein mit Zebrafell bezogenes Sofa des Künstlers Rashid Johnson stand. In einem Stuhl schlief derweil gleich daneben ein Mann in Museumswärteruniform – eine Performance des Künstlers Christoph Büchel. Dazu gab es einen handlichen, altmodisch gesetzten Katalog, mit Marmorpapier als Vorsatz, in dem die Kunstwerke abgebildet waren. Und den Hinweis: "All works for sale. Prices available on request". Potenzielle Käufer sollten von der musealen Anmutung dieses Verkaufsstands nicht abgeschreckt werden – und das waren sie auch nicht. Die Mitarbeiter der Galerie meldeten schon an den ersten beiden Messetagen zahlreiche Verkäufe, das Sofa von Rashid Johnson verkaufte sich für 90.000 Dollar, das unbetitelte, kleine Gemälde von Eva Hesse aus dem Jahr 1960 für 450.000 Dollar und eine Videoinstallation von Pipilotti Rist aus dem Jahr 1994 für 150.000 Dollar.