"Zum Beispiel jetzt", sagt Hauke Pane. Er geht zum Fenster. Nimmt das Fernglas zur Hand. Schaut. Geht zurück zum Schreibtisch. Telefoniert mit seinem technischen Direktor. "Was ist da los mit der Eilbek? ... Ja, das sehe ich, das kann ich mir anhand des Manövers ungefähr denken. ... Aber Moment, die Eilbek hat ja hinten einen Schlepper dran. ... Das kostet doch Geld. ... Bist du da hinterher?" Er legt auf und geht erneut zum Fenster, um zu sehen, was die Eilbek als Nächstes macht.

Hamburg, Astraturm, achter Stock. Ein modernes Büro. Ein alter Globus. Ein müder Strauß Tulpen. Der Blick aus dem Fenster führt über die Turmspitzen des Bernhard-Nocht-Instituts hinweg auf den Fluss. Und auf alles, was darauf fährt. In diesem Moment ist das ein 170 Meter langes Containerschiff, das sich langsam an St. Pauli vorbeischiebt und auf der anderen Elbseite am Terminal anlegt. Aber was ist da los mit der MS Eilbek, die doch sonst keinen Schlepper zum Anlegen braucht? Ein paar Minuten später die Entwarnung. Alles gut. Bloß eine Vorsichtsmaßnahme der Crew. Und trotzdem. Wieder so ein Moment, den der Chef der Reederei Hamburger Lloyd als symptomatisch empfindet. Immer ist irgendwas. Und immer passiert es genau zur falschen Zeit. Wie ist das möglich?

Murphy’s Law. Sagt Pane. Aber man kann es auch anders formulieren. Seitdem die Hamburger Reedereien in der längsten Krise ihrer Geschichte stecken, gibt es keinen guten Zeitpunkt für schlechte Nachrichten mehr. Alles, was schiefläuft, kommt noch erschwerend dazu. Der Motorschaden der RHL Fidelitas zum Beispiel, neulich im Hafen von Shanghai. Oder der stundenlange Ausfall des firmeneigenen Mobilfunknetzes. Oder auch dies: Der Kapitän der RHL Aqua stürzt auf der Treppe, 400 Kilometer vor der indischen Küste, die Blutung kann nicht gestillt werden, kein Arzt in der Nähe. Was tun? Weiter nach Karachi, wie im Fahrplan vorgesehen? Oder doch Hilfe holen im näheren Mumbai?

Sechs Jahre. So lange währt die Krise der Hamburger Reeder schon. Die Reeder haben in guten Zeiten zu viele Schiffe eingekauft, das war die Hamburger Antwort auf die amerikanische Immobilienblase. Und dann, als die Blase platzte und das Geschäft mit den Containern einbrach, war die Flotte viel zu groß. Und wuchs immer weiter, denn die in den Boomjahren bestellten Schiffe konnten nicht mehr abbestellt werden. Die Charterraten – also die Preise, zu denen die Reeder ihre Schiffe vermieten – stürzten ab, sie haben sich nie ganz erholt. Immer noch verdient ein beträchtlicher Teil der Hamburger Schiffe kein Geld. Das trifft vor allem die Charterreeder, die ihre Schiffe an die Liniendienste, wie beispielsweise Hapag Lloyd, vermieten, komplett mit Crew und Proviant. Es sind große Namen dabei. Rickmers, Döhle und Offen. Und weniger große wie der Hamburger Lloyd mit seinen 28 Schiffen und 45 Mitarbeitern. Und ganz kleine Familienreedereien, die ihren Sitz im Alten Land haben, zwischen Boskop und Holsteiner Cox, und oft nur ein einziges Schiff betreiben.

Jeder weiß, dass es den Reedern dreckig geht, nur hat die Krise kein Gesicht

Das alles ist bekannt. Was weniger bekannt ist: Wie die Reedereien mit der Krise umgehen. Wie sie überleben. Wie ihr Alltag aussieht. Denn die Schiffe, die kein Geld mehr verdienen, sie fahren ja weiter, rund um den Globus, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Ein bekannter Hamburger Reeder erzählt einen Witz: Ein Mann stürzt aus dem 70. Stock, kommt am 30. vorbei. Dort lehnt sich einer aus dem Fenster, fragt: "Wie geht’s?" Und der Mann ruft im Fallen: "So weit, so gut!" Der Reeder, der den Witz erzählt, möchte nicht genannt werden, schon gar nicht porträtiert. "Bitte nicht über uns!", ruft er und hebt die Hände wie zum Schutz. So ist es fast überall. Die Hamburger Reeder reden nicht, zumindest nicht öffentlich. Jeder weiß, dass es ihnen dreckig geht. Dass sie in einer Krise stecken, die kein Ende nehmen will. Aber die Krise hatte bislang kein Gesicht.

Pane ist 48 Jahre alt. An die zwei Meter groß. Er hat volle graue Haare, die aussehen, als sei er vor gar nicht so langer Zeit mal blond gewesen. Er ist kein lauter Typ, wirkt eher verhalten und – ob krisenbedingt oder nicht – ein bisschen melancholisch. Man glaubt ihm, wenn er sagt, dass er nicht unbedingt in den "Gazetten" stehen wolle, nein, es gehe ihm um die Branche und, obwohl er nicht klagen wolle, um die harte Arbeit, die schweren Entscheidungen, die man laufend treffen müsse.

Pane hat eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann gemacht. Er kennt sich aus im Maschinenraum, weiß, wie man einen Pott durch enge Fahrrinnen navigiert. Bestimmt zwanzig Mal hat er den Sueskanal passiert, damals in den 1980er Jahren, als er noch zur See fuhr. Ein richtiger Reeder ist Pane nicht mehr, jedenfalls nicht in der ursprünglichen Auslegung des Begriffs. Die Schiffe, die er betreibt, gehören anderen. Eigentümer des Hamburger Lloyd sind zwei Hamburger Investoren, ein Bankier und ein Schiffsfinancier. Pane, anfangs noch geschäftsführender Gesellschafter und damit Mitinhaber, ist ausgestiegen. Er führt die Reederei als Geschäftsführer weiter.