Die Schweizer Hochschulen gehören zu den besten in Europa. Die ETH Zürich wurde sogar gerade erst zur zwölftbesten Universität der Welt gekürt. Man könnte also meinen, die Schweiz sei ein Land der Akademiker. Doch weit gefehlt. Nur knapp 20 Prozent eines Altersjahrgangs legen die gymnasiale Matura ab, eine dem Abitur vergleichbare allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Das ist – nach Österreich mit 18 Prozent – die niedrigste Abiturientenquote aller OECD-Länder.

Dennoch wird in der Schweiz – nach Luxemburg – das höchste Bruttoinlandsprodukt aller Industrieländer erwirtschaftet, pro Kopf sind es 51.582 US-Dollar.

Kann man daraus den Schluss ziehen: Eine Volkswirtschaft braucht gar nicht so viele Hochgebildete, um erfolgreich zu sein?

Nein, das kann man nicht. Denn insgesamt hat die Schweiz sogar eine höhere Akademikerquote als Deutschland. 26 Prozent der Erwachsenen haben einen Hochschulabschluss, in Deutschland sind es 17 Prozent. Wie kann das sein?

Es gibt zwei Erklärungen. Zum einen führen in der Schweiz viele Wege an die Hochschulen – und es gibt ein sehr gut ausgebautes und anerkanntes Berufsbildungssystem. Viele Schüler verzichten daher freiwillig auf das Gymnasium und machen zunächst eine Lehre. Man kann über den zweiten Bildungsweg auch mit einer Berufslehre an eine Uni oder noch einfacher an eine Fachhochschule. Zudem machen rund 14 Prozent der Lehrlinge die sogenannte Berufsmatura. Die kann man parallel zur Ausbildung machen oder anschließend durch ein zusätzliches Jahr Schule mit Prüfung. Sie berechtigt zu einem Studium an einer Fachhochschule. Wer an die Uni will, kann die Passerelle absolvieren, eine Schule, in der man mehr Allgemeinbildung und Französisch büffelt, um dann an die Uni zu dürfen. Das System mag etwas kompliziert sein, aber es ist durchlässig auf allen Ebenen.

Trotzdem schafft es die Schweiz damit nicht, die Nachfrage nach Akademikern auf dem Arbeitsmarkt selber zu befriedigen. Sie ist seit Jahren darauf angewiesen, dass Hochqualifizierte in das Land einwandern. Besonders eklatant ist der Mangel an Ärzten, für deren Ausbildung an den Universitäten ein Numerus clausus gilt. Wer heute in ein Schweizer Spital kommt, wird dort mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem deutschen Arzt behandelt. Jährlich wandern über 80.000 Personen in die Schweiz ein, unter denen, die aus EU-Ländern kommen, liegt der Akademikeranteil mittlerweile bei über 50 Prozent. Das erklärt auch, warum sich der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung innerhalb von acht Jahren von 13 auf 26 Prozent verdoppeln konnte. Mit den eigenen Hochschulabsolventen wäre das nicht möglich gewesen.

Und auch wenn die Schweiz vergleichsweise wenige Akademiker hat, gibt es auch dort aktuell eine Diskussion über zu viele. Sie wird angetrieben von dem ehemaligen Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei, Rudolf Strahm. Er preist in seinem neuen Buch Die Akademisierungsfalle die Berufslehre in den höchsten Tönen. Sie sei verantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz. Tatsächlich hat das Land die niedrigste Arbeitslosenrate aller europäischen Länder – besonders krass ist der Unterschied bei den Jugendlichen. Während Spanien, Portugal, Italien und Griechenland ihre "verlorene Generation" beklagen, sind die helvetischen Nachkommen beinahe vollbeschäftigt. Für Strahm ist klar: Wer mehr Abiturienten produziert, wird Arbeitslose ernten.

Stimmt das? Tatsache ist: Die Schweiz hat in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Wirtschaftsboom erlebt, mit einer starken Nachfrage nach gut ausgebildeten Personen. Die Situation könnte sich in den kommenden Jahren verschärfen, wenn einerseits die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und andererseits die Zahl der Kinder und Jugendlichen abnimmt. Gleichzeitig hat die Schweiz ihre Einwanderungsregeln verschärft, so dass in Zukunft weniger Hochqualifizierte aus dem Ausland kommen werden. So ist der Streit um die richtige Akademikerquote eher als ein Kampf um ein knappes Gut zu sehen: junge Menschen.