Mark, wir müssen über eine Zahl reden: 94 Prozent. Auf diesen Wert wird die Staatsverschuldung in diesem Jahr im Euro-Raum steigen, gemessen an der gesamten Wirtschaftsleistung. Man kann darüber streiten, ab wann Staatsschulden gefährlich werden, aber selbst, wenn man die Sache eher gelassen sieht, kann man eine solch hohe Verschuldung nicht richtig finden. In Griechenland und Italien liegen die Schuldenquoten bei weit über 120 Prozent, und die hohe Schuldenlast verhindert, dass sich die Volkswirtschaften erholen können.

Früher oder später wird es deshalb einen Schuldenerlass geben müssen, und angesichts neuer Spannungen an den Finanzmärkten wäre es angebracht, schon heute mit den Verhandlungen zu beginnen. Konkret brauchte es eine Schuldenkonferenz für die Länder Europas, so wie einst 1953 in London, als Deutschland ein Teil seiner Auslandschulden erlassen wurde. Wie damals sollten Regierungen und Gläubiger an einem Tisch zusammenkommen, und am Ende sollten die Schulden der Krisenstaaten geringer sein als heute.

Ein solches Abkommen hätte einige Vorteile: Es würde nicht nur die Schuldenlast rasch senken und es damit den Krisenstaaten ermöglichen, sich ohne fremde Hilfen und Spardiktat am Finanzmarkt mit Geld zu versorgen. Die Regierungen hätten auch die Möglichkeit, die für die eigenen Bürger gerechteste Lösung für den Schuldenabbau auszuhandeln, etwa indem sie Vermögende über eine Abgabe an der Rettung beteiligen.

Zwar würden auf diesem Weg viele Anleger und auch die deutschen Steuerzahler Geld verlieren. Aber es wäre auch eine Methode, die mit einer Illusion aufräumt. Die Illusion wird auch von Staatsinterventionisten wie dir verbreitet, und sie besteht in der Hoffnung, das Schuldenproblem werde sich dadurch erübrigen, dass die Staaten aus ihren Schulden herauswachsen werden, etwa weil sie die Wirtschaft mit Investitionen ankurbeln.

Das Problem an dieser Argumentation ist, dass es in den letzten Jahrzehnten kaum einem Land gelungen ist, auf diesem Weg einem hohen Schuldenstand zu entkommen. Das letzte große Industrieland, das aus vergleichbar hohen Schulden herauswachsen konnte, waren die USA. Allerdings geschah das vor mehr als 60 Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Industriestaaten im Westen noch dynamischer wuchsen. Es wäre fahrlässig, zu glauben, Länder wie Griechenland oder Italien könnten ein solches Wunder im heutigen wirtschaftlichen Umfeld wiederholen.

Das gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Belastungen für die öffentlichen Haushalte drastisch steigen werden. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass einige Industriestaaten schon bald mehr als vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung dafür aufwenden müssen, um die Kosten des rapide voranschreitenden demografischen Wandels abzufedern. Es geht also auch um die Sozial- und Bildungsausgaben von morgen, für die die überschuldeten Staaten im Süden ohne Schuldenerlass kaum noch Spielräume hätten.

Gewiss: Die Folgen eines Schuldenschnitts wären hart. Wahrscheinlich würden einige Länder in die Rezession rutschen, Banken müssten abgewickelt werden. Aber letztlich muss die Frage lauten, ob es langfristig sinnvolle Alternativen gibt, und die kann ich eben nicht erkennen. Dein Philip

Lesen Sie hier die Antwort von Mark Schieritz.