Philip, ein Schuldenschnitt ist eine gerechte, sinnvolle und kluge Lösung für das europäische Schuldenproblem – in der Theorie. In der Praxis sieht die Sache leider etwas anders aus, denn die Verbindlichkeit des einen sind immer die Forderungen des anderen. Wenn also in Europa im großen Stil Schulden gestrichen werden, dann wird auch im großen Stil Vermögen vernichtet.

Das aber geht aller Erfahrung nach nie ohne ganz erhebliche finanzielle Verwerfungen über die Bühne. Alleine die italienische Staatsverschuldung beläuft sich auf mehr als 2.000 Milliarden Euro, und ein großer Teil davon wird von ausländischen Banken und Versicherungen gehalten. Die Schulden der Unternehmen und Haushalte sind noch nicht einmal einberechnet. Wenn Italien die Schulden gestrichen werden, dann werden in Deutschland Banken zusammenbrechen – und an den Weltfinanzmärkten wird das Chaos ausbrechen.

Auch als die Schulden in Griechenland vor zwei Jahren immer schneller stiegen, wurde ein Schuldenschnitt als Mittel der Wahl angepriesen. Als er dann tatsächlich vollzogen wurde, brach Panik unter den Anlegern aus, und die Währungsunion geriet an den Rand des Abgrunds. Und damals ging es um vergleichsweise wenig Geld.

Es stimmt schon: Die Schuldenquoten in Europa sind enorm hoch. Doch das bedeutet noch nicht, dass die betroffenen Staaten überschuldet sind. Denn wie sehr die Schulden drücken, hängt ganz wesentlich vom Zins ab. In einer Phase niedriger Zinsen sind auch hohe Schulden verkraftbar. Und derzeit sind die Zinsen extrem niedrig. Deshalb muss Italien heute jährlich etwa fünfeinhalb Prozent seiner Wirtschaftsleistung für den Schuldendienst ausgeben. In den 1990er Jahren waren es mehr als zehn Prozent.

Die Zinsen können natürlich irgendwann wieder steigen, doch dann ändert sich auch das gesamte wirtschaftliche Umfeld. Denn in aller Regel steigt der Preis des Geldes nur, wenn das Wachstum anzieht und die Notenbanken das Geld verknappen müssen, um die Inflation in Schach zu halten. Wie du aber ganz richtig argumentierst, sind die Schulden weniger schlimm, wenn die Wirtschaft wächst, weil ihnen ein höheres Einkommen gegenübersteht.

Die Amerikaner haben ihre Schuldenquote nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Jahre dramatisch reduziert – nicht weil die Schulden gesunken wären, sondern weil die Wirtschaft so stark gewachsen ist. Und die deutschen Staatsschulden werden laut amtlicher Haushaltsplanung ganz ohne Sparmaßnahmen schon in wenigen Jahren unter die EU-Obergrenze von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

In Italien läuft die Wirtschaft nicht so gut wie in Deutschland. Dafür aber gibt es in dem Land ganz erhebliche private Vermögen, die der Staat im Notfall einziehen könnte, um Schulden zu tilgen. Dazu braucht man keinen Schuldenschnitt.

Vielleicht reicht das alles nicht, und vielleicht sind die Schulden in Europa tatsächlich zu hoch. Aber sicher ist das keineswegs. Und solange die Möglichkeit besteht, dass sie sich auch ohne einen radikalen Schnitt in den Griff bekommen lassen, sollte auf diesen Schnitt verzichtet werden. Denn nichts wäre zum jetzigen Zeitpunkt gefährlicher als eine neue Eskalation der Krise. Dein Mark

Lesen Sie hier den Text von Philip Faigle.