Nun muss an dieser Stelle leider ein düsteres Anliegen behandelt werden, es geht um den Seehund und sein Ableben. Seit Anfang Oktober sind mehr als 230 Tiere in der Nordsee einem Influenzavirus erlegen. Das beschäftigt das ganze Land, sogar die Süddeutsche Zeitung hat eine halbe Seite lang gerätselt, was den Tieren denn nun fehlt. Titel des Artikels: Infektion auf der Sandbank. Eine so nüchterne Haltung kann sich wohl nur erlauben, wer in München lebt und schon die Sichtung einer Kaulquappe im Eisbach als maritimes Erlebnis verbucht. Dem Hamburger aber geht die Sache nahe.

Er verehrt den Seehund mindestens so sehr wie den Mopshund, und in beiden Fällen ist das erstaunlich. Denn sagen wir es offen, mit dem See- verhält es sich ja nicht anders als mit dem Mopstier: Es ist im eigentlichen Sinne nicht schön. Liegt der Seehund an Land, sieht er aus wie eine Zigarre. Das ist eine unzeitgemäße Form. Er bewegt sich außerhalb des Wassers mit der Eleganz einer Made und macht Geräusche, die an eine kaputte Hupe erinnern, oft auch an einen erkälteten Zwergpinscher.

Der Zuneigung der Hamburger zur Phoca vitulina tut das keinen Abbruch. Zum Beispiel: Es ist zwei Jahre her, da schwamm ein Seehundjunges die Elbe hinunter, bis nach Finkenwerder. Es ist unklar, was es dort wollte. Werftarbeiter fanden das Tier. Weil es sie jedoch anfauchte, riefen sie den Schwanenvater Nieß zu Hilfe. Die ganze Stadt nahm Anteil an der Genesung des bissigen Findelkinds.

Hier entwickelt der Finkenwerder Seehund aufklärerische Kraft in Hinsicht auf unseren emotionalen Haushalt: Anzunehmen ist, dass der Hamburger den Seehund für sein tollpatschiges Image liebt, als eine Art tapsige Ausgabe des stolzen Schwans – so, wie er ja auch den Mops als plumpe Variante des Wildschweins liebt. Oder den Zwergpinscher als nervöse Variante einer kaputten Hupe.

Der Seehund zeigt uns damit die gute Seite unseres Wesens: In der Tiefe unseres Charakters streben wir gar nicht immer nach Perfektion. Es braucht nur ein perfektes Kindchenschema, schon werden wir beherrscht vom unbändigen Drang nach Fürsorge und Anteilnahme.

Der Tod der Seehunde betrübt uns sehr.