Irgendwann fand Ruth Raaflaub, dass es reichte. "Man kann da als Gesellschaft nicht einfach zuschauen", sagte sich die drahtige Frau mit den auffallend blauen Augen und begann zu schreiben. Raaflaub, seit 30 Jahren Sportlehrerin, verschickte Mails an Kollegen, Journalisten, Gemeinderäte. Ihr Ziel: Die Stadt soll endlich ein Sicherheitsnetz unter die Kirchenfeldbrücke in Bern spannen. Hoch über dem Sportplatz, auf dem die Sportlehrerin und ihre Gymnasiasten trainierten. "So konnte es nicht weitergehen."

Immer wieder sprangen Menschen von dieser Brücke, starben oder überlebten mit gebrochenen Rücken. Wie viele es genau waren, soll nicht öffentlich diskutiert werden. Experten wissen, dass jeder detaillierte Bericht zu Suiziden Nachfolgetaten auslösen kann. Und deshalb begegnen sie Journalisten mit großer Skepsis. Die meisten, nicht alle, reden schließlich trotzdem. Denn: "Es gibt in der Schweiz einfach zu viele Suizide, die sich verhindern ließen", sagt Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen und Präsident des Berner Bündnisses gegen Depression.

Diese Einsicht hat jetzt die Gesellschaft erreicht. Über 1000 Menschen sterben in der Schweiz jährlich an Suizid, darunter besonders viele Alte, Männer und Jugendliche. Nachdem das jahrelang kaum für Aufmerksamkeit sorgte, hat der Wind 2014 spürbar gedreht: Politiker, Firmenchefs, SBB-Spitze und Bürgergruppen stellen sich die Frage, warum sich in diesem Land so viele Menschen das Leben nehmen – und wie sich das ändern ließe. Sie dürften überrascht sein, welch nüchterne Antwort ihnen Psychiater geben: Weil sie es können.

Der Suizid gilt in der westlichen Welt, auch in der Schweiz, als persönlicher Entscheid. Als freie Wahl eines nachhaltig unglücklichen Menschen. Dass sich in protestantischen, industrialisierten und urbanisierten Regionen Europas erwiesenermaßen mehr Menschen das Leben nehmen als im ländlich-katholischen Südeuropa, erklärt man sich entlang dieser Denklinie: Eine vereinzelte, auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ausgerichtete Lebensweise schade den Menschen. Manchen so sehr, dass sie nicht mehr leben wollten. Suizid, so die allgemeine Ansicht, hat einen Grund.

"Warum hat er das getan?", fragen die Leute jeweils, um sich ein Bild zu machen. Und ein Urteil: Mehr oder weniger verständlich finden sie einen Suizid, mehr oder weniger egoistisch, mehr oder weniger feige. Eine Einmischung von außen gilt als sinnlos. "Wenn es einer hier nicht tut", sagen die Leute jeweils, "dann tut er es halt woanders."

Auch in Bern sagten sie das damals, als Ruth Raaflaub gemeinsam mit Mitstreitern für ein Netz unter der Kirchenfeldbrücke zu kämpfen begann. Als sie sich 2009 mit ihren Schülern auf den Sportplatz stellte und den Schriftzug "Stopp Suizide, baut Netze" formte. Dass das nichts bringe, dass man Menschen nicht abhalten könne, dass sie Wege fänden: Die Leute sagen das auch an anderen Orten, wenn es um Suizidprävention geht – doch es ist erwiesenermaßen falsch.

Seit Jahrzehnten weiß die Psychiatrie, dass eine überwiegende Mehrheit der Suizidalen in einer akuten psychischen Krise stirbt, meist in einer schweren Depression. Diese kann den Menschen innert weniger Tage oder gar Stunden überrollen und in den Tod treiben. "In einer Art Trance" handelten die meisten Suizidalen, schreibt Psychiater Reisch in einem Vortrag. Von "einem psychischen Ausnahmezustand, in dem lebensorientierte Pläne und das Wissen um den Wert des eigenen Lebens nicht mehr zugänglich sind", sein Berufskollege Konrad Michel in Darüber reden, einem Porträtband von Hinterbliebenen. Von einem freien Entscheid kann in vielen Fällen nicht die Rede sein: Nicht ein Mensch tötet sich, die akut aufflammende Krankheit bringt ihn um.

"War er an einem Suizid gestorben, so wie jemand an einem Autounfall stirbt oder an einem Herzinfarkt?", fragt eine ratlos hinterlassene Angehörige in jenem Porträtband. "Manchmal etwas mitverschuldet, aber im Grunde genommen etwas, das einem passiert, und nicht etwas, das man aktiv bewirkt." So einig ist sich mittlerweile die Psychiatrie über den fast schon willkürlichen Akutcharakter vieler Suizide, dass sie diese vielerorts als "psychische Unfälle" bezeichnet.

Die zweite wichtige Einsicht der Forscher: Bringt man Menschen sicher durch diese akuten Krisen, werden viele von ihnen wieder gesund. "Jeder von uns kennt Patienten, die an einem Punkt fast an Suizid gestorben sind", sagt eine Ärztin aus dem Kanton Schwyz, die anonym bleiben will. "Und die heute wieder ein gutes Leben führen." Die Annahme, einmal Suizidale töteten sich irgendwann zwingend sowieso, sei vielfach widerlegt. Sie haben ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Mehrheit aber überlebt.

Am eindrücklichsten zeigt das eine Langzeitstudie der Universität Berkeley von 1978, die bis heute als Meilenstein der Suizidforschung gilt. Der Psychiater Richard Seiden beobachtete darin den Lebensweg von 515 Menschen, die von Patrouillen vom Geländer der Golden Gate Bridge in San Francisco geholt wurden. Sein Fazit: Ein Vierteljahrhundert später waren 25 der einst Geretteten an Suizid gestorben. Das sind 4,9 Prozent. Die verbreitete Aussage, "dass die doch einfach woanders hingehen", schreibt der Psychiater, "ist durch die Daten eindeutig nicht gestützt". Suizidverhalten sei, wie schon vielfach beschrieben, "krisenorientiert und von akuter Natur". Das bedeutet: je mehr Akuthilfe, desto weniger Suizidtote.

Es sterben also in industrialisierten, urbanisierten und protestantischen Regionen nicht deshalb mehr Menschen an Suiziden, weil sie unglücklicher wären – tatsächlich deuten Umfragen etwa der OECD sogar tendenziell auf das Gegenteil hin. Sondern es sterben dort mutmaßlich deshalb mehr Menschen an Suiziden, weil sie einer geringeren sozialen Beobachtung ausgesetzt sind – dafür umso mehr Brücken, Zuggleisen und Medienartikeln, die in einer akuten Krise den gefährlichen Impuls geben können.

Seit Jahren sagen darum die Fachleute: Baut Netze unter die Brücken, schließt die Armeewaffen weg, schickt Patrouillen zu den Gleisen. Informiert die Leute darüber, dass Depressionen eine heilbare Krankheit sind. Nicht immer, aber oft. 2014, so scheint es, finden sie Gehör.

Bern beginnt noch dieses oder nächstes Jahr damit, die Kirchenfeldbrücke und eine weitere Stadtbrücke für 6,5 Millionen Franken mit festen Netzen zu sichern. Ein provisorisches Drahtnetz hat die Stadt bereits 2010 hochgezogen, weil Ruth Raaflaub und ihre Mitstreiter nicht aufgaben. Auch der Zürcher Kantonsrat hat vor wenigen Monaten die Suizidprävention auf die politische Agenda gesetzt. Die SBB haben, nachdem sie im letzten Geschäftsbericht die zunehmenden Zugsuizide als Problem bezeichneten, eine Arbeitsgruppe aufgesetzt, deren Vorschläge bislang noch vertraulich bleiben. Das Parlament hieß mit großer Mehrheit eine Motion von EVP-Nationalrätin Maja Ingold gut, die vom Bundesrat ein entsprechendes Konzept verlangt. Dass die notorisch warnende Weltgesundheitsorganisation WHO kürzlich verschiedene Staaten dazu aufforderte, mehr gegen Suizide zu unternehmen, fügt sich in die Debatte.

Es habe sie erstaunt, sagt Nationalrätin Ingold, dass die bei Präventionsvorschlägen sonst üblichen markigen Sprüche ausgeblieben seien. "Es haben wohl mittlerweile alle verstanden, dass das Thema zu ernst ist für dumme Witze."