Walk and walk and walk – and pose!, zu diesen Stakkato-Befehlen läuft eine junge Frau mit hochtoupiertem Haar auf High Heels den Laufsteg entlang. Hände an die Hüfte, drehen. Die Jury nickt, sie darf in die nächste Runde. Das ist nicht Germany’s next Topmodel, sondern ein emanzipatorischer Akt. Zumindest wenn es nach den Anhängern des Voguing geht, eines Tanzstils, bei dem Modelposen aneinandergereiht werden, wie sie etwa in der Modezeitschrift Vogue zu sehen sind.

Die Szene ist Teil des ersten Voguing-Balls Hamburgs Anfang Oktober. Und nicht nur hier wird gevoguet: Popstars wie Lady Gaga, Beyoncé oder Britney Spears bauen den Tanz in ihre Musikvideos ein, die Sängerin FKA Twigs voguet live auf der Bühne, und die Kandidaten in Fernsehshows wie Got to Dance tun es ihnen gleich. In Berlin gibt es seit zwei Jahren ein eigenes Voguing-Festival, und die Gala empfiehlt als Ganzkörper-Workout Voga, eine Mischung aus Voguing und Yoga.

Voguing, das war der Tanz der meist männlichen homo- und transsexuellen Afroamerikaner während der 1960er Jahre in Harlem. Von der Gesellschaft mehrfach marginalisiert, gründeten sie sogenannte Houses, die vielen auch als Ersatzfamilie dienten, und organisierten Bälle, um eine glanzvolle Welt zu imitieren, die ihnen verschlossen war. Die Kategorie "Runway", der einfache Laufsteg-Walk, war dabei nur eine von vielen. In der Rubrik "College Boy" mimten die Teilnehmer den weißen Vorstadtjungen, bei "Butch Queen" mussten möglichst männliche Bewegungen auf High Heels gelingen. Es war ein Spiel mit Rollen, Herkunft und Geschlecht, für einen Abend durfte jeder sein, was er wollte.

Als Tanzstil verbindet Voguing Posen aus Modemagazinen mit schnellen, rechtwinkligen Armbewegungen und Elementen der martial arts oder Akrobatik. Zu den Beats von House-Musik wird immer wieder rhythmisch innegehalten, die Pose zählt, bis in die Mimik. Möglichst selbstbewusst erscheinen, das ist das Wichtigste, um in diesem Wettbewerb zu bestehen. So wurde die Verkörperlichung der dominanten Kultur zur Selbstbehauptung: sich nehmen, was einem nicht gegeben wird. 1990 machten Jenny Livingstones Dokumentarfilm Paris is Burning und Madonnas Video zu Vogue den Tanz erstmals über die Szene hinaus bekannt, doch er blieb ein Subkulturphänomen.

Jetzt, wo das Voguing in der Popkultur ankommt, formieren sich auch in Deutschland erstmals Houses, wie das House of Melody in Düsseldorf oder das House of Lazer, das den Hamburger Ball organisierte. Doch sie sind eher professionelle Tanzgruppen statt Familienersatz. Und noch etwas fällt auf: Es sind oft junge, weiße Frauen mit eher bürgerlichem Hintergrund, die heute voguen. Und auf dem Hamburger Ball bestätigt sich, was die Tänzerin und Soziologin Jasmin İhraç beschreibt: Es geht dabei kaum noch um das Umkehren sozialer oder geschlechtlicher Rollen, der stolz-einfache "Runway" ist mit Abstand die beliebteste Kategorie.

Was versprechen sich die Frauen von diesem Tanz der einst Ausgestoßenen und seiner Verengung auf die Modelpose? Es liegt nahe, festzustellen, dass das Schönheitsdiktat und die Modebranche derart dominant und gnadenlos sind, dass sie als Norm wahrgenommen werden, die begehrt wird und gleichzeitig die meisten Frauen ausschließt. Doch das ist nicht alles.