DIE ZEIT: Herr Nunes, Wagners Ring des Nibelungen ist doch eine Tortur. Es gibt Aufführungen, die 18 Stunden dauern. Wie lange wollen Sie das Publikum quälen?

Antú Romero Nunes: Keine Angst! Wir machen ja auch nur Rheingold und Walküre. Siegfried und Götterdämmerung kommen im Januar.

ZEIT: Ohne die großen Stimmen und ohne Orchester ist Wagner doch verstümmelt. Warum machen Sie ausgerechnet aus dieser Oper ein Theaterstück?

Nunes: Die Texte sind manchmal Müll, aber streckenweise sind sie auch super. Wagner hat mit Stabreim gedichtet. Ich finde diese Art zu dichten großartig. Da ergeben sich Sinnzusammenhänge. Wort. Werk. Weisheit. Wissen. Warum fangen diese Worte alle mit W an?

ZEIT: Aber genau darüber hat man sich ja lustig gemacht: Weiche, Wotan, weiche!

Nunes: Ja, stimmt, eine Wagner-Parodie ist schnell gemacht. Aber uns interessiert das nicht, wir wollen uns nicht über Wagner lustig machen, uns interessiert die Geschichte, die dahintersteht.

ZEIT: Was ist die Geschichte?

Nunes: Für mich geht es im Ring um die Liebe und um die Angst, lieblos zu sterben. Alle Handlungen im Ring entstehen aus der Angst, lieblos zu sterben.

ZEIT: Wenn man die Inszenierungen der letzten Jahre sieht, würde man eher sagen: Es geht um Geldgier, Schulden, Kapitalismuskritik.

Nunes: Geht es auch. Aber das weiß man ja, wenn man den Text liest. Ich finde, man muss deswegen nicht tausend Goldbarren auf die Bühne legen.

ZEIT: Die Finanzkrise kommt bei Ihnen nicht vor?

Nunes: Nein, wir lesen doch alle Zeitung, und ich käme mir blöd vor, so etwas Tagespolitisches daraus zu machen. Ich arbeite für die Kunst, nicht für die Zeitung.

ZEIT: Aber warum ausgerechnet mit Wagner?

Nunes: In der Schule sind wir einmal mit der Klasse in die Oper gegangen. In Stuttgart, da gab es Tristan und Isolde. Ich hatte natürlich überhaupt keinen Bock. So viele Stunden im Theater! Uns war schon im Unterricht eingeschärft worden, wie das ist mit Wagners Musik: dass die immer und immer weiterläuft. Aber als ich die Oper dann gehört habe, war ich baff. Was für ein musikalischer Raum sich da eröffnete!

ZEIT: Und jetzt killen Sie die Musik.

Nunes: Es gibt da keine vorgegebene Form, wie man so etwas aufführen soll. Mit Wagner als Theater hat noch niemand Erfahrungen gemacht. Es wird deswegen schwierig, weil man nicht einfach sagen kann: Wir streichen das zusammen, dann kommt das auf die Bühne, und wir machen es auf Tempo, und dann ist es witzig. Diese Mechanismen greifen nicht.

ZEIT: Warum nicht den einfachen Weg gehen und eine Oper inszenieren?

Nunes: Ich habe in München gerade eine Oper gemacht. Den Guillaume Tell von Rossini. Da habe ich gemerkt, dass es bei der Oper um etwas ganz anderes geht als beim Theater. Das ist ein musikalisches Event, und es ist wirklich schwer, eine Oper so aufzuführen, dass es spannend wird. Ständig wiederholen sich irgendwelche Sachen.

ZEIT: Es gibt aber Opern, die sich besser inszenieren lassen als der Wilhelm Tell.

Nunes: Klaus Bachler (Intendant der Bayerischen Staatsoper, Anm. d. Red.) hat mir das vorgeschlagen. Das ist einige Jahre her. Es ist nicht so, dass die Oper jetzt zu mir gekommen ist, als es einen gewissen Hype gegeben hat. Als jetzt aber die Möglichkeit konkret wurde, eine Oper zu inszenieren, habe ich gesagt: Wahnsinn, wollte ich schon immer!

ZEIT: Ist das jetzt Ironie?

Nunes: Nein, Herr Bachler hat mich wirklich ganz heiß drauf gemacht, mit Musik umzugehen. Das ist schon geil, man probt, und immer sitzen da Orchester und Dirigent hinter dir, und der Dirigent sagt: Hier ist eine Pause in der Musik, da musst du jetzt was inszenieren! Das ist anders als im Theater, wo der ganze Druck auf dir lastet, und jeder, der das Stück scheiße findet, gibt dir allein die Schuld.

ZEIT: In München sind Sie aber trotzdem ausgebuht worden, ganz allein.

Nunes: Es gab mehr Bravos. Aber die Buhs, die waren schon echt der Hammer.

ZEIT: Wie war das, auf der Bühne zu stehen und ausgebuht zu werden?

Nunes: Irgendwie gut. Ich hatte vorher noch gedacht, ich muss mich darauf vorbereiten ...

ZEIT: Sie wussten vorher schon, dass Sie ausgebuht werden?

Nunes: Natürlich, das weiß man doch. Ich meine, um Himmels willen: Ich hab die Ouvertüre nach der Pause gebracht. Da war doch klar, dass das dann kommt. Aber so ein Buh, das gibt schon eine ganz gute Energie. Ich kann mich von Buhs nicht davon abhalten lassen, das zu inszenieren, was ich für richtig halte.