DIE ZEIT: Herr Lüthje, Ihr Nachfolger als Universitätspräsident, Dieter Lenzen, zweifelt, ob der Zustand der Universität noch menschenwürdig sei, die Studenten wollen demonstrieren, die Opposition macht Wissenschaft zum Wahlkampfthema. Toll, dass endlich über Wissenschaft in Hamburg gestritten wird, oder?

Jürgen Lüthje: Die Wissenschaft ist für Hamburg so wichtig wie der Hafen – und wird in Zukunft noch wichtiger werden. Es ist gut, dass wir jetzt diskutieren. Aber momentan ist die Debatte wenig zielführend.

ZEIT: Warum?

Lüthje: Die Diskussion orientiert sich an Schwächen, nicht an Stärken. Alle Seiten polarisieren in Schaukämpfen. Das bringt der Wissenschaft nichts. Wichtiger wäre, dass sich alle Beteiligten auf längerfristige Ziele verständigten, die unabhängig von parteipolitischen Mehrheiten verfolgt werden. Da möchten wir als Patriotische Gesellschaft ansetzen und einen konsensbildenden Prozess moderieren – so wie wir das seit 250 Jahren schon oft erfolgreich getan haben.

ZEIT: Sie wollen also einen Hochschulfrieden.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Lüthje: Ja. Die Hochschulen haben das gleiche Problem wie die Schulen vor dem Schulfrieden. Die haben darunter gelitten, dass sie ständig Gegenstand politischer Polarisierung statt gemeinsamer Anstrengung waren. Hamburg braucht wissenschaftspolitische Ziele, die, bei allem verbleibenden Dissens, über mehrere Legislaturperioden zielstrebig verfolgt werden.

ZEIT: Wie wollen Sie das schaffen?

Lüthje: Wir werden die Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen, die Wissenschaftssenatorin, den Ersten Bürgermeister, den Finanzsenator, die Bürgerschaftsfraktionen, die Kammern und Gewerkschaften sowie die wissenschaftsfördernden Stiftungen zu Gesprächen einladen, um zu beraten, wie Hamburg in 15 Jahren zu einem der leistungsstärksten Wissenschaftsstandorte in Europa werden kann.

ZEIT: Das klingt so allgemein, dass da niemand widersprechen wird.

Lüthje: Eben. Eigentlich wollen das alle, aber in der öffentlichen Diskussion wird Dissens zelebriert. Stattdessen müssen wir erkennen, welche wissenschaftlichen Stärken Hamburg hat – und wo wir besser werden müssen: Es gibt eine Vielzahl von hervorragenden Einrichtungen in Hamburg, die man gezielt fördern muss. Und wo es Schwächen gibt, muss man vorrangig fragen, wie man besser werden kann.

ZEIT: Dafür brauchte es in erster Linie mehr Geld, oder?

Lüthje: Noch wichtiger sind gemeinsame Ziele. Diese erfordern dann auch eine Erhöhung der Wissenschaftsaufwendungen. In allen Parteien muss es Konsens werden, dass Wissenschaft im Hamburger Haushalt Priorität erhält.

ZEIT: Momentan hat sie es nicht.

Lüthje: Die Ausgaben für Wissenschaft steigen nominal ...

ZEIT: Aber so gering, dass die Hochschulen nach Inflation und Tarifsteigerungen unterm Strich weniger Geld haben.

Lüthje: Hamburg muss deutlich mehr für die Wissenschaft tun. Allerdings importieren wir viele Studierende aus anderen Bundesländern. Das ist eine große Belastung für einen Stadtstaat. Hamburg muss deswegen fordern, dass sich der Bund an der Finanzierung der Hochschulen dauerhaft beteiligt.