Die Vereinigten Staaten von Amerika haben weltweit eine der höchsten Akademikerquoten: Jeder dritte erwachsene US-Bürger hat einen Hochschulabschluss – in Deutschland sind es gerade mal halb so viele. 71 Prozent eines Jahrgangs nehmen ein Studium auf. Ohne eine akademische Ausbildung hat man praktisch keine Chance auf dem Arbeitsmarkt; es gibt keine duale Berufsausbildung. Egal, ob Arzt oder Krankenschwester, Ingenieur oder Klempner – alle müssen ein zumindest zweijähriges Studium absolvieren. Für die amerikanische Wirtschaft scheint sich das zu lohnen, sie hat eine hohe Innovationskraft und das dritthöchste Bruttoinlandsprodukt aller Industriestaaten (nach Luxemburg und der Schweiz). Von der OECD werden die USA deshalb immer wieder gelobt und anderen Ländern, vor allem Deutschland, als Vorbild empfohlen. Doch dazu taugt es nicht.

Denn der Preis für die Akademisierung ist hoch. Nirgendwo sonst auf der Welt ist ein Studium so teuer. Die Studiengebühren für ein Bachelorstudium liegen nach Angaben der Organisation Collegeboard mittlerweile bei durchschnittlich 28.500 Dollar an privaten und 6.900 Dollar an staatlichen Unis – pro Jahr. Zwar verdienen College-Absolventen im Laufe ihres Lebens nachweislich mehr als nicht ausgebildete Arbeitnehmer, aber die Rückzahlung von Studienkrediten ist über viele Jahre eine große Belastung.

Die jungen Menschen starten mit im Schnitt fast 30.000 Dollar Schulden ins Arbeitsleben, und nicht alle finden einen gut bezahlten Job, mit dem sie die Schulden zurückzahlen können. Etwa jeder zehnte Kreditnehmer kann in den ersten beiden Jahren nach Studienabschluss nicht mit der Rückzahlung des Darlehens beginnen.

Mittlerweile werden die Studienkreditschulden auf über eine Billion Dollar geschätzt, das ist mehr als die Kreditkartenschulden aller US-Haushalte zusammen. Das hat Folgen auch für die Wirtschaft des Landes. Wenn Graduierte nicht direkt Arbeit finden, können sie keine Wohnung kaufen oder mieten, sondern müssen wieder bei ihren Eltern einziehen, die oft ihr Haus mit einer Hypothek für den Studienkredit belastet haben. Die jungen Leute zögern wegen der finanziellen Unsicherheit auch, zu heiraten und eine Familie zu gründen. 48 Prozent der 25- bis 34-Jährigen gaben in einer Befragung an, dass sie entweder arbeitslos oder nicht angemessen beschäftigt sind.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise vor sechs Jahren ist das Problem so groß geworden, dass sich selbst Präsident Obama einschaltete und von den Colleges forderte, sie müssten auch für Mittelschichtsfamilien ein bezahlbares Studium anbieten. Die Studienschulden sind auch Wahlkampfthema für die Zwischenwahlen im November.

Die Regierung schaut nun genauer darauf, dass die Hochschulen ihre Absolventen so qualifizieren, dass sie nach dem Abschluss auch einen guten Job finden. Insbesondere Hochschulen, deren Studenten niedrig verzinste Studienkredite der Regierung in Anspruch nehmen, müssen nun stärker nachweisen, dass sie nicht am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei ausbilden. Mit solchen Regulierungen tut man sich in Amerika für gewöhnlich schwer, sie waren aber notwendig geworden, weil sich im Hochschulsektor, vor allem am unteren Ende, bei den profitorientierten Einrichtungen, ein Wildwuchs ausgebreitet hatte.

Es gibt in den USA sogenannte degree mills, Einrichtungen, die akademische Abschlüsse in Massen an vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Familien vergeben. Diese Discount-Abschlüsse sind aber auf dem Arbeitsmarkt fast nichts wert.

Ohnehin schwankt die Qualität der akademischen Abschlüsse in den Vereinigten Staaten extrem. Von den knapp über 4700 akademischen Einrichtungen gelten nur höchstens 300 nach europäischen Maßstäben als Universität. Wer mit einem Bachelor eine Spitzenuni wie Harvard verlässt, mag zwar einen Berg Schulden haben, hat aber auch alle Chancen auf einen lukrativen Job. Wer dagegen ein Community College abschließt, hat nicht selten weniger gelernt als ein deutscher Auszubildender. Die Obama-Regierung unterstützt daher den Ausbau der Colleges zu richtigen Berufsschulen in Kooperation mit Unternehmen.