An einem Berghang hoch über den Dächern von Caracas standen die schönsten Frauen Venezuelas beisammen. Sie trugen legere Sommerkleider an den Körpern, Sandalen an den Füßen und Türme von Lockenwicklern auf ihren Köpfen. Gleich würden sich die Studios des Fernsehsenders Venevisión für sie öffnen, und wenige Stunden später konnten die Wahlen zur Miss Venezuela beginnen: die Kür der Schönsten im ganzen Land, eine mehrstündige Glitzershow, bei der sich die jungen Frauen perfekt gestylt in Abendkleidern und Badeanzügen präsentieren.

Bis dahin sollen sie aber noch etwas warten, hier oben vor dem Studiogebäude am Hang. Schwarz gekleidete Bodyguards sprechen aufgeregt in ihre Walkie-Talkies und blicken misstrauisch die Straße hinab. "Ich bin jetzt angekommen, wo alle Frauen Venezuelas gerne hinwollen, seit sie kleine Mädchen sind", sagt Isabella Arriaga, 23 Jahre alt, eine groß gewachsene Kandidatin mit blonden Haaren und tiefbraunen Augen. Dann lacht sie und flachst herum. "Mein Freund sagt immer, dass er es grässlich findet, wenn ich so dick geschminkt werde."

Jahr für Jahr erreicht die Kür der nationalen Schönheitskönigin die höchsten Einschaltquoten im venezolanischen Fernsehen, sie ist noch beliebter als Baseball. Die Sendung ist mit Tanzeinlagen und Auftritten von Stars gespickt, und ihr gehen Aufwärmsendungen voraus ("Die Kandidatinnen treffen die Juroren!") sowie eine Show nach dem Format von Deutschland sucht den Superstar. Da findet der venezolanische Dieter Bohlen, ein 68-jähriger Beau namens Osmel Souza, klare Worte für Schönheitsköniginnen in spe: "Deine Nase ist hässlich, und du bist fett!"

Eine ganze Industrie verdient an den Misses. Kein anderes Land hat das Geschäft mit dem weiblichen Körper so perfektioniert wie Venezuela, nirgendwo sonst werden Frauen so konsequent als Produkte vermarktet und zum Objekt von Millionen-Investitionen gemacht. Für Kosmetikhersteller wie Colgate oder L’Oréal ist das lateinamerikanische Land ein zentraler Markt: Obwohl die Konjunktur seit einigen Jahren am Boden liegt, bleiben Venezolanerinnen beim Verbrauch von Haarspray, Puder und Nagellack Nummer eins in Lateinamerika, der Markt wächst sogar jährlich um elf Prozent. Schminke wird in Drag-Queen-Stärke aufgetragen, und an jeder Straßenecke gibt es Beauty-Center.

Ihr perfektionistisches Schönheitsideal tragen die Venezolaner als Exportprodukt in die Welt. Sieben Miss Universe und sechs Miss World kamen schon aus dem lateinamerikanischen Land, internationale Werber und Modemacher reißen sich um die Topmodels aus Caracas und anderen Städten Venezuelas und lassen sie die teuersten und glamourösesten Konsumprodukte des globalen Kapitalismus bewerben.

Was eigentlich ganz schön merkwürdig ist: In Venezuela wollten sie doch Schluss machen mit dem Turbokapitalismus und seinen Zwängen. Das Land ist seit 1999 in der Hand der Chavisten, wie die Anhänger des charismatischen Comandante Hugo Chávez heißen, der das Land bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr regierte. Heute halten die Chavisten zu seinem Nachfolger Nicolás Maduro, und auch der will mit Neoliberalismus und Kommerz brechen und einen neuen, menschenfreundlichen Sozialismus schaffen. Hochleistungs-Schönsein im Dienste einer weltweiten Luxusindustrie passt dazu überhaupt nicht. Was ist in Venezuela schiefgelaufen?

Die Berge, auf denen die Armen leben, kann man von überall in Caracas aus sehen. Man blickt auf ihre improvisierten Häuser, auf Wände aus Mörtel und rohen Backsteinen, die, wie Baukästen übereinandergestapelt, an den Hängen stehen. In die engen Gassen der barrios trauen sich in aller Regel nur die Insider. Dort oben herrschen bewaffnete Gruppen: In den einen Armutsvierteln sind es Banden von Dealern oder professionellen Kidnappern, in anderen haben paramilitärische Einheiten das Sagen.

Am Fuße eines solchen barrios, mitten im Zentrum der Zweimillionenstadt, liegt eine Siedlung namens Campo Rico. Der Taxifahrer weigert sich zunächst, dorthin zu fahren, nur für ein Extratrinkgeld lässt er sich breitschlagen. Ringsherum sind die bürgerlichen Wohnhäuser von hohen Mauern umgeben, auf denen hässliche Stacheldrahtrollen mit glänzenden Zacken liegen; an der Zufahrt zum barrio sitzen Männer auf der Motorhaube eines geparkten Autos, Bierflaschen neben sich. Neuankömmlinge blicken sie skeptisch an, Ärger gibt es aber keinen – die Männer sind beschäftigt, sie hören Radio. Überall im Lande laufen heute Sondersendungen zu den Misswahlen. Moderatoren und Experten fachsimpeln über weibliche Hauttöne und die Geißel der Cellulitis. Kaum jemand wird heute in Caracas über etwas anderes reden.

Grecia Bitchachi wohnt in diesem Teil der Stadt. Die Schülerin ist 16 Jahre alt und hat ein hübsches, mädchenhaftes Gesicht mit Pausbacken; das könnte sich bald ändern. "Ich will Miss Venezuela werden", sagt Grecia mit großem Ernst und faltet elegant die Hände über dem Tisch zusammen. "2018 habe ich dafür angepeilt."