Wahrscheinlich liegt es an einem politischen Missverständnis, dass sich Baugemeinschaften in der Hamburger Stadtentwicklung mit einer bescheidenen Nebenrolle begnügen müssen. Baugemeinschaften, früher Wohnprojekte genannt, gelten unter Sozialdemokraten als irgendwie grün und folglich uninteressant, weil sie ihre Wurzeln in der Alternativkultur des vergangenen Jahrhunderts haben. Wo sie ihr Potenzial zeigen, ganze Stadtteile zu prägen – in Freiburg-Vauban etwa oder im Französischen Viertel in Tübingen –, da regieren Grüne. Den Sozialdemokraten aber geht es um Benachteiligte und Verfolgte; Bürger, die nichts wollen, als zusammen zu wohnen, müssen sich in der Politik andere Anwälte suchen.

Was die CDU betrifft, so ist nicht sicher, ob viele Christdemokraten das Wort Baugemeinschaft überhaupt kennen. "Wohnraum sichern – Nachbarschaft fördern", so ist ein ganzer Abschnitt im Grundsatzprogramm der Hamburger CDU überschrieben, der ein wirkungsvolles Instrument zur Verfolgung dieser Ziele nicht einmal erwähnt.

Man muss einen Schritt zurücktreten, um zu sehen, wie wirklichkeitsblind diese Sicht der Dinge ist. Ja, unter allen Lebensräumen verspricht die Stadt ihren Bewohnern am meisten Autonomie. Was gebraucht wird, ist als Ware oder Dienstleistung verfügbar; von den eigenen Nachbarn muss der Städter nicht einmal die Namen kennen. Wer gesund und wohlhabend ist, nimmt diese Form der Bindungslosigkeit als Freiheitsversprechen wahr. Für die Übrigen bedeutet sie eine Individualisierung, deren Folgen weder Staat noch Markt ausgleichen. In der Altenpflege ist das offensichtlich, aber in Fragen von Bildung und sozialer Sicherheit verhält es sich kaum besser: Wo die Familie ausfällt, was sie aus Gründen des Arbeits- und Beziehungsmarkts und der Demografie häufig tut, regiert der sozialpolitisch verwaltete Mangel.

Was das mit Baugemeinschaften zu tun hat? Wahrscheinlich ist es der Begriff, der vom Offensichtlichen ablenkt. Als Baugemeinschaft existiert eine solche Nachbarschaft ja nur in der kurzen Zeit, die sie benötigt, ihre Häuser zu errichten. Danach wird sie für Jahrzehnte eine Gemeinschaft sein, die Elemente des Dorfes, wenn nicht der Großfamilie, in den urbanen Lebensraum importiert.

Natürlich ist diese Art der Nachbarschaft nicht die Lösung aller Probleme. Aber was an sozialen Problemen in Großstädten so auftritt, das wird in solcherart selbst organisierten Gemeinschaften seltener und deutlich schwächer ausgeprägt sein.

Außenstehenden ist das schwer zu erklären. Der Autor dieses Artikels kennt es aus seiner eigenen Nachbarschaft, die einmal als Baugemeinschaft begonnen hat. Da sind all die wechselseitigen Hilfsleistungen, vor allem unter den Alleinerziehenden: Kinderbetreuung, Hausaufgabenhilfe, gemeinsam finanzierter Musikunterricht, Kleidertauschbörsen.

Da ist die gemeinsame Infrastruktur: Werkstätten, Gemeinschaftsflächen drinnen und draußen, das elektronische Schwarze Brett, der Krisenfonds zur internen Unterstützung Arbeitsloser.

Da ist die gemeinschaftliche Organisation als Konsumenten von Ökostrom und Lebensmitteln und da ist noch viel mehr, was hier schon darum nicht aufgezählt werden kann, weil kein Einzelner das Beziehungsgeflecht überblickt, das im Laufe etlicher Jahre zwischen den Bewohnern von an die 60 Wohnungen entsteht.