Im Frühjahr 1990 schrieb der Philosoph Jürgen Habermas für die ZEIT einen berühmt gewordenen Aufsatz mit dem Titel Der DM-Nationalismus. Habermas äußerte die Befürchtung, dass sich in Deutschland eine neue nationale Gesinnung breitmachen könne: eine wirtschaftsnationale. Da seit den sechziger Jahren andere Formen des bundesrepublikanischen Bewusstseins infrage gestellt worden seien, bleibe den Deutschen als Ersatz für den weithin fehlenden Nationalstolz nur das "Selbstbewusstsein einer erfolgreichen Wirtschaftsnation" – mit der D-Mark als Symbol.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ging die europapolitische Entscheidung einher, die Mark gegen den Euro zu tauschen. Seit die Gemeinschaftswährung eingeführt wurde, hat sich die deutsche Wirtschaft von ihrer Schwächephase erholt. Dies ist vor allem auf die zunehmenden Exporte zurückzuführen. Laut Weltbank stieg der Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt von 29 Prozent im Jahr 1999 auf 51 Prozent im Jahr 2013 – ein erstaunlich hoher Anteil für ein Land von der Größe Deutschlands.

Anknüpfend an Habermas könnte man sagen, dass für die Deutschen der Export die Nationalsymbolik der D-Mark ersetzt hat. Deutschlands stolzes Attribut ist das der "Exportnation" geworden – ein Begriff, der deutlich macht, dass Exporte nicht nur wesentlich zur Leistung der deutschen Wirtschaft beitragen, sondern auch zur nationalen Identitätsstiftung. Dieses neue, schöne Bewusstsein hat allerdings bedenkliche Folgen.

Im Währungsverbund der Eurozone ist die starke Exportabhängigkeit Deutschlands ein Problem. Immer wieder wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss kritisiert, also der Nettogewinn aus dem Exportgeschäft. Er ist mit mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts inzwischen größer als der chinesische. Bei der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds in Washington wurde Deutschland unter Druck gesetzt, seine Binnennachfrage zu stärken, um so das Wachstum anderswo in der Eurozone anzukurbeln.

In Deutschland werden solche Forderungen meist als bizarre und ungerechte Kritik an der deutschen "Exportstärke" wahrgenommen. Hierzulande ist man stolz auf den Leistungsbilanzüberschuss, den man als Zeichen von Erfolg sieht, der auf die "Wettbewerbsfähigkeit" Deutschlands hinweise. Das beste Beispiel hierfür ist der Begriff "Exportweltmeister", der Deutschland zwar nicht mehr ist, der aber immer noch suggeriert, die globale Wirtschaft sei ein Wettkampf, aus dem Deutschland als ein Gewinner hervorgegangen sei. Auch wenn der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ein Problem für andere EU-Länder sein sollte – warum einen solchen Triumph verkleinern? Oder soll die Bundesregierung etwa deutsche Firmen auffordern, schlechtere Produkte herzustellen?

Natürlich ist es bewundernswert, wie viele hervorragende Produkte Deutschland herstellt, die in aller Welt gefragt sind. Doch was fehlt, ist eine grundlegende und kritische Debatte über die Bedeutung und Folgen einer solchen Exportstärke für die Volkswirtschaft. Schließlich sind Exporte nur eine von mehreren Möglichkeiten, Wohlstand zu schaffen. Doch in Deutschland haben exportierende Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit vor allem der Lohnzurückhaltung ihrer Arbeitnehmer zu verdanken. Das heißt, die Deutschen wurden für ihren Exporterfolg noch nicht einmal belohnt. Sie könnten viel mehr von ihren Profiten ausgeben, sich etwas gönnen, tun es aber nicht. Wozu dann wollen sie immer mehr exportieren?

Die Fixierung auf den Titel "Exportnation" hat nicht nur negative Wirkungen auf die Weltwirtschaft. Sie macht auch Deutschland selbst verletzlich: Hierzulande droht eine Rezession, weil die externe Nachfrage, die in der Eurozone seit Anfang der Krise abgenommen hat, jetzt auch in Russland und in China schwächelt. Trotzdem will die Bundesregierung an ihrem Kurs festhalten.

Der Versuch, immer und immer mehr zu exportieren, egal, wie, und egal, mit welchen Konsequenzen, hat offenbar eine irrationale Seite. Es kommt einem vor, als sei das Exportieren selbst das Ziel, nicht ein Mittel zu etwas. Ja, man fragt sich, ähnlich wie es Habermas einst in Bezug auf die D-Mark tat, ob Exporte für die Deutschen gar "libidinös besetzt" sind. Aus ihrem D-Mark-Nationalismus jedenfalls scheint ein Exportnationalismus geworden zu sein.

Dieser Exportnationalismus hat es für Deutschland besonders schwierig gemacht, eine Lösung für die Euro-Krise zu finden. Deutsche Exporteure haben von der gemeinsamen Währung profitiert, da die Schwäche des Euro sie außerhalb von Europa wettbewerbsfähiger macht. Um aber die gemeinsame Währung in Europa zusammenzuhalten, müssten die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone korrigiert werden. Das wiederum bedeutet, Deutschland müsste im Vergleich zum Rest der Eurozone weniger wettbewerbsfähig werden. Nur, wie soll das gehen? Deutschland muss sich schließlich seinen Marktvorteil gegenüber Ländern außerhalb Europas sichern.

Die Antwort lautet: Statt die "Wettbewerbsfähigkeit" zu verteidigen, sollte Deutschland ein ausgeglichenes Wachstum anstreben, indem es die Binnennachfrage stärkt. Der Exportsektor würde so im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt etwas kleiner ausfallen. Die Deutschen aber würden mehr von ihrer Wirtschaftskraft profitieren und dadurch wiederum anderen helfen, ihrerseits Profit zu machen. Allerdings setzt eine solche Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft ein Umdenken voraus: den Abschied vom Fetisch des Exports.