Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass allein der Westen vorgab, was in Deutschland diskutiert wurde: In Büchern, Zeitungen, Fernsehsendungen war von Ostdeutschen die Rede. Es gab auch Türken, Spätaussiedler und Asylbewerber. Aber kaum ein Westdeutscher kam auf die Idee, sich selbst als Westdeutschen zu bezeichnen. Der Westen war ganz selbstverständlich die Sonne, um die alles andere in Deutschland kreiste.

Ich war Mitte zwanzig, quälte mich mit einem Geschichtsstudium und zwei Studentenjobs herum. Da kam Neon auf den Markt, eine der erfolgreichsten Zeitschriftengründungen der nuller Jahre. Ein Magazin, das verunsicherte junge Menschen beruhigte, indem es mit ihnen in Kindheitserinnerungen schwelgte. Es ging um Computerspiele und Die drei ???. Verunsichert war auch ich. Aber ich hatte eine andere Kindheit erlebt.

Die Neon-Redaktion hatte ihren Sitz in München und wollte sich auch mit grundsätzlicheren Fragen des Lebens befassen. Gemeint waren solche: "Rede ich bereits wie meine Eltern? Ist mein Partner der Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will? Wie mache ich eine Steuererklärung? Und wie bleibe ich trotz all der Alltags-Scherereien locker?" (Neon vom 23. 6. 2003).

Meine Fragen waren das nicht. Aber vielleicht verstand ich ja etwas falsch, genau wie im Sommer 2006, als die Fußball-WM nach Deutschland kam. Großartige vier Wochen waren das, nur Zeitung durfte man nicht lesen. Dort freuten sich Kommentatoren, dass die Bundesdeutschen endlich anfingen, ihr Land zu lieben, dass sie schwarz-rot-goldene Flaggen mit der gleichen Begeisterung schwangen wie die Franzosen die Trikolore.

Hatten die Kommentatoren vergessen, dass die Ostdeutschen in den Wendemonaten 89/90 ebenfalls die deutsche Flagge geschwenkt hatten? Zu Hunderttausenden. Und hatten sich die Kommentatoren nie gefragt, warum die Ostdeutschen längst wieder damit aufgehört hatten?

Ich habe jahrelang versucht, mit dieser Ignoranz meinen Frieden zu machen. Ich habe den Westdeutschen in mir gesucht und wollte Konrad Adenauer und Fritz Walter auch zu meiner Geschichte machen. Es ist mir nicht gelungen. Irgendwann fing ich an, mich vom Westen abzukehren. Ich schrieb uns Ostdeutschen kollektive Eigenschaften zu: Solidarität, menschliche Nähe. Was für ein Blödsinn!

Deutsche Muslime lächeln wohl milde, wenn sie von meinen Problemen lesen. Ihnen mag es seit Jahrzehnten ähnlich gehen. Ein türkischer Verbandsvertreter sagte mir einmal: "Ihr Ossis habt immerhin die Möglichkeit unterzutauchen. Wir dagegen werden immer auffallen." Das ist vielleicht der wichtigste Satz, den ich je im Westen gehört habe.

Die westdeutschen Meinungsführer haben nicht mitbekommen wollen, welcher Zivilisationsbruch sich im Osten der Neunziger vollzog. Und noch heute vermeiden sie den Blick dorthin. Wenn in Nordrhein-Westfalen eine Scharia-Polizei auf den Straßen unterwegs ist, ist die Aufregung groß. Mit Recht. Aber ist den Westdeutschen bekannt, dass im Osten seit Langem rechtsextreme Bürgerwehren durch die Städte patrouillieren?

Ich habe kein Vertrauen mehr in die deutschen Gegenwartsanalysen. Und ich glaube zu wissen, dass es vielen anderen ähnlich geht. Die gute Nachricht ist: Wir, die Skeptiker der deutschen Mainstream-Debatten, werden immer mehr. Die schlechte ist: Bei vielen ist das Misstrauen inzwischen so groß, dass sie eher Putin vertrauen als der deutschen Presse.

Manchmal fürchte ich, dass ich eine zweite Revolution erleben werde.

Christian Bangel, 35, aufgewachsen in Frankfurt (Oder), ist Chef vom Dienst bei ZEIT ONLINE in Berlin