Hier wird ein hohes Risiko gegangen. Dieses Buch beschreibt Extreme, die es zwar im Leben gibt, aber immer weniger in der Literatur. Norbert Niemann verfolgt in seinem Roman eine New-Wave-Gruppe aus den achtziger Jahren bis heute und sogar darüber hinaus: Was ist aus den flirrenden Bassläufen geworden, bei denen alles möglich war, was aus dem Konzept, den Massengeschmack mit Pop zu unterwandern und die verkrusteten Strukturen aufzubrechen? Dabei wird die Vergangenheit keineswegs verklärt, das wird gleich auf den ersten Seiten klar. Da verspürt die Hauptfigur Harry Bieler schon nach wenigen Jahren eine "Abneigung gegen die immer noch abgewetzten schwarzen Hosen", gegen seine alte Szene: "Hielten sich nach wie vor für unangepasst, nichtspießig, autark. Glaubten alles zu durchschauen."

In Norbert Niemanns Roman geht es nicht einfach um die Dialektik des Pop, um das Problem, dass aus einer ursprünglich irgendwie subversiv gemeinten Affirmation des kapitalistischen Konsums letztlich eine schiere Affirmation geworden ist – die in die langen Jahre der Regentschaft Helmut Kohls hineingewachsene Wohlstandsgeneration inhalierte ja fast naturgemäß die raffiniertesten Techniken des Zynismus, des Opportunismus und der selbstreferenziellen Theoriebildung. In diesem Roman geht es um etwas Absolutes.

Ein paar Jahre nach Auflösung der Band, die sich den Namen "Die Einzigen" gegeben hatte, trifft Harry bei der Beerdigung eines ehemaligen Mitstreiters Marlene Krahl wieder, die früher der intellektuelle Kopf der Gruppe war. Marlene löst etwas in ihm aus – und das ist auch ein Nachdenken über die früheren Vorstellungen, über Musik, über Lebensentwürfe. Harry, der sich bald über die Grenzen seiner musikalischen Möglichkeiten im Klaren war, hatte schließlich dann doch die mittelständische Firma seines Vaters übernommen. Und während Sellwerth, der Verstorbene und ehemalige Liebhaber Marlenes, im Lauf der Zeit immer deutlicher mit dem Mainstream kokettierte, brach Marlene alle Zelte ab, um sich in Venedig mit musikalischer Avantgarde und speziell mit der Kompositionstechnik Luigi Nonos zu beschäftigen.

Nach dem ersten Wiedersehen kreuzt Harry eines Tages bei ihr in Venedig auf. Im alten Haus eines Transportunternehmers im Industrievorort Mestre, das in seinem verdämmernden Charakter filmisch eingefangen wird, merkt er, wie sehr sie in ihrer Musik aufgeht. Sie führt ihm ihr Studio vor, in dem sie mit alten Bandmaschinen und Kabeln, einem gewaltigen Mischpult und etlichen Keyboards (wir sind immer noch in den achtziger Jahren) mit elektronischer Musik experimentiert. Man müsse selbst zum Instrument werden, sagt sie: "Musik spielt direkt auf der Haut."

Hier spielt sich Verschiedenstes gleichzeitig ab. Es geht um eine rätselhafte Anziehung, um Liebe in Zeiten von Clustern und Crash, aber auch um eine Analyse der Musikindustrie, um die Vereinnahmung aller potenziellen kritischen Impulse, um die Punkte, an denen man neu ansetzen könnte. Und um eine Bestandsaufnahme dessen, was in den achtziger Jahren anfing und jetzt einer ersten historischen Betrachtung unterzogen werden kann. Wie sich die Sprache der Werbung und kulturelle Ausdrucksformen gegenseitig annähern und nahezu untrennbar aufeinander zu beziehen sind, wird in einem furiosen Kapitel vor Augen geführt: Harry, durch Marlenes radikale Zeitgenossenschaft angesteckt, möchte auch seine Firma auf Vordermann bringen und engagiert einen geisteswissenschaftlich-szenemäßig durchwirkten Marketingstrategen, der sichtlich auf der Höhe der Zeit ist – es waren ja die Jahre, als die kompetentesten Germanisten Art-Direktoren von Werbeagenturen wurden und Models als ästhetische Projektionsflächen zu fungieren begannen.

Der Autor denunziert derlei Protagonisten in seiner Erzählhaltung nicht. Aber er zeigt sehr differenziert die wirtschaftlichen und kulturellen Prozesse und deckt die Aporien auf. Die Sätze stimmen, die Interieurs, die Atmosphäre. Und vor allem auch die Geheimnisse. Alles mündet in einem großen, widersprüchlichen, vielschichtigen Bild: Die Musik, die Marlene ohne alle Kompromisse anstrebt, setzt rigoros den eigenen Körper ein und begreift ihn als das letzte mögliche Reservoir. Das hat etwas Verstörendes, aber auch Unbedingtes. Landläufige Pop-Attitüden und die Diskurse des Kulturpessimismus lässt dieser Roman weit hinter sich. Er hält der Generation der heute 50-Jährigen einen Spiegel vor, der grell blendet und dann auch wieder flackernde Irrlichter zeigt. Und weckt die Erinnerung daran, dass man aufs Ganze gehen kann.