Er ist eine kleine Mutprobe für alle, denen die Nöte der Höhenangsthasen bekannt sind: der Sprung in die Tiefe. Aus fünfzig oder hundert Metern. Im Prinzip jedenfalls, mir reichen acht. So hoch ist das Türmchen in dem Wohngebiet in Bad Bramstedt, 50 Kilometer nördlich von Hamburg. Das Türmchen hat ein Obergeschoss mit einem Balkon. Mittendrin ist ein Loch von rund 70 Zentimetern Durchmesser. Darunter hängt ein knautschiger, weißer Textilschlauch. Es ist also auch eine Mutprobe für jeden, der sich in Enge leicht bedrängt fühlt. Fertigungsleiter Horst Hohensee springt hinein. Ein Moment, dann ertönt von unten seine Stimme. Er scheint überlebt zu haben. Da springe ich auch.

Ich bin zu Besuch bei einer Firma mit dem unscheinbaren Namen Axel Thoms Lebensrettungseinrichtungen; sie verfügt über eine Metallwerkstatt, einen großen Nähraum und diesen Testturm. Im Warenausgang steht eine Kiste für den Versand nach Riad/Saudi-Arabien. Seit 30 Jahren stellt Thoms seine textilen Schläuche her. Und blieb doch weitgehend im Verborgenen. Denn eine gewisse Verschwiegenheit gehört zum Geschäft.

Wie evakuiert man, sagen wir, ein mehrgeschossiges Haus bei Feuer? Meist über das Treppenhaus, trotz der Enge und möglichen Gegenverkehrs durch nach oben eilende Feuerwehrmänner. Was, wenn alternative Fluchtwege hermüssen? Der älteste (sieht man einmal vom Sprungtuch ab) ist die Feuerleiter. Steil, eng, nicht jeder traut sich da runter. Für Kleinkinder, Alte und Behinderte kommt sie ohnehin nicht infrage. Und: Wo die einen rauskönnen, kommen die anderen auch leicht rein, die Einbrecher.

Eine andere Möglichkeit ist die stählerne Rettungsrutsche. In Kindergärten ist sie auch beliebt, wenn es gerade nicht brennt. Ihr Nachteil: Sie ist optisch überaus dominant. Viel diskreter ist die Variante der Bad Bramstedter, ein faltbarer Rettungsschlauch, der nur im Ernstfall in Erscheinung tritt. Er bietet sich etwa für denkmalgeschützte oder ästhetisch einheitliche Gebäudeensembles an. Zum Beispiel wenn plötzlich ein neuer Fluchtweg hermuss.

Ich rutsche langsam los. Um mich herum milchiges Licht, keine Aussicht, insbesondere nicht auf die Fallhöhe, denn es geht spiralförmig abwärts, überraschend langsam, manchmal stocke ich sogar. Kurz habe ich die Vorstellung, ein brennendes Hochhaus zu verlassen, über mir zahllose Kolleginnen und Kollegen, und plötzlich klemmt es. Dann ruckele ich ein bisschen energischer, und weiter geht’s.

Früher gab es nur sogenannte Schrägschläuche, geschlossene Rutschbahnen, die im Winkel von etwa 45 Grad abwärts installiert und irgendwo draußen am Boden fixiert werden mussten. Hier konnte man sich beim Rutschen schnell mal den Hintern und die Ellbogen anbrennen – im Ernstfall wohl das kleinere Übel. Bis zu einer Gebäudehöhe von 40 Metern sind die heute noch im Einsatz. Die nächste Evolutionsstufe des Rettungsschlauchs schmückt Thoms’ Firmenlogo: Ein Mensch scheint da durch einen Nylonstrumpf zu rutschen. Solche Rettungsschläuche führen vertikal nach unten. Damit niemand wie ein Stein durch ihn hindurchfällt, liegt der Strumpfschlauch eng an.

Als erheblich gemütlicher erweist sich dagegen mein Weg in die Tiefe durch den "Personenrettungsschlauch mit Spirale". Dank einer eingenähten, gewendelten Rutschbahn gleite ich durch ihn im halben Fußgängertempo hinunter. Selbst aus großer Höhe können sich Menschen ohne Hilfe von außen so evakuieren: Deckel auf, Lasche ziehen, Schlauch nach unten fallen lassen – allen Mut sammeln und springen.

Zusammengefaltet beansprucht die Vorrichtung etwa einen Kubikmeter Platz; und ein Fenster, unter dem es deponiert wird. Oder einen Balkon. Von draußen ist der textile Rettungsweg in beiden Fällen nicht zu erkennen.

Diese Unsichtbarkeit freut nicht nur den Denkmalschützer. Im Deutschen Herbst war das Auswärtige Amt ein guter Kunde; es stattete mit dem diskreten Fluchtweg gefährdete deutsche Botschaften aus. Auch heute noch kaufen Diplomaten in Bad Bramstedt. Als infolge der Mohammed-Karikaturen dänische und norwegische Botschaften angegriffen und teilweise zerstört wurden, wuchs in Dänemark das Interesse an Thoms’ Schläuchen. Der 11. September dagegen hat sich nicht auf den Umsatz niedergeschlagen; vielleicht, weil die Höhe World-Trade-Center-hafter Türme (mehr als 400 Meter) nicht mehr an Rettungsschläuche denken lässt.

Solche Schläuche finden sich heute meist in Auslandsvertretungen und historischen Gebäuden, aber auch in Schulen und Kindergärten, wo der alljährliche Test regelmäßig eine große Gaudi ist. Gute Kunden sind auch Flughäfen, deren Tower einen zweiten Fluchtweg braucht. Wie in Teheran, wo in 50 Metern Höhe ein Schlauch aus Bad Bramstedt installiert wurde. Das Höhenlimit für die Montage liegt heute bei 112,30 Metern. In Bogotá sind an einem 112 Meter hohen Bürogebäude zwei Vertikalschläuche montiert. Einer in der Mitte. Der andere ganz oben, für den Chef. In Tripolis ist jeder der fünf That-El-Emad-Tower auf jeder seiner je 18 Etagen mit Thoms’ Schläuchen ausgestattet. Aktuell wird über den Hamburger Fernsehturm verhandelt. An ihm drehte sich früher in 130 Metern Höhe eine Plattform mit Restaurant. Um es wiederzueröffnen, ist ein zusätzlicher Fluchtweg nötig.

Im Ernstfall bewähren mussten sich Thoms’ Systeme (das kleinste kostet 8.000 Euro) in all den Jahren nur zwei Mal: Einmal retteten sich Diplomaten in Guatemala bei Erdbeben rutschend aus einem Obergeschoss. Im indischen Mumbai ermöglichte vor fünf Jahren ein Rutschschlauch die Flucht vor einem Schwelbrand.

Auch ich schaffe es schließlich. Komme unten an, und mir ist nicht mal schwindlig. Es hat sich nämlich gezeigt, dass eine Rechtsdrehung den meisten Testpersonen Probleme bereitete. Seitdem näht man Textilbahnen ein, die sich gegen den Uhrzeigersinn abwärtsschrauben.

Und Furcht vor dem Steckenbleiben? Auf Kundenwunsch sei jeder Schlauch jederzeit anpassbar, sagt Herr Hohensee. Und erzählt dann von dem dicken 180-Kilo-Mann, der auch durchgekommen sei. Und alle anderen, die gemeinhin bei Evakuierungen als Problemfälle gelten, Kranke, Körperbehinderte, Bewusstlose, bedürfen für die Flucht durch den Schlauch nicht mehr als helfender Hände am Fenstersims. Sie werden einfach auf die Rutschbahn geschoben.

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