Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eine Drei-Minuten-Regel gibt in Deutschland: Wer behauptet, zwischen Ost und West gebe es keinen Unterschied mehr, hält höchstens drei Minuten durch. Länger nicht.

Die meisten Menschen, egal, ob aus West oder Ost, sagen zuerst so etwas wie: "Ost und West sind für mich keine Kategorien mehr!" Oder: "Wir sprechen ja auch nicht dauernd über Nord- oder Süddeutsche!"

Früher war die Rede von Jammer-Ossis und Besser-Wessis. Heute heißt es: Der Osten und der Westen sind längst miteinander verschmolzen. Das ist das neue Klischee.

In Wahrheit ist der Osten immer noch anders. Man sieht das zum Beispiel auf statistischen Landkarten, die offenbaren, dass Ostdeutsche im Schnitt weniger verdienen als Westdeutsche, dass sie länger fernsehen, dass Väter aus den neuen Ländern häufiger in Elternzeit gehen als Väter aus den alten Ländern.

Meistens reicht es, nur eines dieser Themen anzusprechen, und nach höchstens drei Minuten fangen viele Leute damit an, jene Unterschiede zu erklären, die sie eben noch geleugnet haben.

Ich bin 26 Jahre alt. Auf den ersten Blick ist mir von der DDR nicht mehr geblieben als ein Impfausweis mit eingeprägtem Hammer-und-Sichel-Symbol. Solange ich in Sachsen lebte, habe ich mich nie gefragt, wie ostdeutsch ich bin. Erst als ich zum Studium in den Westen ging, merkte ich, was mich und meine früheren Klassenkameraden von Gleichaltrigen aus den alten Ländern unterscheidet: Wir sind meistens die ersten Akademiker in unseren Familien. Und: Wir haben schon mehr Länder bereist als die meisten unserer westdeutschen Freunde.

Meine Mitschüler hießen Andy, Jacqueline, Norman oder Cindy. Typische Ost-Namen. Ich habe mich einmal mit einer Professorin mit dem Vornamen Peggy unterhalten. Prof. Dr. Peggy lehrte in Schleswig-Holstein. Sie erzählte mir – in den ersten drei Minuten –, dass ihre Ost-Herkunft unter den Studenten wirklich gar kein Thema sei. Dann fragte ich, wie die Studenten auf den Namen Peggy reagierten. Sie antwortete, das könne sie nicht sagen. Sie habe ihren Vornamen bislang eher geheim gehalten, er vermittle nicht gerade eine Aura der Autorität in Schleswig-Holstein. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er sie als Ostdeutsche oute. Sie habe aber keine Lust mehr, sich für ihre Herkunft zu rechtfertigen. Null Bock auf Ost-West-Debatten.

Wir Ostdeutschen sind verdruckst geworden. Was auch daran zu erkennen ist, dass wir hin und wieder unsere Herkunft verbergen. Wenn ich früher gefragt wurde, wo ich herkomme, habe ich gesagt: "Ich komme aus München." Dort habe ich studiert. Wir wollen das Ostdeutsche und das Anderssein abschütteln, indem wir es leugnen.

Zu Hause lernte ich früh, mich von Parteien besser fernzuhalten. Meine Eltern erinnerten sich an die Einheitspartei, mit der so viele DDR-Bürger nichts zu tun haben wollten und die doch allgegenwärtig war. Diese alte DDR-Angst hat sich offenbar auf meine Generation übertragen.

Nach den Landtagswahlen vor einigen Wochen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg war ich einigermaßen überrascht: nicht unbedingt davon, dass die AfD in alle drei Landesparlamente einzog. Sondern vor allem davon, wer diese Partei gewählt hatte. Es waren überproportional viele junge Menschen mit Abitur oder mittlerer Reife. Es waren Leute wie ich. Und ich versuchte, mir das zu erklären. Die AfD präsentiert sich als unideologisch, als Anti-Partei, als ein bisschen konservativ, ein bisschen links. Das gefällt denen, die von Parteien nicht viel halten. So profitiert die AfD von jener ostdeutschen Skepsis, die wir von unseren Eltern übernommen haben.

Vor zwei Jahren war der Schauspieler Matthias Schweighöfer in Dresden. Er machte Werbung für einen neuen Film. Also gab er diversen Journalisten in einem Riesenkino Interviews wie am Fließband. Auf fast jede Frage der Kollegen fiel ihm etwas Lustiges ein. Auf meine erst einmal nicht. Ich wollte nämlich wissen, warum Regisseure so gern Filme über den Osten drehen, zum Beispiel Barbara, Das Leben der Anderen oder Good Bye, Lenin!. Und ich fragte Schweighöfer, welcher dieser Filme ihm am besten gefalle.

Matthias Schweighöfer ist 33 Jahre alt und in Chemnitz aufgewachsen. Er ist selbst in einem Ost-Film zu sehen, in Friendship! . Schweighöfer spielt darin einen Ossi, der nach dem Mauerfall durch Amerika reist.

Jetzt aber guckte er mich an, als hätte ich ihn nach der politischen Situation in Tadschikistan gefragt. Es war, als habe ihn jemand an etwas erinnert, was er lieber vergessen möchte. Mir fiel die Drei-Minuten-Regel ein, und ich fragte ihn, ob er mir die Frage vielleicht später beantworten könne. Okay, sagte Schweighöfer.

Am nächsten Tag, in einem anderen Kino, stand ich wieder in der Reihe der wartenden Journalisten. Eine PR-Mitarbeiterin von Schweighöfer sagte, mit Fragen zum Osten sei es schwierig, "ein heikles Thema!". Doch dann fing Schweighöfer an zu erzählen: Er sei es leid, über Ost und West zu reden. Aber wenn er es sich überlege: Sonnenallee sei sein Lieblingsfilm über die DDR. Und: "Um ehrlich zu sein, hätte ich am liebsten selbst mitgespielt, ich bin sogar zum Casting gefahren." Es sei eben ein fröhlicher Film über den Osten gewesen, sagte Schweighöfer noch, das habe ihn damals wahnsinnig gefreut.

Ihn ärgert es offenbar, wie trübselig viele Ost-Filme daherkommen. Wie sie den Osten als trostlose, allenfalls schrullige Gegend zeigen. Ich wusste, was er meinte. Auch ich finde den Osten viel interessanter, viel positiver als die Generationen vor mir.

Wir sind aufgewachsen in einer Zeit der Ost-West-Stereotype, einer Zeit der Konfrontation. Jetzt hingegen tun wir gern so, als gäbe es keine Unterschiede mehr zwischen Ost und West. Ich möchte das nicht länger gelten lassen. Zumindest nicht länger als drei Minuten.

Anne Hähnig, 26 Jahre alt, wurde im sächsischen Freiberg geboren. Sie arbeitet als Autorin im Dresdner Büro der ZEIT